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Kritik

Der Beat goes on …

Hamburg

Pablo Haller ist ein junger Literaturpunk aus dem beschaulichen Luzern. Und Luzern ist ein Idyll und das ist auch gut so. Asiatische Touristen fotografieren eine holzbeschnitzte Brücke, das Wasser kommt kristallklar die Gletscher herunter und dicke Fische schwimmen darin. Kurzum: alle Leute freuen sich und haben satt zu essen. Warum also derart wütend herumdichten Herr Haller?

Es ist der Drang nach Ferne und Gegenentwurf, den die Hallerschen Beats atmen, es ist der Blick in die Weite, den das dichtende Auge sucht. Und dazu müssen eben erstmal die Berge weggesprengt werden, denn „als wir als dem gotthard schießen /  prallt mir die sonne in die fresse“.

Erst mit einigem Abstand lässt sich auch das heimische Kulturgut würdigen: „kuno (Lauener, Züri West, Anm. d. V.) – der letzte woche fünfzig wurde – / haucht ‚un jour comme un autre’ / berner französisch hört sich seltsam an“.

Haller illustriert seinen Text selbst, collagiert ihn vielmehr. Diese Skizzen schaffen Distanz zum jugendlichen Pathos der Zeilen, da schwirrt eine Zimtschnecke durchs Tal, steht ein Esel auf der Straße. Fischli/Weiss lassen grüßen.

Und zwischen all den knochenbrecherischen Renegatenbeats stechen gerade die leisen, zweiflerischen Töne hervor, erinnern an den jungen Brinkmann: „sniffe eine / verbrauchte prise luft / & rede & rede & rede / (male schallwellen in die luft)“. Haller dichtet spontan, der Ausschuss wird glücklicherweise mit in die Produktion genommen, es ist der Geist Kerouacs, der hier Pate steht, scheitern ist jederzeit möglich und wird nicht weglektoriert, das Langgedicht muss in einer Nacht fertig werden, geschrieben auf einer Rolle Klopapier, der nächste Morgen wird ohnehin wieder alles ändern „n schneller espresso / & weiter“. Es ist der Cutup-Sog Jürgen Ploogs, der an den Zeilen zieht, die semantische Dauerreise. Auch typografisch wird das pausenlose Fallen der Buchstaben gekonnt in Szene gesetzt und „der lauf der dinge / bruzzelt buttrig / verpackt in der natürlichen / krümmung des darms“.

Sound spielt für Haller auch im Vortrag eine große Rolle, Haller rappt in verschiedenen Formationen, textet, seine Kreativität ist engagiert und teils bewusst formlos, er ist ein junger, suchender Dichter, sein Stil variiert und entwickelt sich in coram publico. Das Fluidum der Sprache, die Vergänglichkeit des Körpers, das alles wird geradezu kultiviert. Ingredienzien für ein authentisches Dichterleben. Vielleicht ist gerade diese Suche nach dem Authentischen, die Suche danach inmitten dieser teils schon bizarr artifiziell anmutenden Schönheitskulisse Luzerns ein Quell für die brisante lyrische Energie Pablo Hallers? Als Leser jedenfalls wünscht man dem jungen Autor, zwischen all den glattlektorierten Jungprofis seiner Generation, eine lang währende und weiterhin derart konstruktive Schreibpubertät. 

Pablo Haller
Südwestwärts 1&2
Road-Poem
Gonzo
2013 · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-944564-00-5

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