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Kritik

Grün orange Decken oder vom Weben fantastischer Texte

Hamburg

„In einem Roman wird das Leben beschrieben, da läuft angeblich die Zeit, aber sie hat nichts Gemeinsames mit der wirklichen Zeit, da gibt es keine Ablösung des Tages durch die Nacht, da entsinnt man sich spielerisch beinah des ganzen Lebens, während du dich in der Wirklichkeit kaum an den gestrigen Tag erinnern kannst. Und überhaupt: Jede Beschreibung ist falsch. Der Satz: 'Ein Mensch sitzt, über seinem Kopf ist ein Schiff' ist doch vielleicht richtiger als 'Ein Mensch sitzt und liest ein Buch'. Der einzige seinem Prinzip nach richtige Roman ist der von mir. Aber er ist schlecht geschrieben.“

Mit diesem Zitat von Alexander Wwedenskij endete der erste Roman Olga Martynovas „Sogar Papageien überleben uns“. Mit diesem Zitat beginnt ihr neuer Roman „Mörikes Schlüsselbein.“

Und in diesem Zitat, das einmal am Ende und einmal am Anfang steht, liegt die Beschreibung dessen, worum es in Romanen geht, um das Leben, um die Zeit, um die Unmöglichkeit einer Beschreibung, vielleicht sogar um die Unmöglichkeit einen „richtigen“ Roman zu schreiben.

Vielleicht hat tatsächlich bislang niemand außer Wwedenskij einen dem Prinzip nach „richtigen“ Roman geschrieben. Fest steht, so gut geschrieben, wie die von Olga Martynova sind die wenigsten.

Ich erinnere mich an ein „Streitgespräch“ zwischen Olga Martynova und einer Buchhändlerin anlässlich einer Lesung ihres ersten Romans. Die Buchhändlerin behauptete, ein Roman sei dieses Buch ja nicht und Martynova bestand darauf, dass es genau das sei.

Auch Mörikes Schlüsselbein ist ähnlich aufgebaut, kurze, in sich geschlossene Geschichten, die jede auch für sich funktionieren würden, aneinander gereiht aber eine Geschichte erzählen, einen Roman.

Die Einzelteile (ihren ersten Roman hat ein Rezensent damals einen Blogroman genannt) passen nicht nur einfach zusammen, sondern sind höchst kunstvoll miteinander verwoben. Eine russisch-deutsche Decke mit Fäden aus Lyrik und Prosa.

Und darüber hinaus kluge Zeitgeschichte, angereichert mit sensiblen Beobachtungen über Rassismus, Antisemitismus, Lebensmittelpanik, political correctness und die Angst der Deutschen vor dem Islam. Das alles mit dem ganz speziellen Witz Martynovas erzählt.

Es geht um Liebe, Familie, darum, ein Dichter zu sein und zu werden, um Sterben und Unsterblichkeit, Gleichgültigkeit und Nächstenliebe. Aber man findet in diesem Buch auch Fantasy Geschichten, Agenten und Märchenhaftes. Dass das alles zusammenpasst und eben doch einen Roman ergibt, der nicht nur spannend, sondern auch witzig und klug ist, liegt an Martynovas großem Talent. Ihr gelingt es die unterschiedlichsten Aspekte zu einer leuchtend grün-orangen Decke zu verweben, unter der der Leser gerne ein paar wunderbare Stunden lang verschwindet.

Marina und Andreas reisen mit Andreas Kindern aus erster Ehe nach Tübinen. Im Bogengang zum Kreuzgang des Stiftes, entdecken sie eine Vitrine, in der laut Beschriftung das Schlüsselbein des Dichters Eduard Mörike ausgestellt ist, als Leihgabe des Pragerfriedhofs in Stuttgart. Moritz, Andreas Sohn, der junge Mann, aus dem im Laufe des Romans ein Dichter werden wird, bleibt lange vor dieser Vitrine stehen und fantasiert, wie es zu diesem Ausstellungsstück gekommen ist:

„Die jungen Dichter werden von den Geheimnissen angezogen, die hinter dem Scheitern eines mit Genialität ausgestatteten Lebens stecken (den alten reicht ihr eigenes Pech). Mein junger Freund, sagte Hölderlin zu ihm (Holunder und Wacholder an all den holden Hängen des ganzen Neckar entlang spitzten ihre Ohrenblätter, um ihren Namensvetter besser hören zu können), nimm dir mein Schlüsselbein, ich werde sowieso bald sterben, was soll ich mit zwei Schlüsselbeinen. Der Scardanelli braucht keins, dem Holder wurde längst alles weggenommen. Mörike (er war gerade in die vergebliche Liebe seines Lebens verliebt und durchschaute viele Geheimnisse, wie jeder, der die stärkste Verliebtheit seines Lebens gerade erfährt) begriff: In diesem Schlüsselbein ist die dichterische Kraft eingeschlossen. Er nahm sich zusammen, seinen ganzen Willen, und riss aus seinem Körper sein eigenes Schlüsselbein, warf es aus dem Fenster in den bläulich silbernen Neckar und steckte sich an seine Stelle das Schlüsselbein des armen Holder.“

Die Neugier, das Biografische, die Fantasie. Die „Zutaten“ für gute Gedichte sind in „Mörikes Schlüsselbein“ nicht nur enthalten, sondern entfaltet.

„Die Geburt eines Dichters aus der Spießigkeit“ hat Martynova selbst die Entwicklung Moritz zu einem Dichter, in einem der unzähligen Interviews nach dem Bachmann Preis im letzten Sommer, genannt. In der Tat entpuppt sich Moritz als Autor mindestens einer  der Geschichten in „Mörikes Schlüsselbein“.

Wenn Moritz 90 Jahre alt sein wird, und ein Buch über seinen Vater schreiben will, wird er sich an Marina erinnern: „Er mochte sie und verdankte ihr sogar seinen ersten Roman, für den er die Bruchstücke ihrer Erzählungen über ihre Jugend und ihren Freundeskreis gesammelt und mit seiner eigenen Fantasie zusammengeklebt hatte.“ In „Mörikes Schlüsselbein“ macht Martynova ganz praktisch vor, wie Erzählungen und Biografisches einen Roman beeinflussen.

„Das ganze Leben dranbleiben an den wenigen Themen, die nur deine sind.“ schreibt Uwe Kolbe in „Ankleben verboten! Die Technik des Dichters in 13 Thesen.“ Und was für ein Glück, wenn es solche großen Themen sind, die sich ohnehin nie erschöpfen, zumal wenn man über Martynovas Humor und Fantasie verfügt.

Man müsse die Lyrik und die Prosa trennen, sagte Olga Martynova unlängst in einem Interview. Sie sei in der glücklichen Lage, sie sogar sprachlich trennen zu können, indem sie Gedichte weiterhin in ihrer Muttersprache, Prosa jedoch auf Deutsch schreibe.

Ganz stimmt das nicht. Denn ihre Romane sind zum Glück nicht ohne Poesie, nicht ohne die spezielle Verdichtung, die sie der Lyrik verdanken. Sie sind nicht einmal ohne Gedichte. Sondern eine einzigartige Verknüpfung von Lyrik und Prosa.

Martynova knüpft an und webt weiter, verknüpft und verknotet, was nur scheinbar nicht zusammenhängt. Kein Faden, der nicht wieder aufgenommen wird. Keine Maschen, die ins Leere laufen. Nirgendwo Fäden, die sich verwirren.

Souverän und unvergleichlich schön webt Olga Martynova dem Leser mit diesem Buch seine eigene grün-orange Decke. Und wer jetzt endlich wissen möchte, was es mit dieser grün-orangen Decke auf sich hat, sollte am besten sofort selbst zu lesen anfangen und alle anderen, die einfach nur gute Bücher zu schätzen wissen, auch.

Olga Martynova
Mörikes Schlüsselbein
Droschl
2013 · 320 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-854208419

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