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Kritik

… selbst das furchtsamste Licht

Hamburg

Natürlich: Patti Smith, Musikerin und Performance-Künstlerin, „Godmother of Punk“, Songwriterin, Malerin und Fotografin, wer kennt sie nicht? Der Schein dieser Frage steht geradezu flirrend in der Luft. Und auf eben jene Frage kann ich antworten: Ich. Aber halt, nein, stimmt nicht, ich kenne sie natürlich, wie eben die meisten von uns, doch kenne ich sie eben auch nicht. Patti Smith gehört zu den Künstlerinnen, die mich schon immer begleitet haben. Allerdings, und das ist das zugleich Schöne und Fremdartige, gehört sie zu einer ganz speziellen Gruppe innerhalb dieser größeren Gruppe von Künstlerinnen, und zwar zu der, die mich auf sonderbare Weise begleiten: nämlich irgendwie von Ferne. Sie gehört zu denen, die ich kenne, ohne sie wirklich zu kennen, und das belebt ungemein. Es ist wie eine in unteren Schichten von Gestein sprudelnde Quelle, an die man nicht näher herantreten muss: Es genügt zu wissen, dass sie da ist. Umso neugieriger (aber auch auf der Hut) war ich daher, nun ein Buch von ihr in die Hände zu bekommen.

            Denn als Autorin war mir Patti Smith bisher nur von Weitem begegnet. U.a. liegt „Just Kids“ vor, ich habe es noch nicht gelesen. Auch nicht für die Besprechung des kleinen Bandes, um den es hier gehen wird. Nicht etwa aus Desinteresse, weit gefehlt, sondern weil ich es mir dazu erst mal hätte besorgen müssen. Und ich hätte die Zeit haben müssen, es parallel zu lesen zu dem Band, um den es hier geht. Also: Konzentration aufs Wesentliche.

            Und das Wesentliche hier ist die Traumsammlerin. Alles Andere darf ruhig weiter aus der Ferne wirken.  

            Woolgathering, so der englische Originaltitel, Traumsammlerin, so der Titel der deutschen Ausgabe. Wollsammeln. Traumsammeln. Der Text stammt von 1991. Er ist vergangenes Jahr zum ersten Mal auf Deutsch erschienen, bei Kiepenheuer & Witsch, in der Übertragung von Brigitte Jakobeit.

            Es sei gleich gesagt: Es ist eine gelungene, feinfühlige Übertragung, die dem Charakter und Anliegen von Patti Smiths Schreiben gerecht wird, ein Schreiben, durch welches hindurch die Autorin versucht, den Zauber wieder aufleben zu lassen, der von der Besonderheit der Wahrnehmung in Kindheit und Jugend rührt.

            Traumsammlerin ist, wie ich finde, ein wunderbares Buch, auch das sei gleich gesagt. Wirklich wunderbar. Und es ist jedem, der gerne träumt, ob schlafend oder wach, oder jedem, der gerne Erfahrungen nachspürt, die vielleicht gar keine Träume sind, sich dem Traum aber anverwandeln, nur zu empfehlen. Denn das Schöne an diesem Buch ist vor allem, dass es so leichtfüßig daherkommt wie das im Schlaf oder in entrückten Momenten bei Tag Unhaltbare; dass es einen trifft, ganz tief drinnen, und dort nachhallt, noch lange danach, im immer wieder mal aufglimmenden Für-Immer.

            Das Buch schwebt irgendwo zwischen Prosa und Lyrik, Narratives wird durch flüchtig auftauchende Bilder und Gedichte oder durch Zeilen, die wie Gedichte anmuten, gebrochen, und immer wieder ist vom Gebet die Rede. Dazu gleich noch mehr.

            Es sei auch gleich gesagt: Nicht immer gelingt diese Vorgehensweise, bisweilen kommt es zu Stellen, an denen die so erzeugte Leichtigkeit ins Straucheln gerät, weil sie sich im wahrsten Sinne des Wortes in zu viel des Guten verheddert oder dieses sie erdrückt. Doch dann fängt sich meist alles wieder, durch eine Wendung oder einen Sprung zum Beispiel, und insgesamt fließt der Text sanft und zugleich höchst lebendig und direkt über die luftig gesetzten Seiten: Er vermittelt in all dem Traumhaften ein seltsam waches Gefühl, eines dieser Gefühle, bei denen man meint, in Beidem zugleich zu sein: im Bewussten wie auch im Unbewussten.

            Worum es geht? (Fast) rein von den Fakten her gesprochen: Der Leser wird mitgenommen in Patti Smiths Kindheits- und Jugenderinnerungen. Da tauchen u.a. ihre Eltern auf und ihre Großmütter, wenn auch nur sehr kurz, und die Urgroßmutter Olive Hart, die, wie man vom Deutschen her kommend sagen könnte, ihrem Namen – was die Härte betrifft – alle Ehre machte und in deren Adern das Blut der Schafhirten floss, eine Ader, die Patti Smith auch bei sich immer wieder verspürt, und es tauchen ihre Geschwister auf, insbesondere die kleine Schwester Kimberly (die Lyrics zum Song Kimberly sind als ein Abschnitt in dem Buch zu finden), ihre Hündin Bambi (und deren Ende, das aufs Engste mit Kimberly verknüpft ist), die Wohnorte Germantown und Woodbury Gardens im Süden New Jerseys, und Cocteaus Orphée, Willem de Kooning, das Café des Poètes, Pollocks Tränen und Schnee in der Wüste und noch so Einiges mehr …

            Aber was dieses Erinnerungsbuch auszeichnet und was es so empfehlenswert macht, ist die Tatsache, dass es eigentlich völlig egal ist, dass wir uns in Patti Smiths Kindheit und Jugend begeben. Ja, was dieses Buch so anregend macht, ist, dass dieser Text imstande ist, im Leser einen Resonanzraum zu berühren und ihn in Schwingung zu versetzen, einen Raum, der mit dem Erzählten zusammengeht, so dass im besten Falle das Gelesene das eigene Empfinden von Verschüttetem oder verschüttet Geglaubtem in Bewegung setzt.

            Natürlich wird es Leser geben, die dieses Buch rein als Informationsquelle zu Patti Smiths jungen Jahren lesen werden. Das ist selbstredend okay, und so gesehen spielt es natürlich schon eine Rolle, dass das alles mit Patti Smiths Erinnerungen verwoben ist. Im Grunde genommen geht es aber am Text vorbei bzw. lotet ihn nicht wirklich aus oder verpasst das Wesentliche. Die subtile Größe dieses kleinen Textes nämlich liegt eben genau darin: dass Patti Smith, der manch einer vielleicht auch schon mal vorgeworfen hat, ein wenig zu selbstverliebt zu sein, ihre eigene Vergangenheit aufleben lässt, um durch das Eigene hindurch etwas Universelles zum Klingen zu bringen.

            Im Eingangspassus An den Leser, den Smith 2011 geschrieben hat, also lange nach Verfassen des Rests des Textes, berichtet sie von dem Ausgangspunkt, besser: den Ausgangspunkten, von denen 1991 Woolgathering in Detroit seinen Anfang nahm. Zum einen erwähnt sie eine „schlimm[e] und unbeschreiblich[e] Schwermut“, unter der sie in jenem Sommer litt, zum anderen einen Brief, der sie im Herbst desselben Jahres erreichte, und in dem sie gebeten wurde, ein Manuskript für eine gerade in Indien neu gegründete Edition – die Hanuman Books – zu schreiben. 

            Der Brief also war demnach ein Zünder zum Schreiben eines kleinen Textes, eines kleinen „Hanuman-Buches“, und das wiederum sollte wie „ein winziges indisches Gebetbuch“ sein. Und so schrieb sich Patti Smith im Herbst 1991 durch diesen feingliedrigen Text hinaus ins Freie, raus aus der Depression. Wie gerne hielte ich das in Madras veröffentlichte englische Original in Händen!

            Gebetbuch also, Gebete, ich erwähnte es bereits. Es wäre wohl nicht ganz verkehrt zu sagen, dass Traumsammlerin selbst eine Art Gebet ist, ein von vielen Einzelgebeten durchzogenes Langgebet. Das Wort des Gebets mag überraschen, es mag sogar manch einen, der es liest, abschrecken, steht es doch in unserer Zeit wahrlich nicht ‚hoch im Kurs‘. Umso erfrischender ist es da, es hier anzutreffen: ohne jede Scheu, ganz unbefangen, ohne jeden Versuch, sich verbiegen oder es verbiegen zu müssen, um es zu benutzen. Vielmehr gewinnt es in Smiths Text zumeist eine ganz eigene Natürlichkeit. Das Gebet nämlich ist der Zauber der intensiven Wahrnehmung, den die meisten Menschen wohl (zumindest aus ihren Kindheits- und Jugendtagen) kennen, es ist das Wahrnehmen der eigenen Lebendigkeit sowie ein durch Kontakt hergestelltes Erkennen alles Beseelten:

            Ich hatte nie das Gefühl, dass die Kraft zu gewinnen aus mir kam, sondern dem Gegenstand selbst innewohnte. Eine gewisse Magie, die durch meine Berührung geweckt wurde. Auf diese Weise fand ich in allem Magie, als trüge alles, die ganze Natur, das Zeichen des Dschinn.

            Wo das Gebet ist, ist das Heilige nicht weit. Und zum Glück fügt es sich ohne Probleme in den Fluss der Dinge ein, es wird einfach Ausdruck des starken und regen Erlebens, und das kann aller Art sein:

            Da war eine Wiese. Und eine Hecke, die aus großen Büschen bestand und mein Blickfeld einrahmte. Die Hecke war mir heilig – eine Festung des Geistes. Auch die Wiese verehrte ich, mit ihrem hohen, wogenden Gras und der starken Biegung.

            „Das Beten“, schreibt Patti Smith im Abschnitt Fliegen, „lernte ich von meiner Mutter“. Und es scheint, als sei dies auch eine der wichtigsten Gaben, die sie von ihrer Mutter erhalten und die sie durch ihre Kindheit und Jugend getragen hat (und womöglich bis heute trägt). Beten als „Zwiegespräch“:

            Ich setzte mein Zweigespräch fort, hielt Ausschau nach ihnen – den Wollsammlern, die Verlorenes einfangen, damit man es wiederfinden kann, selbst das furchtsamste Licht. Und in besonders wundersamen Nächten, wenn die Gebete selbst zu Abenteuern wurden, tat sich etwas auf, und ich ging hinaus zu ihnen.

            Bisweilen schlittert der Text ein kleinwenig zu stark auf der Schiene des Gesegneten, dann sind es einfach der Worte dieser Art einen Kick zu viel, aber alles in allem bewahrt Smith dem Text die Leichtigkeit des Staunens, den Anmut eines Hauchs. Das Buch wird selbst zum Wollsammler, von dem es spricht, es wird zum Traumhascher, und wenn man es zuklappt, hat man tatsächlich das Gefühl, wach geträumt zu haben: Denn nichts ist wirklich greifbar, und doch ist alles auf eigentümliche Weise präsent.

            Dem Text sind diverse Schwarz-Weiß-Fotos mitgegeben, die manchmal in direktem Bezug zum danebenstehenden Text stehen, manchmal aber auch ganz eigene Bedeutungswege gehen. So finden sich alte Familienbilder, aber auch eine tibetanische Schale oder Wolkenhimmel, jene flüchtigen Gebete der Lüfte. Die Fotos sind also, wenn man so will, Stimmungsstifter: Sie geben dem Ganzen den Anstrich eines rätselhaften Fotoalbums.

            Der Text ist übrigens in vierzehn Abschnitte eingeteilt, und ich möchte, bevor ich ende, nun noch ein klein wenig länger aus dem Abschnitt Indische Rubine zitieren, um – neben der bereits erwähnten Ubiquität des Gebets – auch noch einen weiteren Einblick zu ermöglichen:

            Ich hatte einen Rubin. Nicht perfekt, aber schön wie geschliffenes Blut. Er stammte aus Indien, wo sie zu Abertausenden an den Strand gespült werden – die Perlen des Kummers. […]. [Ich] sehe ihn immer noch. Ich sehe ihn auf den Stirnen der Frauen. In den Gedanken des Dichters. Ich sehe ihn am Dekolleté einer Diva und in den Handflächen des Deserteurs. Fest gegen Stacheldraht gepresst. Ein Tropfen Blut auf einem Kattunkleid. Ich öffne mein Bündel und leere den Inhalt in die Furchen der Erde. Nichts – ein alter Löffel, ein Ruder, die Überreste eines Walkie-Talkie. Ich breite das Tuch aus, lege mich drauf, und meine Atemzüge sind so lang wie die Furchen. […]. Alles dehnt sich. Der Himmel ein dunkles verstörendes Rosa. Ich spüre den Staub von Kalkutta, die toten Augen von Bhopal. Ich sehe die Gebetsfahnen flattern, wie alte Socken im warmen, ironischen Wind.

            Wer also nach leisen Tönen aus ist, die schweben (und das, selbst wenn gekotzt wird), wen es nicht stört, dass hier jemand betet, was das Zeug hält (schon auch mal etwas viel, aber stets genauso leise und beschwingt wie das Schweben der fein gesponnen Töne), wer also offen ist für ein Eintauchen in ein lose aufgewickeltes Wollknäuel von Worten, das sich dann nach und nach entspinnt, weil entsinnt, dem sei Traumsammlerin ans Herz gelegt: eine lyrische Prosa, die stets, auch nach mehrfachem Lesen, ihren spirituellen Zauber zu entfalten vermag.

Patti Smith
Traumsammlerin
Woolgathering
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Kiepenheuer & Witsch
2013 · 14,99 Euro
ISBN:
978-3-462-30731-3

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