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Kritik

Der Aberwitz der Realitäten

Iran aus der Innenperspektive - in Parsua Bashis Briefen aus Teheran

Die iranische Mediendesignerin Parsua Bashi, Jahrgang 1966 kehrte 2009 nach Iran zurück, nachdem sie mehrere Jahre in Zürich gelebt hatte. Während das Iranbild in den Massenmedien von den Provokationen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad dominiert wird, gibt Bashi in ihrem jüngst erschienenen Buch „Briefe aus Teheran“ einen Einblick in das Alltagsleben der Hauptstadt – und räumt einen Haufen Vorurteile aus dem Weg.

Wenn man die Zeitung aufschlägt könnte man manchmal zu dem Schluss kommen, Iran sei ein Land voller radikalreligiöser Spinner. Dass das an dem einseitigen Zerrbild liegt, das die hiesigen sensationsgeilen Medien zeichnen und das mit der Realität wenig zu tun hat, muss man leider immer noch erwähnen.

Parsua Bashi geht ihr Thema relaxt an. Auch der Titel ihres Buches ist fern vom marktschreierischen Gehabe der üblichen Iranliteratur. Und das ist gut so. In ihren teils sehr privaten Einblicken zeigt sie, dass in Teheran, der Millionenmetropole im Herzen Irans, Menschen leben, deren Bedürfnisse und Lebensvorstellungen gar nicht so anders sind als beispielsweise in Deutschland, die sich aber Tag für Tag mit all den Einschränkungen, Bedrohungen und wirtschaftlichen Missständen herumplagen müssen, die das Regime ihnen auferlegt.

Sie erzählt, wie junge Paare trotz enger Beschränkungen des Kontaktes zwischen den Geschlechtern, trotz der Überwachung durch die Sittenwächter und trotz teils immenser Mentalitätsunterschiede zueinander finden. Sie beschreibt, mit welchen teils aberwitzigen Methoden die Teheraner das geltende Alkoholverbot umgehen – und wie schnell ein Dutzend über mehr als ein Jahr lang selbst fabrizierter Flaschen Wein wieder weg ist, weil man vor sich selbst erst mal den kompletten Freundeskreis beschenkt. Sie gibt Einblick in eine laute, hektische und chaotische Stadt, aber auch in die ruhige und idyllische Atmosphäre des ländlichen Iran, beschreibt die enorme Verehrung für Dichter wie Nima Juschidsch ebenso wie die Probleme lebender Literaten, die strengen Zensurvorschriften unterworfen sind. Sie erzählt von der Verlogenheit des Regimes ebenso wie von dem Freiheitsdrang der jungen Iraner, für die die „Grüne Bewegung“ weit mehr ist als nur die Frage nach der Präsidentschaft des einen oder des anderen Kandidaten. Dafür interviewt sie neben ihrer neunzehnjähigen Tochter auch Teheraner Studenten, die sich trotz aller Hindernisse entschieden haben, in Iran zu bleiben, und die von ihren Hoffnungen und Befürchtungen erzählen. Sie erzählt von ganz alltäglichen Dingen wie den Taxifahrten im irren Teheraner Verkehr und der Ausbreitung eher westlich orientierter Fastfood-Restaurants, die sich ihren festen Platz neben der reichhaltigen iranischen Esskultur erkämpft haben.

Parsua Bashi berichtet auch von den Demonstrationen unterschiedlichster Bevölkerungsschichten gegen die Wahlfälschungen im Sommer 2009 und vom brutalen Vorgehen der Revolutionsgarden und Bassidji, bei denen unzählige Demonstranten ermordet wurden. Sie berichtet von dem Tag, an dem Neda starb und von einer Grünen Bewegung, die aufgrund der massiven Staatsgewalt zwar ruhiger geworden aber immer noch aktiv ist. Sie berichtet auch, warum sie – nach der Begegnung mit der als kalt, zu durchorganisiert und ausländerfeindlich empfundenen europäischen Welt – trotz der unsicheren Lage nach Iran zurückgekehrt ist, und sie klammert auch die gesellschaftskritischen Aspekte, etwa zur Stellung der Frau, nicht aus.

Parsua Bashis Bericht ist das zur Zeit aktuellste und beste Buch zum Thema Iran, vor allem weil es nicht über das Land und die Menschen berichtet, sondern die Innenperspektive bietet. Trotz des einfachen, eingängigen Schreibstils ist das Buch sehr nachdenklich und reflektiert, nähert sich seinem Thema aus vielen verschiedenen Richtungen und bietet angesichts des oberflächlichen vorherrschenden Bildes Aufklärung im besten Sinne. Absolut lesenswert.

Parsua Bashi
Briefe aus Teheran
Übersetzung:
Susanne Baghestani
Kein & Aber
2010 · 206 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-036952758
Erstveröffentlicht: 
cineastentreff.de

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