Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Gertrud Kolmar Preisverleihung
x
Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Untergrundstudien

Oliver Harris treibt sich mit „London Underground“ im Bunkersystem der britischen Hauptstadt herum
Hamburg

Untergrundgeschichten haben immer einen gewissen Reiz. Wer erinnerte sich nicht an die wüsten Verfolgungsjagden in den wunderbaren ungelenken Krimis mit dem grauslichen Klaus Kinski, der sich seinerzeit in dunklen Löchern herumtrieb, um daraus hervor ein irres Lachen zu stoßen? Und der arme Herr Fuchsberger musste ihm dann hinterherrennen. London und Untergrund ist also eine bekannte und berüchtigte Geschichte. Und Oliver Harris kann daran anschließen.

Das gibt selbstverständlich Anlass für die weitreichendsten Assoziationen und Symbolismen: Untergrund als Ort der Widerstands gegen eine schlechte Herrschaft oder als Gegenwelt zur bürgerlichen Oberfläche oder auch nur als Höllenpfuhl, aus dem nichts Gutes kommen kann. David Peace hat das noch in seinem Red Riding Quartett ausgiebig genutzt.

Nun will auch Oliver Harris seine Leser tatsächlich mit in den Londoner Untergrund nehmen, und hat sich die dazu passende Geschichte ausgedacht. Ein suspendierter Polizist gerät in eine Verfolgungsjagd, verliert den Verfolgten in der Nähe eines stillgelegten Bunkereingangs und macht sich einen Spaß daraus, eine neue Flamme zum Rendezvous dorthin einzuladen. Er will mit ihr eine der Champagner-Flaschen köpfen, die er dort gefunden hat, und vielleicht eine der Pillen einfahren, die gleichfalls dort kistenweise herumliegen.

Die Frau verschwindet aber von diesem trauten Plätzchen, offensichtlich entführt, und sie bleibt auch verschwunden, egal was der Polizist sich auch einfallen lässt. Ihr Entführer will ihn anscheinend auf irgendeinen Skandal aus den achtziger Jahren ansetzen und hinterlässt dem armen Mann immer wieder Botschaften, mit deren Hilfe der Skandal dann aufgedeckt werden kann.

Unser armer Nick Belsey rennt selbstverständlich los, denn obwohl Alki, Junkie und heruntergekommen, ist er doch Polizist mit Leib und Seele, und wenn eine junge Frau in Gefahr ist, und das auch noch durch ihn verursacht, dann kennt er kein Halten mehr. Er treibt sich im Folgenden – das heißt auf den folgenden 400 Seiten – bevorzugt unter der Londoner Erde herum, anfangs auf eigene Rechnung, dann geduldet und schließlich selbst von der Polizei verfolgt. Und kommt dabei tatsächlich einem handfesten Skandal auf die Spur: Die britische Regierung hat sich in den 1980er Jahren intensiv auf den atomaren Ernstfall vorbereitet und deshalb ein weit verzweigtes Tunnelsystem unter London angelegt. Als Ausgänge wurden Gebäude gebaut, die an die gute alte deutsche Betonarchitektur erinnern, die bevorzugt an der französischen Atlantikküste herumstehen und im Sand versinken. Das ganze Programm wurde schließlich aufgegeben. Wie sich herausstellt, steht das in Zusammenhang mit einem geheimnisvollen Unfall, der einer Gruppe von Geheimdienstmitarbeitern widerfahren ist.

Die damaligen Akteure sind zur Spielzeit des Romans schon alt, wollen aber dennoch solche Geheimnisse gesichert sehen. Deshalb wird Belsey fleißig ins Abseits gestellt und die ersten Morde werden ruchbar.

Klar, dass das Ganze dann eskaliert und nur durch die strikte Intervention des Protagonisten unterbunden werden kann.

Soweit also die gewohnte Kost, an der aber das eine oder andere nicht schmeckt. Denn Geheimhaltung hin oder her, der Unfall aus den Achtzigern bleibt Unfall, unabhängig davon, welchen Charakter er hat. Den Skandal mag man so gar nicht erkennen und auch nicht die Gründe, weshalb irgendjemand ein gesteigertes Interesse daran haben sollte, das Ganze zu vertuschen.

Auch der Einstieg ins Verbrechen ist nicht so ganz plausibel: Warum sollte der geheimnisvolle Mann im Hintergrund, der die junge Frau entführt, dies überhaupt tun? Man kann sich natürlich viele gute Gründe dafür ausdenken, aber aus dem Roman heraus wird das nicht ganz plausibel. Um die Lösung des Rätsels zu forcieren? Dafür müsste eigentlich ein bisschen mehr her, als eine Atomschlag-Planung der britischen Regierung, bei der es eine Havarie gegeben hat.

Es bleibt also ein etwas unplausibles Buch zurück, an dem sich die Mühen der Autoren erkennen lassen, immer wieder hinreichend attraktive Verbrechen und Handlungsstränge zu entwerfen. Sicher gibt es noch viel zu erzählen, aber Originalität ist eben nicht leicht zu verdienen.

Der Ausweg, den Harris aus dieser Not findet, ist davon geprägt. Der Roman wirkt ein wenig konstruiert und durchgeplant, gediegene Kost eben, bei der die Abfederung der Handlung nebensächlich ist. Solange der Gruselfaktor stimmt, kann das Motiv ein bisschen dünn sein. Wir haben eh gelernt, dass Leute für Geringeres umgebracht worden sind. Da kann man auch mal ein Auge zudrücken, wenn der Autor sich allzu offensichtlich gemüht hat, etwas Ordentliches zustande zu bringen.

Oliver Harris
London Underground
Aus dem Englischen von Gunnar Kwisinski
Blessing
2014 · 448 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-89667-449-4

Fixpoetry 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge