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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa

Hamburg

Heimat  = Pogrom

Die Aussprache des aserbaidschanischen Wortes für Haselnuss, „fundukh“ wurde im Bürgerkrieg von Berg Karabach zur entscheidenden Frage über Leben oder Tod. Wenn du „fundukh“ sagen kannst, bist du Muslim. Dann ist alles gut.“ Aserbaidschaner und Armenier würden dieses eine Wort unterschiedlich aussprechen und so könne man identifizieren, wer zu wem gehöre. Die kleine Maria „Mascha“ Kogan, die Protagonistin des vorliegenden Romans, deren Mutter ihr das so erklärt hatte, ist aber Russin und Jüdin noch dazu. Aber auch das schützt ihre Familie nicht vor dem Pogrom und so fliehen sie nach Deutschland, Frankfurt. Was am 20. Februar 1988 begann, nämlich, dass Bergkarabach seine Autonomie verkündete und damit seinen Austritt aus der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik manifestierte, war vielleicht ein weiterer kleiner Mosaikstein, der zum späteren Zerbrechen des ganzen Ostblocks führte. Für die Betroffenen freilich war es kein Mosaikstein, sondern ein Kampf ums Überleben, der – wenn er glücklich ausging – in die Emigration führte. Vor diesem historischen Hintergrund spielt der vorliegende Roman, indem die Protagonistin sich überall fremd fühlt: „Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten – der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom.“

Von Streuobstwiesen und anderen Moteks

Menschen mit traumatischen Störungen würden - wenn sie lieben – vernichten, hatte Mascha einmal irgendwo gelesen: „Elischa ging drauf.“ Ihr deutscher Freund Elias zieht sich bei einer Sportverletzung eine eitrige Verwundung zu und stirbt daran. Sie hatte ihn in einer Galerie kennen gelernt, wo er den denkwürdigen Satz: „Alles was die meisten Bilder brauchen, um große Kunst zu sein, sind leere weiße Wände.“ in ihre Richtung sagt. „Er war jemand, der mit seinem ganzen Körper und seiner ganzen Seele liebte.“, so denkt sie auch noch nach seinem Tod über ihn. Mascha liegt in der Todesnacht neben ihm und holt die Rettung ein paar Stunden zu spät, sie war eingeschlafen. Elias wollte aber selbst nicht ins Krankenhaus, nicht noch einmal. Der Verlust eines geliebten Menschen gehört wahrscheinlich zu den größten Traumata im Leben eines Individuums, noch dazu, wenn man sich dafür verantwortlich und schuldig fühlt. Mascha isst tagelang nichts mehr, vergräbt sich in seinen getragenen Klamotten und bricht mehrmals zusammen. Doch ihre Freunde Cem und Sami und natürlich ihre Familie retten ihr das Leben. „Ich lebte ein Vakuum“, sagt sie über sich und „Mein Gehirn funktionierte wie ein Automat“. Schließlich schläft sie mit ihrem Professor auf der Uni, der ihr einen Job in Israel beschafft. Eigentlich wollte sie ja für die UN arbeiten, aber als Simultanübersetzerin für Französisch, Englisch, Arabisch, Deutsch wird sie in Israel gebraucht. Dort lernt sie die Geschwister Ori und Tal kennen, bis sie sich schließlich eingestehen muss: „Doch meine Trauer war keine Krankheit und Israel kein Sanatorium.“ Als Cem sie besucht, ist ihre Rückfahrkarte schon gebucht.

Eine sowjetische Briefkarte von 1964 zeigt den Kosmonauten Juri Gagarin.
Juri Alexejewitsch Gagarin auf einer sowjetischen Briefmarke von 1964. (Е. Анискин/Wikimedia Commons)

Zwischen den Welten: Mascha

„Alle Russen wollten Kosmonauten werden“, schreibt Olga Grjasnowa, besonders nachdem Juri Gagarin im Weltraum war. Auch ihr Vater absolvierte das Kosmonautentraining, aber er durfte nie fliegen, dafür im Ministerium arbeiten. Der Zusammenbruch der Sowjetunion sei wohl die größte Überraschung seines Lebens gewesen, erzählt seine Tochter Mascha im Roman. „Sein Deutsch blieb rudimentär, begleitet vom türkischen Klang, russischer Satzlogik und lateinischen Fremdwörtern.“ Mascha ist eine junge Frau, die multikulturell aufwächst und sich doch gegen jedwede Vereinnahmung und Integration wehrt. Sie spöttelt über „Religions- und Kulturrabatt“ genauso wie über ihr Gastland, aber natürlich stets mit einer gewissen Prise Humor. Spott ist nicht immer gleich Kritik. Die authentische Sprache der Autorin vermittelt ein ebenso authentisches Bild einer Jugend in Deutschland und dem Erwachsenwerden in Israel und vor allem, wie man mit seinen eigenen Traumata fertig wird: ein Buch schreiben. Olga Grjasnowa erzählt die erschütternde Geschichte von Mascha, als wäre es ihre eigene, und es bleibt die Hoffnung, dass sie zumindest in ihrem Roman eine neue wirkliche Heimat gefunden hat.

Olga Grjasnowa
Der Russe ist einer, der Birken liebt
Hanser
2012 · 288 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-446238541

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