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Kritik

Der Dichter und seine Bewunderer

Paul Celans Briefwechsel mit Klaus und Nani Demus

In demselben Maße wie Literaturwissenschaftler nach dem Tode Paul Celans im Jahr 1970 über dessen Lyrik interpretierend hergefallen sind, scheint der Einfluß des Dichters auf die Generationen nachfolgender Autoren geschwunden zu sein. Die Germanisten haben seine schwer zugänglichen Texte durch die Mangel ihrer diversen „Ansätze“ gedreht, ohne wirklich „Land zu sehen“, und die immer wieder herangezogene „Todesfuge“ ist gar Pflichtlektüre an den Schulen, aber ansonsten gilt Celan nicht wenigen Zeitgenossen, die sich überhaupt noch für Gedichte erwärmen können, als ein verglühter Stern. Im Kontrast zu dieser Einschätzung scheint die Tatsache zu stehen, dass laufend neue Bände mit Briefen des Dichters ediert werden. Dem Band „Herzzeit“ mit der Korrespondenz zwischen Ingeborg Bachmann und Celan, worin erstmals die Liebesbeziehung der beiden Autoren dokumentiert wird, hat der Suhrkamp Verlag im letzten Jahr den Briefwechsel zwischen Celan und Klaus Demus sowie dessen Frau Nani folgen lassen.

Das sind freilich Namen, die nur Fachleuten etwas sagen, und in dieser Tatsache liegt auch ein Dilemma des Bandes begründet. In der umfangreichen Celan-Sekundärliteratur ist Klaus Demus nur eine Nebenfigur, als Lyriker hat er wenig Beachtung gefunden, und auch als Wiener Kunsthistoriker, der er dem Brotberuf nach war, konnte er nicht nachhaltig auf sich aufmerksam machen. Was ihn hingegen auszeichnet, ist seine sehr frühe Bekanntschaft mit Celan, in die auch seine Frau einbezogen war, und seine Rolle als beinahe unerschütterlicher Bewunderer der Gedichte seines Freundes. Das drückt sich in der seit Mitte 1948 geführten Korrespondenz etwa auch darin aus, dass auf einen Brief Celans mehrere von Demus kommen, die gewöhnlich auch sehr viel länger als die des Dichters sind. Erst auf Seite 54 stößt der Leser bezeichnenderweise auf die ersten wirklich substantiellen Äußerungen Celans.

Hat man sich durch manche länglichen Ausführungen von Demus hindurchgelesen, wird einem noch klarer, dass man sich ganz einseitig nur für die eine Seite dieses Briefwechsels interessiert, für den das Wort Korrespondenz eigentlich unangemessen ist, denn von wirklicher Übereinstimmung oder gar Entsprechung kann bei den beiden Partnern – ungeachtet gegenseitiger Freundschaftsbekundungen – in einem tieferen Sinne nicht die Rede sein. Celan ließ sich die bewundernden Äußerungen des 1927 geborenen Demus, der mithin sieben Jahre jünger war als er, gern gefallen und geizte mitunter auch nicht mit Anerkennung für dessen Gedichte, was seinem kritischen Vermögen kein besonders gutes Zeugnis ausstellt.

Von diesen mehr als problematischen Texten wurden etliche dem Band beigegeben, vermutlich eine Konzession an den noch immer in Wien lebenden Demus, der der Publikation ja zustimmen musste. Seine lyrischen Hervorbringungen wirken besonders in der frühen Phase wie unfreiwillige Parodien von Celan-Gedichten, bedienen sich des nämlichen Metaphern-Repertoires, sind noch beliebiger in ihren hergeholten Assoziationen und neigen zu allem Überfluss zu strapaziösem Ausufern. Übrigens gibt es etliche Briefstellen, an denen Demus selbst zu der Einsicht gelangt, dass es mit der Originalität seines lyrischen Schaffens nicht weit her ist, und immer wieder klagt er darüber, dass er mit seinen Gedichten nicht vorankomme.

Als Celan Ende 1952 die Pariser Künstlerin Gisele Lestrange geheiratet hatte, nahm sein Briefwechsel mit den treuen Wiener Freunden, die jedes seiner Werke mit beinahe bedingungsloser Begeisterung aufnahmen, zunehmend den freundlichen Ton familiärer Mitteilungen an, erhebt sich über weite Strecken kaum über dieses Niveau. Erst als die Goll-Affäre - die Witwe des Dichters Yvan Goll bezichtigte Celan des Plagiats an Texten ihres Mannes – immer stärker in den Briefwechsel mit Demus hineinwirkt und den bis dahin freundschaftlichen Grundton der Schreiben immer mehr verdüstert, wird die Lektüre des Bandes wieder spannender, zugleich auch der Anteil der Celanschen Schreiben größer, ihr Inhalt gewichtiger. Tatsächlich erlebt man als erschrockener Leser mit, wie sich der Dichter immer mehr in einen Verfolgungswahn hineinsteigert, überall Missgunst und Schlimmeres wittert, jede auch nur halbwegs kritische Formulierung von Rezensenten als bösartig und charakterlos hinstellt und bei angeblich gegen ihn gerichteten „Kampagnen“ nur mehr oder minder verkappte Antisemiten oder eben „Nazis“ am Werk sieht.

Als schmerzlichste Wunde empfand es der Dichter, dass die Authentizität seiner „Todesfuge“ von einigen wenigen Parteigängern Claire Golls bestritten und damit gewissermaßen die Grabstätte seiner im KZ umgekommenen Mutter geschändet wurde, die er ihr seinem Gedicht errichtet hatte. Speziell über diesen Punkt kam er nicht hinweg, verlor seit Beginn der 60er Jahren mehr und mehr seine psychische Selbstkontrolle, was zu ersten Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken führte. Diese dramatische seelische Entwicklung konnte auch seinem Bewunderer Demus nicht verborgen bleiben. Er folgte noch lange den immer dringlicher werdenden brieflichen Wünschen seines Freundes und engagierte sich für ihn in der Goll-Affäre, versuchte die daran Beteiligten im Sinne des Dichters zu beeinflussen und verfasste auch ein von Celan inspiriertes Papier, das die Gegner ein für alle Mal mundtot machen sollte. Es war allerdings wenig schlagkräftig formuliert und verfehlte seine Wirkung vollkommen.

Die Entwicklung kulminierte am 17. Juni 1962 in einem Schreiben von Demus, worin er nach Beteuerungen seiner „Liebe“ dem Dichter seinen „ganz gewissen Verdacht“ eröffnete, dass Celan „an Paranoia“ erkrankt sei. Das war für den Betroffenen etwa so hilfreich wie der Zuruf an einen ertrinkenden Nichtschwimmer, er möge doch bitte die vorgesehenen Arm- und Beinbewegungen ausführen. Dieser schlagende Mangel an Einfühlungsvermögen in die tatsächliche Situation, der eben alles andere als einen wirklichen Freundschaftsdienst bezeugt, führte dann fast zwangsläufig dazu, dass Celan die Beziehung sofort abbrach und jahrelang schwieg. Erst seit dem Dezember 1968 gab es wieder ein paar Antworten auf briefliche Vorstöße von Demus, aber nach innen hin blieb das Verhältnis nachhaltig zerstört.

Fragt man sich am Ende der Lektüre dieses umfangreichen Bandes, was der Ertrag des Briefwechsels ist, wird man zu dem nüchternen Fazit kommen, dass es sich bei den beiden Schreibenden doch um sehr ungleiche Partner handelt und dass ihre Freundschaft schon deshalb ein halbes Missverständnis war, weil Celans Judentum und seine spezielle seelische Konstitution fast überhaupt nicht thematisiert wurden. Das konnte letztlich nicht gut gehen, und statt eines Bewunderers wäre dem Dichter wohl eher ein  Mensch dienlich gewesen, der es zu einem wirkliches Verständnis seiner Besonderheiten gebracht hätte.

Der Briefwechsel wurde von Joachim Seng,, dem Leiter des Bibliothek des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt, sehr sorgfältig ediert, die Kommentierung der Schreiben auf 250 Seiten lässt kaum Wünsche übrig und ist etwa derjenigen in dem Briefwechsel zwischen Celan und Ingeborg Bachmann weit überlegen. In seinem Nachwort sieht Seng die Rolle von Demus zu wohlwollend, aber das mag auch diplomatische Gründe haben, denn schließlich hatte er es mit einem noch lebenden Beteiligten zu tun.

Paul Celan
Briefwechsel mit Klaus und Nani Demus
Suhrkamp
2009 · 675 Seiten · 34,80 Euro
ISBN:
978-3-518421222

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