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Kritik

Wer den Rhythmus kennt, hat keine Eile

Marrakesch in Bild und Ton

„Djemaa el Fna“ (Platz der Geköpften) der zentrale Platz von Marrakesch ist mehr als nur ein einfacher Platz. Morgens, wenn man aufsteht und sich in der bereits lähmenden Sonne aus seinem Hotel quält, kann man an einem der unzähligen Erfrischungsstände inmitten der Djemaa el Fna einen frischgepressten Orangensaft im Stehen zu sich nehmen und sofort geht eine wirkliche Sonne auf und es ist keine Capri-Sonne, sondern der Saft von drei spritzigen, marokkanischen Orangen, die in der Kühle der Nacht auf den Platz transportiert wurden und einem nun, in der Frühe, neue Lebensgeister einzuhauchen. Mittags wird die Djemaa el Fna dann wieder leerer, aber am Abend, wenn die ersten Trommeln zum Essen schlagen, entsteht eine Atmosphäre, die man so in der ganzen westlichen Welt wohl nie wird erleben können: der ganze Platz ist voll mit Restaurants, Tänzern, Schlangen und Musikern, die einem einen Rhythmus beibringen, dass einem das Blut nicht nur in Wallung bringt, sondern gleich auch noch hervorzuspritzen verspricht. Ein Medizinmann wäre jedenfalls gleich zur Stelle, es gibt unzählige von ihnen, nachts, auf der Djemaa el Fna und sie verkaufen auch Aphrodisika oder Nashornstaub, das jeden Wunsch zu erfüllen vermag. Henna-Malerinnen tätowieren einem Skorpione auf die nackte Haut und ehe man sich versieht, wird eine ganze Skorpion-Familie daraus. Die eindringlichen und beschwörenden Stimmen der Berberinnen lassen keinen Widerstand zu, die massierenden Bewegungen der Henna-Spritze und ihrer Hände lassen einen hinweg gleiten, als würde man unter Drogeneinfluss stehen, doch es ist alles wahr, es ist nichts erfunden, keine künstlichen Paradiese. Sie leben und Sie sind im vollen Bewusstseinszustand und Sie befinden sich mitten im Marrakesch, der Stadt der Könige.

So oder so ähnlich könnte ein erster Tag in Marrakesch aussehen und es wird keinesfalls der letzte gewesen sein. Was es außer der Djemaa el Fna in Marrakesch noch zu entdecken gibt, zeigt der vorliegende Fotoband, der mit zwei CDs ebenso meditativ auf eine Reise nach innen einstimmen könnte, wie das Packen der Koffer auf eine tatsächliche Reise. Am besten man vergisst alles bisher Gesehene und lässt sich von den Fotos in eine andere Welt tragen. Es lassen sich Farben in der schillerndsten Buntheit einer blühenden Pflanzenwelt auf Muezzintürmen entdecken, blaue Mosaiksteine eines Hauseinganges oder arabische Schriftzeichen, die auch ganz ohne Kenntnis der Buchstaben schon verzaubern. Oasen der Sinnlichkeit inmitten eines lebendigen Marktreibens, Seitenstraßen, die zu Teestuben führen in denen man die Nanaminze aus versilberten Teekannen genießt, die ebenso reich verziert, allein durch ihre Schnabelform schon verzaubernd wirken. Das kontrastierende Rot der Ziegelbauten bringt einen tagsüber in eine Trance ohne Wiederkehr, erst ein frisches Lüftchen des Abendrots kann einen wieder aus diesen Irrgängen der Seele herausholen, wenn man auf einer der Terrassen der Hotels auf der Djemaa el Fna sitzt, kann man spüren, dass es durchaus eine leichte Brise gibt, die einem die erwartete Erlösung von der Hitze des Tages verspricht, ohne es wirklich zu halten. Buntgekleidete Musiker treten bald auf, mit Schellen und Hüten, Akrobatentricks oder kleinen Äffchen, geküssten Schlangen und treuen Falken. Im Schutze einer schattigen Ecke kauert ein Schuhmacher, der in all diesem Chaos immer noch arbeitet, Absatz für Absatz auf seine Schlüpfer klopft, ohne dabei auch nur im Geringsten ins Schwitzen zu geraten. Wer den Rhythmus der Natur kennt, hat keine Eile, ist eins mit seiner Umgebung und den ihn Umgebenden. In einem anderen Geschäft der Kasbah, des Suk, sind Stoffballen aufeinander gelegt, ein Mann sucht ein Tuch für seine Geliebte oder ist sie längst seine Ehefrau? Der Betrachter erkennt viele Details: die Hand, die vor bösen Flüchen schützen soll, kohlschwarze Augen, die diese verstoßen, aber auch ein spielerisches Lachen um die Lippen der Bewohner. Das alles wird mit Schicksalsgläubigkeit ertragen, gelebt, ohne zu jammern, genossen, ohne in Völlerei auszuarten, es gibt ein gesundes Maß, das nicht überschritten wird, der Exzess ist eine westliche Erfindung, hier zählt er nicht, allein die Bescheidenheit ist eine Tugend, die im Einklang mit Gott und der Natur oder was davon übrig geblieben ist, hingenommen wird.

In einer der unzähligen Gassen abseits der Djemaa el Fna frage ich eine junge Berberin nach dem Weg zur Busstation und sie führt mich ohne zu zögern vor die Tore der Stadt. Ihr Leib ist tatsächlich in einen Kartoffelsack gekleidet und ihr Gesicht halb verhüllt, dennoch erkenne ich ihren unglaublich lieblichen Ausdruck, der einer Wüstenrose gleicht, zart und unschuldig und voller Vertrauen führt sie mich hinaus vor die Stadtmauer und deutet in eine Richtung. Am liebsten würde ich ihre Finger küssen, ihr den Atem stehlen, der aus diesem unglaublichen Wesen strömt, so rein kann keine Unschuld sein, so groß kein Gott, dass er so ein Geschöpf erschaffen hat. Ich erblasse vor Neid und winke ihr zum Abschied; alles andere wäre ein Sakrileg gewesen. Man fühlt sich unwürdig, in der Stadt der Könige und man wünschte, Teil dieses Kosmos zu sein, an dem alles an seinem Platz zu sein scheint. Selbst die Farben schimmern einem anders, wenn man einmal in Marrakesch war und auch der Duft der Blumen wird nie mehr derselbe sein, noch der des Grases oder der Geschmack des Tees.
Wer fliehen möchte, ergreife die Möglichkeit, wer bleibt, blättere durch dieses Buch und höre die Marrakech Sounds und Visions Part I – IV von Massimo Villa. Ein Trost für triste Tage und eine willkommene Gelegenheit zur Flucht vor dem Unvermeidlichen.

Paula Oudman
Marrakech
earbooks
2010 · 88 Seiten · 39,95 Euro
ISBN:
978-8-863500011

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