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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Haarrisse in der Zeit

Auf Spurensuche mit Patrick Modiano: die geheimen Topografien von Paris
Hamburg

Patrick Modiano bleibt sich und seinen Themen treu – wie sich das für einen großen Schriftsteller gehört. Erinnerung, Identität, eine verflossene Liebe und die heimliche Hauptdarstellerin Paris: All diese charakteristischen Elemente finden sich auch in seinem neuen Roman und machen ihn zu einem wunderbar melancholischen Lesevergnügen, ideal für graue Herbstnachmittage. Eigentlich sollte „Gräser der Nacht“ erst Anfang 2015 auf Deutsch erscheinen, doch mit der Verkündung des Literaturnobelpreises für Modiano beeilte sich Hanser, den Veröffentlichungstermin vorzuziehen. Wer das Werk des französischen Großmeisters der Erinnerns bislang verpasst hat, kann getrost mit dem neuesten Roman beginnen und sich dann langsam in der Zeit zurückarbeiten – genau wie es Modianos Protagonisten zu tun pflegen.

Wie schon in „Der Horizont“ heißt sein literarisches Alter Ego Jean und ist angehender Schriftsteller. Und wieder entführt uns Modiano ins Paris der 1960er Jahre, diesmal jedoch nicht in die Zeit der Studentenrevolten, sondern hinter die Kulissen der Algerienkrise, nachdem das Land seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangt hat.

In der Cafeteria der Cité universitaire lernt Jean die etwa gleichaltrige Dannie kennen. Schnell stellt sich heraus, dass sie ihr Studentenleben nur als Scheinexistenz führt und in Wahrheit ein ebenso ruheloses, getriebenes Dasein fristet wie Jean. Die beiden spazieren durch das damals noch schäbige, zwielichtige Viertel Montparnasse, treffen sich in Cafés oder Hotels. Sind sie ein Paar? Haben sie eine Affäre? Oder suchen sie einfach nur aneinander Halt wie verirrte Waisenkinder?

Vieles überlässt Modiano der Fantasie des Lesers, doch ist es gerade dieses Flirren zwischen den Zeilen, das den besonderen Reiz des Buches ausmacht. Oder, wie es Jean ausdrückt: „Überall lag eine Bedrohung in der Luft und gab dem Leben eine besondere Farbe.“ Im Unic Hôtel verkehrt Dannie mit dubiosen Kreisen, die in ungeklärter Verbindung zum marokkanischen Geheimdienst stehen. Sie lässt sich ihre Briefe postlagernd schicken, besitzt die Schlüssel zu mehreren Wohnungen und benutzt verschiedene Namen. Jean scheint das nicht weiter zu stören. „In jener Zeit war ich mir meiner Identität nicht gewiss, und warum hätte sie es dann sein sollen?“ Genau wie der Autor erliegt auch sein verjüngtes Ich immer wieder der Faszination des Ungefähren – vielleicht auch, weil gerade das Lückenhafte, Verschwommene die Fantasie des werdenden Schriftstellers beflügelt.

Wovor genau Dannie auf der Flucht ist, wird der schüchterne junge Mann nie erfahren. Nur, dass sie „in eine üble Geschichte verwickelt“ sei. Anstatt sie mit Fragen zu löchern, versucht Jean die Rätsel, die Dannie und ihre Entourage ihm stellen, in seinem schwarzen Notizbuch zu lösen. Anhand dieser Aufzeichnungen – Termine, Adressen, Namen, mögliche Querverbindungen, hingeworfene Sätze – rollt er fünf Jahrzehnte später die Vergangenheit wieder auf.

Dass tatsächlich ein Verbrechen geschehen sein muss, wird nur daran ersichtlich, dass Jean lange nachdem er Dannie aus den Augen verloren hat, aufs Polizeikommissariat vorgeladen und dort verhört wird. Ein realer Fall wird erwähnt: die Entführung und Ermordung des marokkanischen Oppositionspolitikers Ben Barka  im Jahr 1965.

Obwohl „Gräser der Nacht“ also gewisse Elemente eines Krimi Noir enthält, verweigert sich Modiano konsequent der Dramaturgie des klassischen Thrillers. Stattdessen konzentriert er sich ganz auf die Aura der undurchsichtigen Beunruhigung, die Dannies Schweigen heraufbeschwört.

Wie alle seine Hauptfiguren ist Jean ein passionierter Flaneur, dessen Gänge durch Paris ein Wegenetz der Erinnerung spinnen. Gehend zeichnet Modiano ein atmosphärisch aufgeladenes Bild der Stadt, in der sich Vergangenes und Gegenwärtiges wie unzählige halbdurchsichtige Folien übereinander schieben. Und damit ist nicht nur die Zeit zwischen 1960 und heute gemeint – inmitten seiner Aufzeichnungen findet Jean Notizen für Romanideen, die bis ins 18. Jahrhundert reichen, zu Tristan Corbière, Jeanne Duval, der Baronin Blanche.

So kann es geschehen, dass Jean eine alte Telefonnummer wählt und aus dem Hörer eine unverständliche Frauenstimme flüstert, die möglicherweise die Zeit ansagt, möglicherweise aber auch Dannie selbst ist, die ihm eine Botschaft aus der Vergangenheit zukommen lassen möchte. Immer wieder träumt Jean von dem Landhaus, in dem Dannie und er eine Weile lang Zuflucht fanden und in dem er ein begonnenes Manuskript zurückließ. Der Ort lässt sich auf keiner Landkarte mehr finden, doch im Traum gelangt das Manuskript stets auf die eine oder andere Weise zu Jean zurück. Ein anderes Mal folgt Jean einer Frau aus einem Buchladen hinaus, in der er eine Reinkarnation der Baudelaire-Muse Jeanne Duval zu erkennen glaubt. Pure Einbildung? Oder entstehen tatsächlich feine Risse im Raum-Zeit-Kontinuum, die für einen kurzen Moment ein Hindurchtreten erlauben? Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Kaum ein anderer vermag die kuriosen Überlappungen der Zeit so eindringlich zu schildern wie Modiano.

Unauslöschlich prägen sich bestimmte Momente ein, die aus dem Fluss der Zeit zu ragen scheinen wie kleine schillernde Inseln. Noch fünfzig Jahre, nachdem er durch das Fenster eines Cafés im Montparnasse-Viertel einen flüchtigen Blick auf Dannie erhascht hat, ist die Erinnerung hellwach: „Sie war nur ein leuchtender Fleck, ohne Profil, wie auf einem überbelichteten Foto.“ Dieses Nachbild von blendender Intensität, dessen Konturen jedoch verschwommen bleiben, hat sich für immer auf Jeans Retina eingebrannt.

Zugleich birgt die temporale und geographische Gleichzeitigkeit, die Modiano so meisterhaft einfängt, immer auch eine gewisse Melancholie. Einmal nimmt Dannie Jean mit in eine der Wohnungen, zu denen sie die Schlüssel besitzt. Später stellen sie fest, dass sie im Wohnzimmer eine Lampe brennen ließen, trauen sich aber nicht mehr dorthin zurück. Für Jean wird das Versäumnis an einem Ort, der nie wieder betreten werden kann, zum Inbegriff der Unwiederbringlichkeit. Was bleibt, ist eine diffuse Sehnsucht – „ein erleuchtetes Fenster, das einem das Gefühl gibt, man habe in einem anderen Leben vergessen, das Licht auszuknipsen, oder jemand erwarte einen noch“.

Patrick Modiano
Gräser der Nacht
Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Hanser
2014 · 176 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24721-5

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