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Ganz Mitteleuropa ist zum Themenpark geworden und wir wissen manchmal nicht, auch wenn wir gerade erwachen, ob wir noch hier wohnen oder schon Angestellte sind, was aber in letzter Konsequenz auf das gleiche hinausläuft. Die Bedrohungen die lauern, wirken meist inszeniert und für alles gibt es eine Anleitung, die man sich aus dem Internet aufs Smartphone herunterladen kann.

Besser ist der Abschnitt, in dem steht,
dass die täglich empfohlene Menge an Schatten zu groß war,
und das Sauerstoffniveau viel zu niedrig.
Und in dem zwischen den Zeilen
die (vergeblichen) Injektionen eingestanden werden.

Zwischen den Zeilen! So hieß übrigens auch die Literaturzeitschrift, herausgegeben von Urs Engeler, in der ich zum ersten Mal auf diesen Autor stieß, Zirkuläre Systeme der Text.

Seit seinem Erscheinen 2009 steht das Büchlein bei mir im Regal, das mich freut, das mir bislang aber nicht wirklich etwas nützte. Gut, es schmeichelte meinen Augen und ich konnte den Titel übersetzen, aber sonst kaum etwas verstehen. Ich gebe zu, ich habe es versucht, aber ich scheiterte wie seiner Zeit in Amsterdam, als ich versuchte Türen aufzudrücken, auf denen „trekken“ stand. Na ja, so einfach ist es nicht mit dem Klang und den Sinn. Zumal wir von Klang umgeben sind, der, künstlich zwar erzeugt, nicht immer einen Sinn ergibt. Mag sein, wir leben schon in einer dritten oder vierten Natur.

Während der Ton sich regelt,
bleiben sie kleben
zwischen bewogen werden, bewegen.

 

Das Buch heißt de slalom soft, ist von Paul Bogaert und nun endlich in einer hervorragenden Übersetzung von Christian Filips als Roughbook 27 auf Deutsch erschienen: Der Soft Slalom. (Ich habe bei meiner eigenen Titelübersetzung nur knapp danebengelegen.) Es handelt sich um ein langes Gedicht barocken Zuschnitts und jeder der fünf Teile trägt eine Überschrift, die das Kommende anreißt und zusammenfasst, ganz wie wir es aus dem Barock gewohnt sind.

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Worin das Verhör bröckchenweise beginnt und fortdauert
Worin ein Schema in den Blick gerät

 

Das Bogaerts Gedicht nirgends altbacken oder altertümelnd wirkt, hat meiner Meinung nach zwei Gründe. Zum einen zwingt Bogaert seine Form an keiner Stelle auf, sie ist immer angemessen und das Blut im Schuh des Textes fließt trotzdem oder gerade, weil er passt.

Und zum anderen scheinen mir die ästhetischen Formen des Barock, die mathematische Präzision, das Spiel und die Imitation und Maskerade zu keiner Zeit so gut zu passen, wie zu der unseren, aber auch zu keinem Land wie Belgien, das ich nur aus meiner Vorstellung kenne und aus Schilderungen von Freunden und Kollegen. Aber was ist schon Realität, und vielleicht ist ja ein von mir vorgestelltes Antwerpen viel realer als Antwerpen.

 

Die Schwerkraft lacht
über meine Analyse,
über den anzüglichen Flirt mit der Grenze
dessen, was ein Mensch ertragen kann.

 

Was macht also der Belgier Bogaert, der 1968 geboren wurde und der 1998 mit der Sammlung Welcome Hygiene debütierte in seinem langen Gedicht. Er schildert in fünf Abschnitten einen Tagesablauf. Allerdings braucht die so entworfene Realität, traum- wie alptraumhaft, eben das Gedicht, das sie zusammenhält. Denn auch der Traum ist eine Zwangsvorstellung, worin deutlich wird, dass es im Gaathaus Zum Torschluss keine Besuchszeiten gibt.

Die vorgestellte Welt ist am Zerfließen, sie verliert Kontur, die analytischen Setzungen verlieren ihre Gültigkeit und so verleiht ihr das Gedicht in seiner Formstrenge Festigkeit, die sie von selbst nicht mehr aufbringen kann.

Dem Leser allerdings ist das ein Fest.

P.S.: es lebe das lange Gedicht.

Paul Bogaert
Der Soft-Slalom
roughbook # 27
Herausgegeben und übersetzt von Christian Filips
Roughbooks
2013 · 66 Seiten · 9,00 Euro

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