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Kritik

Nach dem Happy End

Olga Grjasnowas zweiter Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ möchte die Wirren einer offenen Beziehung durchdringen, bleibt jedoch in Klischees stecken.
Hamburg

Die meisten Klappentexte sind nichtssagend; manche führen regelrecht in die Irre: Olga Grjasnowas zweites Buch ist vieles, aber bestimmt kein „ungeheuer direkt erzählter Roman“. „Rasante Dreiecksgeschichte“ kommt schon eher hin, wenn auch die Rasanz bisweilen schwächelt. Dabei machen die vielschichtig angelegten Figuren durchaus neugierig; ihre immer wieder changierenden Dynamiken lassen auf Leidenschaft und Abgründiges hoffen:

Leyla, Mitte zwanzig und gebürtige Aserbaidschanerin, war eine gefeierte Ballerina am Moskauer Bolschoi-Theater. Nach einem Sturz scheint ihre Karriere zu Ende. Mit ihrem Mann, dem schwulen muslimischen Psychiater Altay, zieht sie nach Berlin. Leyla selbst steht eigentlich eher auf Frauen, was sie jedoch nicht daran hindert, eine liebevolle, auch sexuell erfüllte Beziehung mit Altay zu führen. Zunächst als Scheinehe angelegt, um ihre Familien ruhigzustellen, entwickelt sich zwischen den beiden rast- und haltlosen Seelen bald eine Symbiose, die mit Verlustängsten und Eifersucht einhergeht. Als Leyla ein Verhältnis mit der chaotischen Medienkünstlerin Jonoun anfängt, die dann auch noch bei dem Paar einzieht, gerät die offene Ehe aus dem Gleichgewicht. Auch Jonoun, die bis dahin ein nomadenhaftes Leben zwischen psychisch gestörter Weltenbummler-Mutter, israelischem Kibbuz und New Yorker Bohème führte, ist auf der Suche nach Sicherheit und Beständigkeit, die sie jedoch bei der auf Verzicht und Narzissmus gedrillten Leyla nicht findet. Das Beziehungsdrama nimmt seinen Lauf – bis Leyla beschließt, den Verstrickungen zu entfliehen, und sich in ihre Heimatstadt Baku absetzt.

Dort setzt der Roman ein. Leyla ist am Tiefpunkt angekommen, genauer gesagt: Auf dem Boden einer Gefängniszelle, nachdem sie an einem illegalen Autorennen in der Innenstadt Bakus teilgenommen hat, „die letzte Möglichkeit der Revolte“. Der Prolog protokolliert die „Stunde Null“; von hier aus wird die Geschichte der drei Hauptfiguren rückwärts erzählt.

Dieser dramaturgische Kunstgriff ist vielversprechend, wenn auch zunächst nicht ganz leicht zu entschlüsseln. Das eigentliche Rätsel jedoch ist: Wie aus den Zutaten eines derart exzentrischen Personals und solch exotischer Schauplätze ein derart lebloser Roman entstehen konnte.

In ihrem Debütroman „Ein Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) war Grjasnowa ganz nah dran an ihrer talentierten, traumatisierte Heldin und deren kosmopolitisch-heimatlosen Freunden; ihr Ton war zwar lakonisch, aber immer auch berührend. Dass sie sich in ihrem Zweitling weiter von der eigenen Biografie entfernt, ist konsequent – herausgekommen ist jedoch ein Buch, das eher an ein Romangerüst erinnert als an fertig ausgearbeitete Literatur.

Vielleicht hat sich die Autorin mit ihrem Arsenal an süffigen Haupt- und Nebenfiguren mit wilden Vergangenheiten einfach ein wenig überschätzt, beziehungsweise sich zu wenig Zeit gelassen, ihre Charaktere wirklich zu entwickeln. Denn was sie in „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ erzählen möchte, hätte locker für tausend Seiten ausgereicht Auf 260 Seiten jedoch bleiben größtenteils Skizzen, die nicht wirklich unter die Haut gehen. „Der Wille zum Funktionieren wurde allmählich zum Fundament ihrer Persönlichkeit“, heißt es beispielsweise über Leylas strenge Erziehung durch die Mutter, und weiter: „Leylas bisheriger Erfahrung nach resultierte Liebe aus Leistung“. Diese Sätze leuchten ein, bleiben jedoch auf Distanz zu dem, was sie beschreiben. Leylas Ängste, ihre Unruhe und ihr Liebeshunger werden an kaum einer Stelle wirklich fühlbar. Stattdessen klingen große Teile des Romans wie Auszüge aus einem Therapiebericht – nüchtern und floskelhaft. So wird auch das Trauma des Unfalls, der für Leyla den Karriereknick bedeutet, lieblos heruntererzählt: „Sie erlitt einen Muskelfaserriss und musste operiert werden. Obwohl die Verletzung nur langsam heilte, hätte Leyla nach der Reha weitertanzen können, doch sie hatte ihre Selbstsicherheit verloren.“

Nun gut, könnte man denken, dies ist die Vorgeschichte, bei der sich die Autorin vielleicht nicht seitenlang aufhalten wollte. Doch setzt sich der zusammenfassend-erklärende Stil auch in der Erzählgegenwart fort, sodass einen auch die Liebeswirren der drei Hauptfiguren seltsam kalt lassen.

„Jonoun sehnte sich nach Leyla. Sie wollte mehr Nähe, mehr Beziehung, sie wollte nicht verlassen werden.“ So knapp wird Jonouns Sehnsucht abgehandelt. Um später zu relativieren. „Jonoun liebte Experimente, und sie liebte das Gefühl, verliebt zu sein“.

Wieso zeigt die Autorin dies nicht in konkreten Szenen, in Dialogen, Blicken, Berührungen?

Nur selten gewährt Grjasnowa einen tieferen Einblick in ihre Figuren, lässt es zu, dass einen die Atmosphäre einer Szene gefangen nimmt. So zum Beispiel, als Altay und Leyla am Flügel sitzen und vierhändig Debussy spielen, während Jonoun daneben steht und sich fragt, wozu diese beiden Kinder aus gutem Hause, die so vertraut miteinander scheinen, sie eigentlich brauchen. Anschaulich geschildert ist auch Altays tägliche Herausforderung auf der Drogenstation eines Weddinger Krankenhauses, zwischen Depressiven, Randalierern und Junkies nicht selbst den Verstand zu verlieren.

Ansonsten jedoch wird fast nur über die Personen erzählt und selten in sie hineingeschaut. Ihr Schillern erschöpft sich in den Aufzählungen exzentrischer Attribute, ihre Gefühlwirren bleiben größtenteils Behauptung.

Auch die energetische Kraft ihrer Schauplätze hat Grjasnowa verschenkt. Egal, ob es um Moskau geht („blonde Frauen im Zentrum von Moskau, die kollektiv Pamela Anderson kopierten und auf Pelze, Blutdiamanten und It-Bags setzten“), Berlin („Charlottenburg hatte schon längst seinen subversiven Glanz eingebüßt.“) oder Baku („Das Alijew-Regime hatte sich in das Stadtbild eingeschrieben.“) – statt die Orte lebendig werden zu lassen, konfrontiert sie ihre LeserInnen mit dem knappen, leicht ironischen Stil einer Reisereportage.

Nach Leylas Freilassung machen sich Leyla und Jonoun auf einen Roadtrip in die abgelegenen Provinzen Aserbaidschans, während Altay sich in Baku mit Farid, dem ältesten Sohn eines hochrangigen Politikers, vergnügt. Der oftmals groteske Gegensatz zwischen Verfall und neuem Reichtum, zwischen eklatanter Homophobie einerseits und glamourösen Schwulenparties andererseits, wird lediglich angerissen. Obwohl Grjasnowa den postsowjetischen Kaukasus ganz offensichtlich gut kennt – sowohl aus der Innen- wie auch aus der Außensicht – kommen die Betrachtungen selten über bekannte Klischees wie korrupte Polizisten oder „Kaviar, Cracker und Champagner“ beim Galeriebesuch hinaus. Selbst der wichtige Hinweis, dass Berlin zwar für nicht-heterosexuell orientierte Menschen zunächst freier wirkt, diese „Freiheit“ letztendlich jedoch auch nur für weiße Männer mit deutschen Pässen und einer gewissen Kaufkraft gilt, wird wieder nur schablonenhaft in Dialoge gepresst, die dadurch reichlich unnatürlich wirken. So sagt Farid bei einem Abendessen zu Altay: „Der Westen braucht den Diskurs über Homosexualität, um sich der eigenen moralischen Überlegenheit zu vergewissern.“ Das ist zwar richtig, klingt aber nicht nach lockerem Dinnergespräch, sondern eher wie das Fazit einer Gender Studies-Hausarbeit.

Ein literarischer Einblick in komplexe Paardynamiken und interkulturelle Begegnungen wäre wünschenswert gewesen. Die im Titel versprochene „Unschärfe“ bleibt jedoch unter Stereotypen und Spruchbändern begraben.

Olga Grjasnowa
Die juristische Unschärfe einer Ehe
Hanser
2014 · 272 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24598-3

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