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Kritik

Fröhlich gegen die Arbeit wettern

Hamburg

„Und, was machst du so?“ hielt ich immer für eine unverfängliche Frage. Jetzt traue ich mich nicht mehr sie zu stellen. Patrick Späts „Fröhliche Streitschrift“ hat sie mir verleidet. „Und, was machst du so?“ heißt dann auch der Essayband, der gegen den Arbeitsfetisch angehen will.

Programmatisch ist dieses Buch eher implizit, die Forderungen die es stellt, mal forsch, mal sanft, sind noch kein Programm, keine Agenda - müssen sie auch nicht. Was Spät auf den wenigen Seiten, in vielen kurzen Kapiteln, geschmückt mit Zitaten von philosophisch-literarischen Institutionen und Phrasengebern wie Nietzsche oder Georg Büchner, umreißt, ist ein weit ausholender Denkanstoß.

Spät nimmt elegant unseren Alltag auseinander und sucht den Schulterschluss über die Schilderung von persönlichen Erlebnissen. „Wer kennt das nicht…“ eröffnet Kapitel im Plauderton. Es wird von Partys berichtet, von Gesprächen mit Bekannten und Freunden, von Dialogen, die aus dem Leben gegriffen, von Spät sogleich kontextualisiert werden. Er nimmt uns an der Hand, holt uns da ob wo wir stehen, fragt uns keck: „Und, was machst du so?“ nur ums dann zu erklären, dass diese Frage eigentlich zum einen sehr deutsch und zum anderen sehr herablassend ist. Sie impliziert: was macht dich denn eigentlich nützlich? Wie verdingst du dich? Worin liegt der Sinn deiner Existenz in diesem System?

Die Frage zeigt, wie wir uns selbst konstruieren: unsere Arbeit ist unser Identifikationsmoment. Wir sind unsere Arbeit, unsere Berufung bestimmt unser Leben. Vermeintliche Berufung, kann man hinzusetzen. Denn Spät zitiert Studien, viele und gerne; das ist das andere Extreme aus dem sein Text schöpft. Eine dieser Studien sagt: die meisten Deutschen haben innerlich bereits gekündigt. „Innere Kündigung“ beschreibt die Geisteshaltung vieler Menschen, die tagtäglich zur Arbeit gehen schmerzlich treffend. Im Grunde genommen würden sie gerne woanders arbeiten. Eigentlich wollen sie nicht mehr den Großteil ihrer Werktage an ihrem Arbeitsplatz verbringen. Arbeit ist Leben ist Leiden.

Was heißt Arbeit überhaupt? Und warum sind so viele Tätigkeiten, die im Jahr 2014 ausgeführt werden, irgendwie schwer zu definieren und schwer zu begreifen. Wörtlich: viele Jobs sind gar nicht mehr greifbar, weil sie reine digitalisierte Tätigkeiten sind, die in einem System der Wertschöpfung aufgehen, in dem die eigene Motivation gar keinen Platz findet.

Spät erzählt hier von seiner Erfahrung bei einer Versicherung, wo er die gescannten Briefe von Kunden einordnen musste. Digitale Fließbandarbeit, so stupide, dass man sich fragt, warum jemand dafür einen Hochschulabschluss braucht.

Wenn man sich die Anzeigen für offene Stellen in Großstädten anschaut, dann fragt man sich, trotz geisteswissenschaftlichem Studium manchmal, ob man überhaupt gebraucht wird. Es dauert eine Zeit, bis man sich in den Jobsprech eingelesen hat und trotzdem versteht man nicht, was dort gesucht wird, in den vielen Agenturen und Start-ups. Trotz mehreren Fremdsprachen, der Fähigkeit sich in neue Themen flink einzuarbeiten, mehreren Praktika in namhaften Institutionen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen fühlt man sich irgendwie überzüchtet für diesen kapitalistischen Übergangsritus: den Berufseinstieg.

Irgendwann setzt Gewöhnung ein und man stellt weniger Fragen, weil man sich heimlich darüber freut, jetzt endlich angekommen zu sein, in einem System, das in der Tat dabei ist sich zu verändern. Es gibt weniger feste, dafür mehr freie Mitarbeit. Unternehmen sehen sich mit der Forderung nach Freizeit konfrontiert und, auch wenn die digitale Boheme ein Lebensmodell ist, von dem nur wenige gut leben können, sind doch alle Cafés in Neukölln voller Freelancer (auch dieser Artikel entsteht neben einem Cortado mit Sojamilch), die daran glauben, dass die Freiheit es wert ist. Die Freiheit ist es wert, gegen feste und disziplinierende Weisungsgebundenheit eingetauscht zu werden. Eine von viele Veränderungen, die den Begriff der Arbeit umbauen.

Spät ist Verfechter von einigen Ideen, die er zur Diskussion stellt. Da wäre beispielsweise die Reduzierung der Arbeitszeit auf weniger als 40 Stunden, die er historisch einordnet: In der Zeit des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit, einer Zeit in der es noch Gewerkschaften gab, die krasse Forderungen durchtesten wollten und gesamtgesellschaftlich rezipierte Kampagnen starteten: „Samstags gehört Vati mir“ war der Slogan einer bekannten Offensive, die aus einer 48 Stundenwoche eine 5 Tage mit 40 Stunden Woche machte. Diesen Freiraum erkämpften die Gewerkschaften sich durch das Polster einer wachsenden Wirtschaft, wie es sie seit damals nicht mehr gegeben hat - und in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird.

Eindrücklich dekliniert Spät uns vor wie der Begriff der Arbeit unser ganzes Leben übernommen hat und wie historisch gewachsen wir diesen Begriff sehen müssen, wenn wir seiner Macht nicht erliegen wollen. Seine Ausführungen über die Muße, die Faulheit und die Diffamierung dergleichen im 20. Jahrhundert schulen das Gespür für die disziplinierende Wirkung des Arbeitsbegriffs, der seltsam aus dem Ruder scheint, weil er unser Leben vereinnahmt, damit wir in unserer Freizeit eifrig konsumieren.

Manche von Späts Beobachtungen bleiben an der Oberfläche und das Fröhliche an seiner Streitschrift kann manchmal ins anschneidende Verfallen. Dann wünscht man sich mehr Ernst und Tiefe, um überzeugt zu werden. Insgesamt aber legt Spät eine in unterhaltsamer Prosa geschriebene, leicht verdauliche, aber spannende Analyse des Arbeitsbegriffs vor. Damit surft Spät auf einer Welle von Veröffentlichungen, die es immer mehr ins Feuilleton schaffen. Das Ende des Kapitalismus: Intellektuell ein Wunschgedanke mit unbekannten Konsequenzen, den Spät mit der rhetorischen Frage „Und, was machst du so?“ versüßt.

Patrick Spät
Und, was machst du so?
Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch
Rotpunktverlag
2014 · 168 Seiten · 9,90 Euro
ISBN:
978-3-85869-616-8

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