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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Verpasstes Blind Date mit dem Tod

Olivier Rolin hofft am Kaspischen Meer seinem Tod zu begegnen; stattdessen findet er eine höchst lebendige Stadt im Wandel der Zeiten.
Hamburg

Es kommt nicht oft vor, dass die bloße Existenz eines Buches dessen zentrale Idee widerlegt. „Letzte Tage in Baku“ ist so ein Fall. Olivier Rolin (Jahrgang 1947) geht es beim Abschluss seines Werks ganz offensichtlich blendend – Beweis genug dafür, dass er nicht, wie der Buchtitel suggeriert, in der aserbaidschanischen Hauptstadt seinen Tod fand.

Die Hintergrundstory zu dieser Idee mutet einigermaßen abenteuerlich an: 2003 war Rolin, als Reporter für Radio France Culture in Afghanistan unterwegs, bei einem Zwischenstopp in Baku im Hotel Abscheron untergebracht. Die Namensähnlichkeit des Hotels mit dem Totenfluss „Acheron“ aus der griechischen Mythologie inspirierte ihn zu einer Geschichte, in der sich sein literarisches Alter Ego im Zimmer 1123 selbigen Hotels das Leben nimmt. Die Reise fand tatsächlich statt; die daraus entstandene Geschichte ist unter dem Titel „Suite im Hotel Crystal“ nachzulesen. Ganz offensichtlich gehört Rolin zu jener Sorte Schriftsteller, die sich, nur leicht maskiert, mit Vorliebe selbst fiktionalisieren. So verwundert es nicht, dass er fünf Jahre später die Metatextualität seiner Todesinszenierung noch einen Schritt weiter treibt.

Im April 2009 reist er erneut nach Baku, um herauszufinden, was es mit seiner eigenen Prophezeiung auf sich hat. Ebenso enttäuscht wie erleichtert muss der Roman-Rolin (es wird nie ganz klar, inwieweit sich Erzähl-Ich und Autor decken) feststellen, dass das Hotel Abscheron kürzlich abgerissen wurde. Doch so schnell gibt er sich nicht geschlagen. Auf der Suche nach alternativen Todesarten und -orten durchstreift er die Stadt, erkundet Land und Leute. Was wir nun in den Händen halten, ist somit kein düsteres Requiem, sondern vielmehr ein quicklebendiger, eigenwilliger Reisebericht.

Rolin besucht Moscheen, Friedhöfe und Museen; er nimmt an Diplomanten-Dinners teil, lernt den Nationalkünstler Tahir Salachow kennen und taucht ein in die bewegte Lebensgeschichte des Dandy-Dorfpoeten Sergei Jessenin. Immer wieder vermischen sich reale und fiktive Biografien, sei es die eigene (im Gespräch mit seinem Fahrer erfindet er sich flugs zwei Töchter), die des „Spions, der verschwand“ oder die Iossif Dschugaschwilis, der später unter dem Namen „Stalin“ bekannt werden sollte.

„Wie alle Städte, die wechselnden Herrschern unterstanden, verwischt Baku unaufhörlich die Spuren seiner Geschichte“, konstatiert Rolin. Ein Symbol dieses Wandels ist der Fernsehturm, der gleich einem futuristischen Minarett über dem Märtyrerfriedhof aufragt. Aber auch der Mix an Sprachen, Kulturen und Ethnien, die in Baku aufeinandertreffen. So lernt Rolin mit Stolz und Eifer Russisch, doch die Bedienungen und Fremdenführer quälen ihn lieber mit rudimentärem Englisch, denn Russisch ist für sie die Sprache der ehemaligen Besatzer.

Die atmosphärisch dichtesten Beschreibungen gelingen Rolin dort, wo er abseits touristisch erschlossener Pfade wandelt. Verseuchte Industriebrachen haben es ihm angetan, stillgelegte Maschinen und verrostete Ölförderanlagen. In den „spitz zulaufenden, gezimmerten Pyramiden, die ein wenig das unheimliche Aussehen von schwarzen Büßern haben“, den „angekohlten Orgelpfeifen der Kühltürme“ erkennt und preist er die eigentümliche Schönheit des Zerfalls.

Obwohl der Ich-Erzähler hartnäckig am Leben bleibt, haftet während seiner gesamten Reise das „Memento Mori“ an seinen Fersen. Auf dem Märtyrerfriedhof rekonstruiert er mit penibler Sorgfalt das Leben einer schönen, jung verstorbenen Frau; mit ebensolcher Faszination vertieft er sich in den mysteriösen Tod des Dichters Jessenin.

Stets ist dem Erzähler das Unbehagen angesichts des eigenen Alterns anzumerken – ein Gedanke, der sich konsequent in die Erforschung verdrängter historischer Ereignisse und fast vergessener Landstriche einfügt. Gelegentlich jedoch übertreibt er es ein wenig mit der obsessiven Rückversicherung seiner Lebendigkeit. Warum zum Beispiel muss er alle paar Seiten (wenn auch nur mit Blicken) die „sich hin und her wiegenden Hintern“ junger Mädchen streicheln? Warum muss er seine Leser_innen mit detailreichen Beschreibungen der Brust- und Poformen jeder Bibliotheksangestellten, Diplomatentochter und Kellnerin unter 25 langweilen, die seinen Weg kreuzen?

Mit derart lüstern-sexistischen Ausfällen diskreditiert sich der Erzähler-Autor selbst. Was schade ist, denn viel lieber hätte man ihn als den feinsinnigen, leicht selbstironischen Beobachter in Erinnerung behalten, der er ganz offensichtlich auch sein kann.

Was dieses Buch überhaupt sein möchte, fragt sich Rolin an einer Stelle. „Ein Reisetagebuch, zusammenhanglose Erinnerungsfetzen, ein Testament?“ Am ehesten vielleicht eine Art Selbsttherapie, die dem Autor dabei helfen soll, sich mit dem Gedanken an die eigene Vergänglichkeit anzufreunden.

Olivier Rolin
Letzte Tage in Baku
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Liebeskind
2014 · 160 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-95438-023-7

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