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Kritik

Noch einmal Butterkuchen

In einer Mischung aus Familienroman und historischem Essay zeichnet Per Leo das Bild eines ungleichen Brüderpaars
Hamburg

„Familienwappen, Humanismus, Schiffbau, Villa, Heide, Scholle, Bücher, Blitzkrieg, Sturmbannführer. Da komme ich also her.“ Die Erkenntnis überfällt den Erzähler auf der A 27 zwischen Vegesack und der Bremer Innenstadt. Es ist 1994; Per Leo kommt von einem beruhigend routiniert ablaufenden Oma-Besuch, komplett mit aufgetautem Hühnerfrikassee, Mittagsschlaf im Wintergarten und einem Stück Butterkuchen hinterher.

Als kurze Zeit später die Großmutter stirbt, macht sich Per Leo daran, die Besitztümer in der Weserstraße 84 zu sortieren. Geschickt wandelt der Philosoph und Historiker – Erzähler-Ich und Autor fallen hier in eins – den Topos des Dachbodenfunds um in die Entdeckung der untersten zwei Fächer im Bücherregal der Großeltern. Gleichermaßen fasziniert und abgestoßen von der Gedanken- und Vokabelwelt seines Großvaters macht er sich daran, dessen Nazi-Vergangenheit zu ergründen.

Herausgekommen ist dabei zum einen eine Dissertationsschrift über Ludwig Klages – dessen Werk „Handschrift und Charakter“ sich ebenfalls unter Friedrich Leos Gesinnungsliteratur befindet – zum anderen der vorliegende Roman „Flut und Boden“. Wobei „Roman“ die Sache nicht ganz trifft. Es gibt weder einen durchgängigen Erzählstrang noch einen Spannungsbogen. Auch fiktive Elemente baut Leo nur selten ein. Vielmehr besteht „Flut und Boden“ aus thematisch sortierten Kapiteln, in denen der Autor persönliche Erinnerungen mit historischen Essays verwebt.

Um der ungewissen Zukunft seines Studentenlebens zu entfliehen, verbeißt sich der Erzähler-Autor in die Fakten der Vergangenheit. Die Erkenntnis, ein Nazienkel zu sein, verleiht ihm nicht nur schlagartig eine gesicherte Identität, sie macht ihn zudem wieder „partytauglich“. Mit dieser Meta-Ebene landet Leo einen subtilen Seitenhieb gegen die deutsche Vergangenheitsbewältigungs-Industrie, die hinter jedem Edel-Nazi glänzende Mädchenblicke und klingelnde Kassen wittert. Wie viel Kalkulation in dieser Selbstironie steckt, ist schwer auszumachen – schließlich wird „Flut und Boden“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, auf ebendieser Schiene vermarktet.

Eines jedenfalls muss man Per Leo lassen: Er schafft es meisterhaft, die Naziklischee-Falle zu umschiffen. Ausgestattet mit einer schier unerschöpflichen Belesenheit, penibler Quellenkenntnis und einem feinen Gespür für Zwischentöne, gelingt ihm ein facettenreiches Doppelporträt seines Großvaters und dessen älteren Bruders Martin, das aus der Masse deutschsprachiger Familienromane heraussticht.

Friedrich, Jahrgang 1908, bricht das Gymnasium ab, kompensiert seine intellektuellen Mängel

bei den Pfadfindern, macht eine Försterlehre. 1934 tritt er in die SS ein. Zum indirekten Mörder wird er, als er für das Rasse- und Siedlungshauptamt in den neu eroberten Gebieten über Eindeutschungsanträge zu entscheiden hat. Wer durch das Raster der „Experten zur Herstellung von Deutschen“ fällt, dem droht der sichere Tod.

Auf all diese schaurigen Details stößt Per Leo erst Jahre nach Friedrichs Tod. Er berichtet über den Wahn jener Zeit, in den sich auch sein Großvater verstiegen hatte, ohne Anklage oder Mitleid. Allein die bittere Ironie, die  sich bisweilen in seinen distanzierten Historiker-Tonfall schleicht, zeugt von seiner abgrundtiefen Verachtung gegenüber jener fatalen Dummheit und Vermessenheit.

Ein Phrasendrescher bleibt Friedrich Leo Zeit seines Lebens. Noch aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft schickt er seiner Frau und seinen Söhnen Richtsätze, die mit den Worten enden: „In allem aber, was du glaubst, tust und liebst, bedenke, dass du ein Kind deines Volkes, ein Deutscher, bist!“ So gewinnt auch die Schrulle des Großvaters, der seinen Enkeln ein Quadrat Butterkuchen versprach, wenn sie ein Maß von 1,80 erreichen, plötzlich einen makabren Beigeschmack. Worüber Per Leo früher schmunzelnd den Kopf schütteln konnte, passt nur allzu gut in sein neu gewonnenes Wissen über den einstigen SS-Rassezüchter.

Dem selbstgerechten „Weltanschauungsdozenten“ stehen die Lebenserinnerungen des feinsinnigen, grüblerischen Bruders gegenüber. Martin Leo ist ein Bastler, ein Zweifler, ein im Nationalsozialismus Unerwünschter. 1938 wird er aufgrund seiner Morbus-Bechterew-Erkrankung zwangsterilisiert. Nach dem Krieg zieht er in die DDR, wo er durch ein selbstgebautes Teleskop die Sonne beobachtet und ansonsten ein ruhiges, dem Humanismus und später der Anthroposophie zugewandtes Leben führt. Geistig bleibt er stets in seiner Heimat verhaftet, dem Blick vom Turm der Villa in der Weserstraße, den Geräusche, die in seiner Jugend von der Vulkan-Werf herüberwehten.

Die Sympathie der LeserInnen hat Martin sofort auf seiner Seite. Als Gegenfigur zu Friedrich wirkt er jedoch ein wenig blass, was vielleicht auch daran liegt, dass der Autor ihn kaum persönlich kannte, sondern lediglich aus seinen Aufzeichnungen zitiert und daraus allerlei Spekulationen über seinen Charakter zieht.

Man kann Per Leo vorwerfen, einen gefälligen Roman geschrieben zu haben: Es gibt darin den verblendeten Nazi und dessen guten Gegenspieler, es gibt diverse Sätze, die jede Jury überzeugen werden, es gibt sogar hin und wieder ein bisschen Fußball. Ganz so einfach jedoch hat es sich der Autor nicht gemacht. Anstatt ein Monster zu zeichnen, zieht Leo sein protestantisches Familienerbe, Goethes Betrachtungen zum Farbkreis, deutsches Liedgut und Ludwig Klages’ Graphologie heran, um ein umfassendes Bild jener Vorläuferideologie auszubreiten, die einerseits zu hohlen Nazi-Phrasen, andererseits aber auch zu einem wachen, skeptischen Geist führen können.

Per Leo
Flut und Boden
Klett - Cotta
2014 · 350 Seiten · 21,95 Euro
ISBN:
978-3-608-98017-2

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