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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Solidarisieren wir uns!

Das System Asyl
Hamburg

Mit einem Doppel-Essay widmet sich der Verlag mikrotext dem Thema „Asyl“. Die beiden Texte sollen unser Denken über das Thema völlig umkrempeln, heißt es in der Verlagsankündigung und, das trifft bei so vollmundigen Ankündigungen selten ein, es stimmt. Zwei Stimmen kommen hier zu Wort, zum einen der Refugee-Aktivist Patras Bwansi und die Regisseurin Lydia Ziemke. Auf der einen Seite steht die Lebensgeschichte eines Aktivisten, der zu einer der prominentesten Figuren der Asylrechtsbewegung geworden und ist auf der anderen Seite eine Kulturschaffende, die selbstkritisch und zuweilen ironisch die Grenzen und Paradoxien des Helfens auszuleuchten versucht. Durch diese beiden Perspektiven wird ein Thema illustriert, dem wir uns allzu oft aus der Distanz nähern. Zugleich wird etwas sichtbar, zudem sich sonst nur schwer Zugang findet: eine Lebensgeschichte. Viele Flüchtlinge sind nicht nur müde und zermürbt von der politischen Situation - das emotionale Leid und die psychische Konstitution lassen es oft nicht zu, dass sie die Kraft dazu finden, ein tiefes Interview zu geben. Zugleich sind es Geschichten, die Empathie schaffen. Es sind Geschichten, die uns mitfühlen lassen und durch die wir erst verstehen, worin die Beweggründe und der Hintergrund einer Person liegen. Ohne diese Geschichten sind wir unseren eigenen Annahmen ausgeliefert, so gut sie gemeint sein wollen. Ein Dilemma also: wie für jemanden eintreten, ohne zu wissen, worum es genau geht? Wie für jemanden sprechen, den wir nicht bevormunden dürfen? Wer mit Flüchtlingen in Berlin in Kontakt kam, der merkt, wie schwer die Unsicherheit ihrer Situation diesen Menschen zusetzt. Wer mit den Menschen, die diesen Menschen helfen (wollen) begegnet, findet allzu oft auch solche, die sich aus ihrer weißen Privilegiertheit heraus dazu berufen fühlen, anderen zu helfen, dabei aber nichts anderes als das eigene Ego im Kopf haben. Ziemke ist zum Glück keine dieser Ego-Helferinnen und Bwansi zum Glück ein eleganter Erzähler.

Patras Bwansis Lebensgeschichte beginnt in Uganda, einem Land, das, wie so viele Länder Afrikas, durch Kriege und Korruption und die Folgen der Kolonisierung noch immer leidet. Er berichtet von einem Schulalltag, in dem Englisch Verkehrssprache ist, aber verhasst, erzählt von Diskriminierung und Prügel. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die nicht weiß wohin mit sich und deren Vorbilder und Bezugspunkte den Riss im hier und jetzt nur größer werden lassen. Die Flucht gelingt schließlich über ein Stipendium, das ihn nach Griechenland führt. Obwohl er eigentlich legal dort ist, ein Studentenvisum bekommt, wird er behandelt, als würde er illegal einwandern. Schikane und Fremdenfeindlichkeit schockieren ihn, aber im Kontext der Ausbildung zur Ikonenmalerei kommt er klar, findet einen Platz, obwohl er Griechenland niemals heimisch finden wird. Bis er nach Deutschland kommt. Nicht ahnend, was ihn hier erwartet.

Ein bürokratischer Spießrutenlauf beginnt, der mit einer verständlichen Radikalisierung eingeht. Bwansis Lebensgeschichte ist zuweilen in einem melancholischen, in ihren schlechtesten Momenten in einem kitschigen Tonfall erzählt. Viel Pathos schwingt hier mit, aber das kann man ihm nicht ankreiden. Wie sonst soll man eine Geschichte erzählen, bei der es um nicht weniger geht, als das Recht auf ein richtiges Leben? Ein Leben in Würde und nicht in einem dauernden Transit, mit dreckigen Matratzen, in heruntergekommenen Unterkünften und ohne echte Perspektive?

Bwansi lenkt in seiner Analyse auch den Blick auf Unstimmigkeiten innerhalb der Bewegung, der er angehört. Als bisexueller Mann kämpft er für die Rechte von LGBTIQ-Menschen. Als Minderheit in der Minderheit, mit Blick für Minderheiten, kämpft er, unablässig. Dafür hat er viel Respekt verdient.

Lydia Ziemke, die den Essay von Patras Bwansi übersetzte, hat einen ganz eigenen Zugang zum Thema Asyl. Sie ist wütend auf das System, das scheint durch, aber ihre Wut paart sich mit Aktion. Sie verharrt nicht im Schimpfen, sondern versucht zu zeigen, wie sie hilft, wird dadurch zum Beispiel und reflektiert dabei mit, wo ihre Grenzen liegen. Über den Umweg der Geschichte einer Freundschaft, die sie rekonstruiert, gibt sie unumwunden zu, wie schwierig der Umgang mit Menschen ist, die durch ein System gejagt werden, das aus Flüchtlingen Bittsteller macht. Enttäuschte Hoffnung und das Bewusstsein darüber, dass jede Polizei-Kontrolle Gefahr bedeutet, zermürbt. Sie hilft also finanziell und ideologisch. Sie ringt sich eine Freundschaft ab, zermürbt von Selbstzweifeln: ist das echt oder mache ich das nur aus Mitleid? Darin zeigen sich eine starke Persönlichkeit und eine Offenheit, die man Ziemke hoch anrechnen muss. Scheut sie sich doch nicht davor, zu zeigen, wo die Berührungsschwierigkeit und Ängste liegen (müssen), wenn man sich auf das schwierige Terrain „Asyl“ begibt. Zeigt sie doch, wie bizarr diese Konstruktion ist: Asylbewerber, das sind Menschen aus so vielen kulturellen Hintergründen, so vielen Ländern, so vielen Sprachen und Kulturen - aber wir werfen sie in einen exotischen Topf. Es sei denn, die Bundesregierung beschließt gerade ein bestimmtes Land zu bevorzugen. Das System „Asyl“, wie Ziemke und der Aktivist Bwansi uns es vorführen, ist nicht nur veraltet, sondern auch dysfunktional verkrustet. Die Zeit, in der Menschen nur wegen akutem Krieg Zuflucht suchten ist vorbei. Konflikte sind nicht mehr zwingend akut, sie schwelen und töten latent. Diese Latenz der Gewalt ist es, die die Menschen zur Flucht bringt. Diese Latenz der Zerstörung ist es, auf der unser Wohlstand beruht. Dieser Wohlstand wiederum ist nicht gefährdet, nur weil Menschen nach Deutschland kommen und hier Asyl beantragen - auch wenn das mitschwingt, in der Angst vor „Überfremdung“ und der generellen Angst gegenüber Menschen, die eigentlich Zuspruch und nicht noch mehr Steine im Weg brauchen. Wir müssen uns darüber bewusst werden, dass die Flucht bereits der Effekt eines Systems ist und wir es mit Subjekten zu tun haben, die von diesem System zermürbt werden.

Wer die Geschichte von Bwansi gelesen hat, dem wird klar, wie wichtig der Ruf nach Freiheit ist. Wer sich nach dieser Geschichte nicht solidarisieren möchte, der hat nicht richtig gelesen.

Patras Bwansi · Lydia Ziemke
Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka
mit 6 Fotos und einigen Asyl-Dokumenten aus dem privaten Besitz von Patras Bwansi
mikrotext
2015 · 140 Seiten auf dem smartphone · 1,99 Euro
ISBN:
978-3-944543-20-8

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