Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Minenfeld Lust

Hamburg

Lust ist gefährlich: Kürzlich beschrieb Eduard Kaeser in der NZZ, wie ihre Verlockung das beschädige, was Wissen sein und leisten sollte, nämlich als „Bewirtschaftung von Launen”, welcher Lust derer, die vielleicht nicht wissen, was ihr Tun tut, auch immer folgt, daß sie die „Internetgesellschaft als «Nichtwissenwollengesellschaft»” affirmieren und gewinnträchtig infantil halten.1

Sollte man darum die Lust verbannen? – Nein, doch wissen, was sie sei, denn auch Lust an der Erkenntnis ist sie, der Unwille, sich Wissensordnungen einzuschreiben, zwielichtiger Agent dessen, was den Mensch ausmache. Panajotis Kondylis, auf den mich vor einigen Jahren Alfred Schirlbauer aufmerksam machte, war ein begnadeter Analytiker der Macht, aber eben auch der Lust; seine Anthologie Der Philosoph und die Lust führt in die Thematik mit einem klugen Vorwort sowie Schlüsseltexten ein, wobei schon die Überlegung, Macht bestehe, wo „für Verbotenes Ersatz geschaffen wird”, zeigt: Lust zu verstehen bedeutet, Macht zu verstehen.

Macht ist der Gebrauch der Lust; wissend an sich, souverän an den (oder: wider die) anderen. Jedenfalls, wo man nicht aus dem Spiel herauszutreten die Wahl hat, Privatier wird, oder, wie der Grieche es nannte: idiotes. „Knechte” schafft die Lust seit Demokrit, sie verlangt bei Platon wenigstens eine kybernetische Akrobatik zwischen sich und der Vernunft, wird bei Epikur eine idiotieanfällige „Seelenruhe”, wird verdammt und gefeiert zwischen Antike und Scholastik, wird in der Aufklärung die Tochter der Tugend, von der sich nicht leicht sagen läßt, ob sie Unterwerfung, Autonomie oder irgendwie beides sei, empfiehlt sich als „Naturgesetz”, dem der Marquis de Sade so sehr folgte, daß er ihr im Gefängnis womöglich nur eingeschränkt nachkommen konnte, ist „Erregung” und Trost „über alles Versäumte”, ist kontemplativ und nur im Sinne einer „intellectuellen Lust” ganz gegeben … und bei Marcuse – mit Freud – schließlich das „Spiel” von Macht, Wissen und dem, was Lust sein mag.

Lust ist also vielseitig. Und dieses Buch, das jene Vielseitigkeit umreißt, eine Lektüre, die lustvoll ist.

 

Anm.der Redaktion

Mit Beiträgen von: Demokrit, Platon, Aristoteles, Kyrenaiker, Epikur, Marus Tullius Cicero, Lucius Annaeus Seneca, Plutarch, Jakobus, Aurelius Augustinus, Thomas von Aquin, Cosma Raimondi, Lorenzo Valla, Thomas Hobbes, Voltaire, David Hume, Pierre de Maupertuis, Julien Offray de la Mettrie, Marquis de Sade, Immanuel Kant, G. W. F. Hegel, Jeremy Bentham, John Stuart Mill, Henry Sidgwick, George E. Moore, Friedrich Nietzsche, Gilbert Ryle, Herbert Marcuse und einer Einleitung von Panajotis Kondylis als Herausgeber.

 

Panajotis Kondylis (Hg.)
Der Philosoph und die Lust
Xenomoi
2016 · 202 Seiten · 22,80 Euro
ISBN:
978-3-942106-43-6

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge