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Wir reden über Literatur
Kritik

Ein Buch, unausschöpflich wie das Leben

Olga Martynova hat sich in ihrem dritten Roman eines tragischen Themas angenommen, von dem sie ernst, humorvoll und folgenreich erzählt.
Hamburg

Während fast alle Disziplinen versuchen herauszufinden, warum etwas so ist, wie es zu sein scheint, bezieht die Literatur eines ihrer größten Spannungsfelder daraus, zeigen zu können, warum etwas ganz anders ist, als es zu sein scheint.

"Der Engelherd" ist Olga Martynovas dritter Roman; im Grunde geht es in all ihren Romanen darum, wie wenig wir ausdrücken können, was wir denken, fühlen und meinen. Dass die Möglichkeit, missverstanden zu werden, stets größer ist, als das seltene Gefühl, wenn uns jemand, wenigstens scheinbar, wirklich versteht.

Ein weiterer roter Faden in den Romangeweben Martynovas ist die Überzeugung, dass es eine der wichtigsten Aufgaben der Literatur ist, unser intuitives Wissen so in Worte zu fassen, dass es den Leser erreicht. Das ist ohnehin und immer schwer, umso schwieriger aber, wenn man sich an ein so heikles Thema wie „Euthanasie“ wagt. Denn darum geht es in „Der Engelherd“, auch wenn das Wort niemals ausgeschrieben wird.

Martynova hat sich von Anfang an dagegen entschieden, Fakten zu nennen, einerseits, weil es genug Wissen darüber gibt, andererseits aus Ehrfurcht. Im Gespräch mit ihrem Lektor sagt sie:

„Das wirklich Tragische ist nicht spektakulär, sondern trist. Effekte sind zufällig und vorübergehend. Was bleibt, ist die unendlich Trauer, mit der zu leben ist.“

Tatsächlich ist Olga Martynova mit „Der Engelherd“ eine generationenübergreifende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, und insbesondere mit der Euthanasie gelungen.

Unentbehrlich für dieses Vorhaben ist der im Titel angeführte „Engelherd“1, denn Engel spielen eine wichtige, verbindendende Rolle in diesem Romangewebe. Aber beginnen wir mit den Menschen, die einigen Lesern u.U. bereits bekannt sein dürften, denn die Hauptfiguren Caspar Waidegger und Laura, deren Liebesgeschichte hier u.a. erzählt wird, tauchten bereits in Martynovas letztem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ auf.

Martynova wollte den zunächst unsympathisch, egozentrisch erscheinenden Waidegger aus einem anderen Blickwinkel zeigen. Selbst Laura bemerkt im Buch, dass CW, wie sie ihn nennt, immer netter wird.

Aber das ist längst nicht alles, den vier Jahreszeiten in die das Buch unterteilt ist, korrespondieren vier Perspektiven, aus denen erzählt wird. Das „Journal eines Engelsüchtigen“, das Engelbuch von Maria, Waideggers geistig behinderter Tochter2, und eine auf einem der Gesellschaftsmittage entstandene Idee eine Geschichte zu erzählen, die durch Kitsch so nah am Leben ist, wie nur möglich. Die Einschübe, die aneinander anschließenden Episoden und Geschichten aus den unterschiedlichen Perspektiven, kommentieren das zuvor Erzählte bevor sie es fortführen, oder in eine unerwartete neue Richtung lenken, so dass der Leser es im Grunde mit vier miteinander kommunizierenden Ebenen zu tun hat.

Manchmal wird die Geschichte direkt aus der anderen Perspektive (des anderen Buches, der Engel usw. weiter erzählt. Besonders die Engel mit ihrem fehlenden Unterscheidungsvermögen, machen die Tragik des Buches, die unerträglich grausamen Stellen, lakonisch, und sorgen auf diese Weise dafür, dass man sie irgendwie aushalten kann. Da es für Engel weder Zeit noch Raum gibt, kann Martynova in ihrem Roman immer wieder in die Zukunft blicken und der Vergangenheit Raum geben. 

Aber nicht nur die Engel, auch die immer wieder originellen und humorvollen Metaphern Martynovas, brechen die Tragik und machen den Roman neben aller Ernsthaftigkeit zu einem Lesevergnügen. Wenn z.B. anlässlich oberflächlicher Gespräche beschrieben wird;

„Es gab sowieso keine gemeinsame Unterhaltung, alle redeten in sich bildenden und wieder zerfallenden Gruppen, wie chemische Elemente bei einem endlosen Versuch eins besoffenen Chemikers.“

Oder Gefühle, aufgrund der Übermacht von Verstand als „Hasenbrot“ beschrieben werden,

„das du aus deiner frühen Jugend mitgebracht hast, unklar, ob noch zu gebrauchen.“

Das alles, und außerdem zahlreiche literarische Anspielungen, von Kenzaburo Oe, über Montaigne, Sappho, Faust, Hölderlin und Batjuschkow, bis Hamlet und Ophelia, um nur einige herauszugreifen, sind so gekonnt in den Stoff gewirkt, dass nicht nur der „Zwischenfall am See“, der als unterhaltsames Gesellschaftsspiel begonnen hat, unversehens zur tragischen Geschichte von Waideggers Mutter und seiner Stiefschwester, wird. Immer wieder zeigt sich, wie das, was im Unbewussten vergraben liegt, was wir vergangen und vergessen wähnten, sich erneut seinen Platz in der Gegenwart erobert, fortwirkt.

Viele Fäden laufen nach und nach zusammen, ergeben ein Bild, das sich ständig ändert, scheinbar schärfer wird.

„Durch Benennung wird das Unerträgliche, also Unmögliche fassbar, also möglich und folglich erträglich.“

Aufgabe der Literatur, so Martynovas unerschütterliche Überzeugung, ist es, dem Lesenden zu helfen, sich und sein Leben zu verstehen. Eine Flaschenpost, die manchmal erst viel später, manchmal aber auch sofort ans Ufer gespült wird. Besonders diesem Buch wünsche ich viele Leser, die versuchen zu verstehen. Nicht nur, weil es außergewöhnlich gut geschrieben ist, sondern, weil es darüber hinaus eine wichtige Botschaft hat. Nicht zuletzt, indem es zeigt, dass die Vergangenheit niemals vergangen ist, denn in Wirklichkeit ist es mit der Zeit, entgegen unserer menschlichen Überzeugung, doch wohl eher so, wie die Engel sie handhaben und empfinden.

  • 1. Ein Engelherd ist eine den im Mittelalter gebräuchlichen Vogelherden nachempfundene Falle, um Engel einzufangen.
  • 2. Ein Bildband mit Engeln von Paul Klee, in den Maria vorsichtig und behutsam eigene Zeichnungen einfügt, die die Engel verstehen und mit denen sie sogar eine Verbindung zum „Häuptling der Engel“, ihrem Vater, Caspar Waidegger, herstellen kann.
Olga Martynova
Der Engelherd
S. Fischer
2016 · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-10-002432-9

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