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Kritik

Vertrau der Tulpe

Hamburg

Im Mittelpunkt dieses Buches gibt es Blasen. Spekulationsgeschäfte, scheiternde Träume vom Reichtum. South Sea Bubble und Dot-com Boom. Beweise dafür, „daß Geld die Dinge nicht kennt“, dass es nichts mehr ist als „Wechselsignatur | eines Verkäufers, der selbst die Signatur | eines Verkäufers gekauft hat | mit Geld, das es selbst nur | als Signatur gibt.“ Das Wort „Kredit“ kommt von credere, vertrauen. Vertrauen kann in die Irre geführt werden, und allzu oft verschenken wir es leichtfertig.  Bevor wir merken, dass wir in der Falle sitzen, jubeln wir: „Ja, schau wie das Geld rings um dich lebendig wird!“ Plötzlich können wir mit unserer Familie sonntags aufs Land fahren mit einem neuen Auto, das „hauptsächlich aus geliehenem Papier besteht“. Die Sendschreiben fortschrittstrunkener Ökonomen verkünden, dass „Gegenwart fortan eine Wirkung der Zukunft“ ist und dass diese sich berechnen lässt. Wenn die Blase platzt, sind die Schockwellen schmerzhaft.

Die erste Blase in Øyvind Rimbereids Herbarium ist die Tulpenmanie im Holland der 1630er Jahre. Das Land war eigentlich ohnehin reich, weil es „von Milch und Käse überfloß“. Trotzdem gaben vermeintlich brave calvinistische Kaufleute astronomische Summen für Blumenzwiebeln aus. Die teuersten Tulpen sollten zeigen, wer zu den „Auserwählten“ gehörte. Der „Gral von Zwiebel“ war Semper Augustus. Auch nach „mindestens fünfhundert anderen sehr | wichtigen Tulpen“ lechzte man. Den weiten Weg vom „russisch-chinesischen Plateau des Tian Shan-Gebirges | bis auf eine Kellertreppe in Haarlem“ hatten sie zurückgelegt. Genauso weit fielen dann aber die Preise für jede eben noch „options- | abstrahierte Zwiebel“.

Rimbereids Krisengeschichten, erzählt in rhapsodischen Langzeilen, erinnern im Ton zuweilen an Ezra Pounds kapitalismuskritische Usura-Gesänge. Allerdings bewegen sie sich ökonomietheoretisch auf vernünftigerem Terrain. Und Klaus Anders’ fabelhafte deutsche Version ist rhythmisch stringent und sprachlich kohärent. Rimbereid versteigt sich auch weder zu apokalyptischen Visionen noch zu utopischem Kampfgeheul. Die Absurdität der Blasen und der Ernst der Crashs spielen sich, so darf man ihm glauben, in einer Welt ab, die unser Vertrauen zu ihren Blumen nicht enttäuscht. Nicht die Tulpen waren schuld an der Krise von 1637, sondern die Menschen.

Kräuter und Blumen bleiben den Menschen erhalten: Die Päonie, die „allein blüht nach dem Bauplatzbrand“, noch im eisenharten Regen „aufrecht steht“ – und sich dafür ein bisschen schämt. Der Siebenstern, „sachte und wie ein Kuß von keinem“. Der Blaue Scheinmohn, eine „Blume ohne Angesicht“ aus Tibet. Ihm gilt eine von Rimbereids schönsten Strophen: „Einhundert Jahre bebend wach | in dem britischen Beet, | während der Garten ringsum wuchs | wie ein zu starkes Herz.“

Diese Naturbeobachtungen sind kein Eskapismus. Rimbereid erinnert uns daran, dass der „Prager Frühling“ zwar ein historisches Ereignis war, dass dieser Name aber deshalb so stark ist, weil der Frühling zunächst einmal und immer wieder eine natürliche, verlässliche und ganz konkrete Erfahrung für uns ist. Die Gedichte in Herbarium sind poetisch im besten Sinne. Einfach und nicht naiv. Wirklich und nicht zynisch. Und fähig zu einer intellektuell redlichen Sanftheit, die den glücklichen Leser Pound vergessen lässt und ihn an Brodsky erinnert.

Øyvind Rimbereid
Herbarium
Übersetzung:
Klaus Anders
Nachwort: Klaus Anders
Edition Rugerup
2011 · 85 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-942955102

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