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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Kaffee, Vollkorntoastbrot, Olivenöl

Patti Smith gibt in „M Train“ Einblicke in ihr Künstlerleben
Hamburg

Patti Smith ist eine der Großen der internationalen Populärkultur. Songs wie „Because the Night“, „Ain’t it strange“ oder „People have the Power“ haben sie auch über die Grenzen des Indi-Rock hinaus bekannt gemacht. Wer ihren „Rockpalast“-Auftritt 1979 noch vor Augen und in den Ohren hat, muss sich freilich fragen, wie Patti Smith es geschafft hat, diese wilden Jahre zu überleben. Angesichts des Tods von Prince vor Kurzem ist das eine Frage, die man sich stellen darf. Nun, man mag nach der Lektüre von „M Train“ beruhigt sein, denn offensichtlich hat Patti Smith ihr Leben in den Griff bekommen und sich den ruhigeren Seiten der Künstlerei zugewandt, den täglichen Kaffee im Cafe ʼIno mit Vollkorntoast und Olivenöl wird man wenigstens so verstehen können.

Die Rock-Künstlerin als ältere Dame ist auch heute immer noch eine merkwürdige Idee, aber die 1946 geborene Pati Smith feiert immerhin in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag und erfreut sich anscheinend ausreichender Gesundheit, lässt sie es sich doch nicht nehmen, alle paar Jahre eine neue Platte herauszubringen, und keine schlechten dazu, wenn man sich etwa „Twelve“ (2007) anhört, auf der sie keine eigenen Songs einspielte, sondern neue Versionen von Rockklassikern. Eine unwürdige Greisin der neuen Art also? Patti Smith ist als Musikerin in Würde gealtert, und das auf andere Weise als ihre männlichen Kollegen Iggy Pop und Keith Richards, denen jedes Jahr eine neue Furche ins Gesicht gegraben zu haben scheint.

Anders Patti Smith, die sich auch als Alternde jene schnoddrige Schlacksigkeit bewahrt hat, die sie bereits in den 1970ern auszeichnete. Sie ist sich sehr treu geblieben in all den Veränderungen, die sie erlebt hat.

Von Beginn ihrer künstlerischen Karriere an hat Patti Smith nicht nur eigenwillige Rocksongs geschrieben, sondern ist auch als Autorin sehr produktiv gewesen. 18 Titel stehen heute im ihrem Werkverzeichnis – mehr übrigens als Platten – darunter, naheliegend, vor allem Gedichte, aber auch Prosatexte und zwei Bände zu dem Fotografen Robert Mapplethorpe, einem ihrer Jugendfreunde. In den 1970ern waren Patti Smith-Gedichtbände begehrte Lektüren, von denen man sich gegebenenfalls auch Kopien besorgte, um sie mit einem eigenen Einband zu versorgen. Sie zu besitzen sicherte immerhin so etwas wie einen Status, „Outside of Society“ („Rock n Roll Nigger“), wo denn auch sonst.

Damit verbindet sich ein Selbstverständnis in den 1970ern, das viel mit der Bedeutung der Populärkultur und -musik für die jungen Leute zu tun hat. Zum Mainstream einer Normalgesellschaft auf Distanz stellte Patti Smith die Stichworte bereit, die eine randständige, ja basal oppositionelle Existenz zum Überleben benötigte. Auch eine Gegengesellschaft braucht ihre Kultur, damit sie sich ein wenig wohnlich einrichten kann in ihrer Alterität.

Das ist lange her, aber die jungen langhaarigen Outsider von damals sind auch älter geworden und haben sich – zumeist – irgendwo in der Gesellschaft eingerichtet, und sei es in der Existenzform des Künstlers oder im besonderen Rahmen der etablierten Gegengesellschaft.

„M Train“ ist das Werk einer Autorin, die aus dem Kreativpool der amerikanischen Ostküste der 1970er Jahre stammt, wo in der Tat die Populärkunst den Graben zwischen U- und E-Kultur zu überbrücken vermochte. Ihre Prägung durch dieser Künstlerszene ist auch „M Train“ anzumerken – und, dass sie das alles hinter sich gelassen hat.

Der Band besteht aus einer Sammlung von mehreren Prosatexten, in denen Patti Smith Reisen und Gegebenheiten erinnert, merkwürdige und absonderliche. Ihre Alfred-Wegener-Episoden gehören dabei zu den absonderlichen, ihr Hauskauf zu den merkwürdigen. Erinnerungen sind diese Texte, dabei in Einigem sicherlich auch als Verlustanzeigen gefasst, die dann die Weggenossen auszeichnen, die zum Teil vor Jahren bereits verstorben sind: ihren Mann, Fred Smith, ihrem Mitmusiker, der bereits 1994 starb, oder den Fotografen Robert Mapplethorpe, 1989 gestorben, der die frühen Cover von Smith fotografierte.

Mehr als Verlustanzeigen sind diese Texte jedoch als Aufzeichnungen aus dem Leben einer Künstlerin gefasst, die das Leben in der Öffentlichkeit dem im stillen Winkel vorzuziehen scheint. Denn nicht ohne Grund ziert den Umschlag von „M Train“ ein Foto von Patti Smith, wie sie im vertrauten Winkel im Cafe ʼIno sitzt. Nicht ohne Grund zeigt das erste der Polaroids, die Patti Smith dem Band beigegeben hat, dieselbe Ecke, allerdings mit leerem Stuhl. Und nicht ohne Grund behandelt einer der letzten Texte des Bandes die Schließung des Cafes – es steht für eine Haltung, die vielleicht insgesamt für Patti Smith zutrifft, nämlich für den bescheidenen Wunsch nach Beständigkeit angesichts der Einsicht, dass es nichts Bleibendes gibt, vor allem nichts, worin man sich einrichten kann.

Dies ist auch das Motiv, das den Band insgesamt bestimmt. Denn wir nehmen Einblick in das Leben einer Frau, das offensichtlich von dem Bestreben bestimmt ist, es sich heimisch zu machen und dabei zugleich die Grenzen zwischen Literatur und gelebtem Leben zu durchstoßen, indem sie sie einfach ignoriert. Nach dem Garten in Murakamis „Mr. Aufziehvogel“ zu suchen – darauf muss man erst einmal kommen.

Dass dies ein sinnloses Unterfangen ist, interessiert sie nicht wirklich, scheint es. Denn immer wieder erinnert sie sich und erinnert sich weiter. Aber der erste Eindruck trügt: Statt sich in der vergeblichen Endlosschleife in Richtung Wirklichkeit zu verschleißen und aufzureiben, konstatiert sie schlicht und ergreifend deren Flüchtigkeit. Sie wendet dieses Motiv einfach weg von den stetigen Bemühungen, die Realität vielleicht doch irgendwie einholen zu können.

Dazu nutzt sie gerad jenes Medium, das gerade für das Gegenteil steht, für den Beweis, dass das Geschriebene auch wirklich da gewesen ist – die Fotografie. Immerhin gibt sie ihrem Band, quasi als Siegel auf die Authentizität des Erinnerten, eine Reihe von Fotos bei, die zumeist von ihr selbst stammen und mit einer alten Polaroid-Kamera aufgenommen worden sind. Die Fotos sind dabei verhuscht, unscharf, teils derart verwackelt, dass die gewünschten Gegenstände nur mühsam erkennbar sind. So als ob die Fotos nicht nur sagen sollen, dass das alles so passiert ist, wie die Erzählerin berichtet, sondern auch darauf hinweisen, dass nichts bleibt, wie es einmal gewesen ist. Das ist einer Patti Smith würdig.

 

 

 

Patti Smith
M Train
Erinnerungen
Übersetzung:
Brigitte Jakobeit
Kiepenheuer & Witsch
2016 · 336 Seiten · 17,99 Euro
ISBN:
978-3-462-31571-4

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