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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Die Geschichte einer Straße vom ersten Weltkrieg bis zur Gentrifizierung

Hamburg

Das Prinzip sich anhand eines kleinen Ausschnitts die ganze Welt zu erschließen, ist alt. Schon E.T.A. Hoffmann lässt in Vetters Eckfenster die Welt durch das Fenster eines Zimmers anhand einzelner Szenen zu einem Mikrokosmos des Großen Ganzen werden.

Die französische Korrespondentin Pascale Hugues nimmt ihre Straße in Schöneberg, eine Straße mit „der Farblosigkeit der Mittelklasse“, als Ausschnitt, um sich die letzten hundert Jahre deutsche Geschichte zu erschließen.

1904 wird die Straße bebaut. „Sie ist mehr oder weniger austauschbar. Sie trägt übrigens seit ihrer Entstehung ganz zu Beginn des letzten Jahrhunderts denselben Namen. Nicht einmal 1945 war es nötig, sie umzubenennen. Meine Straße trägt einen so nichtssagenden Namen, dass er kaum der Erwähnung wert ist. Ihr Schicksal ist eine Schablone, die man auf viele andere aufdrücken könnte.“

Die Architektur der Häuser, folgt der Logik der Repräsentation, pompöse Fassaden und dunkle Hinterhöfe. Schon in den 30er Jahren, nach der Wirtschaftskrise, werden die Wohnungen mit Trennwänden in zwei Mieteinheiten aufgeteilt, weil es kaum noch Mieter gibt, die sich die gutbürgerlichen, sieben Zimmer zählenden, Wohnungen leisten können.

Eine der ersten Mieterinnen der Straße, die Pascale Hugues ausfindig machen konnte, war Lilli Ernsthaft. Sie zog 1922 in die Straße und lebte 79 Jahre dort. 1942 wurde das Ehepaar Ernsthaft aus seiner Wohnung vertrieben und überlebte im Jüdischen Krankenhaus, der Sohn hielt sich jahrelang im Keller einer ehemaligen Bediensteten versteckt. Die Ernsthafts kehrten in ihre alte Wohnung zurück. Der Sohn konnte das Leben in Deutschland nicht ertragen und emigrierte, Lilli Ernsthafts viel älterer Mann starb, und so blieb Frau Ernsthaft viele Jahre mit ihren Erinnerungen allein in der großen Wohnung. Sie war fast 100 Jahre alt, als Pascale Hugues kam, um sich ihre Geschichte anzuhören.

106 Juden wurden allein aus dieser „Straße in guter Wohnlage“ vertrieben. Ohne sich große Hoffnungen zu machen, gab Hugues eine Suchanzeige auf, auf die sich dreizehn Personen meldeten. Und sie alle, wie alt und gebrechlich sie auch sein mochten, wollten erzählen.

Die Reisen zu den Menschen, die gerade noch rechtzeitig aus ihrer Straße geflohen sind, führten Pascale Hugues nach Berkeley, Kiryat Bialik und New York.

Manchmal interpretiert Hugues die tragischen und kraftvoll berichteten Erinnerungen der Überlebenden, versieht sie mit dramatischen Einleitungen, wie bei John Ron, den sie in Berkeley aufgesucht hat: „Er hat Angst, dass er bei dieser Rückkehr in seine Straße gezwungen sein wird, seit langem fest verriegelte Türen zu inneren Räumen zu öffnen, und dass das, was zum Vorschein kommt, ihn überwältigen wird. Düstere, schaurige Zimmer.“

Doch die klaren Aussagen der Zeitzeugen, wenn sie für sich selbst sprechen dürfen, entschädigen dafür: „Ihr Projekt überschattet meine jetzige Geborgenheit. Aber zu dieser späten Stunde meines Lebens spüre ich eine gewisse Verpflichtung meinen Eltern gegenüber, die ich im Grunde kaum gekannt habe. Ihr Buch ist ein wenig das Grab, das sie auf dem Friedhof von Weißensee nicht bekommen haben. Es ist die letzte Gelegenheit, ihren Namen und ihre Geschichte zu erhalten. Ich glaube, sie hätten sich darüber gefreut.“

Das Schweigen existiert neben dem Bedürfnis zu erzählen, jeder geht unterschiedlich mit dem Erlebten um, versucht damit weiter zu leben, darüber hinwegkommen kann man nicht, und die Entscheidung, die Erlebnisse zu teilen, oder zu verschweigen ist häufig keine freiwillige, sondern die jeweilig persönlich bedingte Möglichkeit, irgendwie damit zurecht zu kommen.

Bei denjenigen, die niemals fliehen mussten, finden sich in den Fotoalben immer wieder unerwünschte Erinnerungen an das Mitläufertum, vielleicht sogar an die Begeisterung für den Nationalsozialismus. Aber diese Seiten werden schnell und schweigend umgeblättert. Das Schweigen der Nachkriegszeit ist nichts Neues, aber in Hugues Fallbeispielen wird es noch einmal lebendig.

Überlebende mussten Formulare ausfüllen, um eine finanzielle Kompensation für „Schaden am Leben“ zu erhalten, die jahrelangen bürokratischen Hürdenläufe der wenigen Überlebenden, sind auch so viele Jahre später nicht ohne eine wütende Ohnmacht zu lesen. In den Rechtsstreitigkeiten der Enteigneten mit denjenigen, die ihre Firmen und ihren Besitz zu Spottpreisen erworben haben, leben Vorurteile und Antisemitismus ungebrochen fort. Ein besonders empörendes Beispiel möchte ich zitieren. Der ehemalige Angestellte, der die Firma seines jüdischen Arbeitgebers im Rahmen der Arisierung für einen lächerlichen Preis übernahm, behauptet 1952, im Rechtsstreit mit der Witwe des Enteigneten: „Schließlich möchte ich vermerken, dass ich unter der Nazi-Herrschaft mehr gelitten habe als Herr und Frau Ernsthaft, denn was ich als Geschäftsleiter eines jüdischen Betriebs in den Jahren von 1933 bis 1938 durchmachen musste, kann nur derjenige ermessen, welcher es am eigenen Leibe erfahren hat. Die ca. 15 Arbeiter des Geschäftes schikanierten mich, wo sie konnten, und bezeichneten mich hinter meinem Rücken als Judenknecht...“

Jahre später zieht auch die Studentenrevolte in Form von Edgar Froese (Tangerine Dream) in die Straße. „Meine Straße war in zwei Lager gespalten. Die Nummer 7 skandierte, allein gegen alle, Ho-Ho-Ho-Chi-Minh, überall sonst kämpfen die Kleinbürger um die Respektierung der Hausordnung.“

Die Geschichte der Straße findet ihr vorläufiges Ende in einer kleinen Revolte gegen die Gentrifizierung, die mit Zwangsräumung und dem Abriss des Gebäudes endet.

„In gewisser Weise schließt sich der Kreis“, schreibt Hugues. „Meine Straße ist dabei, ihr ursprüngliches Standing wiederzuerlangen, als sie zu Beginn des Jahrhunderts noch eine exklusive Adresse war, in gehobener Wohnlage, wie die Makler heute sagen.“

Pascale Hugues hat sich durch die Beschäftigung mit ihrer Straße und deren Bewohnern, die deutsche Geschichte ein wenig verständlicher gemacht und für deutsche Leser bekommt der Titel: „Die Geschichte meiner Nachbarn“, einen neuen Klang. Auf einmal sind es nicht nur die Nachbarn, denen man ab und an im Hausflur begegnet, sondern auch die deutschen Nachbarn einer Französin, die mittlerweile alten Zeitzeugen, die aus Deutschland fliehen mussten, die deutlich machen, wie sich Leid und Unrecht von Flucht und Vertreibung immer weiter wiederholen, als wären Fremdenhass und Selbstzentriertheit natürlicher, menschlicher als Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. Und vielleicht ist das sogar so. Aber möglicherweise können Geschichten über die Nachbarn die Mauer der Vorurteile ein wenig durchlässiger machen, und die Ablehnung durch Neugier ersetzen. Damit wäre schon viel erreicht.

Pascale Hughes
Ruhige Straße in guter Wohnlage
Die Geschichte meiner Nachbarn
Rowohlt
2013 · 320 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-498-03021-6

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