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Wer bedeutet die Welt, Liberladen
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Wer bedeutet die Welt, Liberladen
Kritik

Ein würdevolles Leben

Hamburg

Die Würde des Menschen. Ein Buch, welches sich mit diesem Thema beschäftigt, ist notwendigerweise ein sehr persönliches, nämlich dort, wo es sich mit den eigenen Werten bezüglich der Würde beschäftigt und es ist andererseits ein sehr allgemeingültiges, weil es versucht, einen für alle Menschen geltenden Würdebegriff zu umreißen. Es ist gezwungenermaßen ein sehr aufwühlendes, wenn es um konkrete Beispiele verlorener Würde geht und ein sehr aufbauendes, wo es um die Wiederherstellung, die Erlangung  oder den Schutz von Würde geht.

Deswegen liest es sich nicht schnell, wenngleich man es kaum aus der Hand legen mag. Mich zumindest haben die aufgeworfenen Fragen auch im aktuellen Erleben begleitet, haben rückwirkend Lebenskrisen beleuchtet und hinterlassen mich aufmerksam in Hinblick auf die Zukunft, einschließlich der brisanten Frage: Wie können wir in Würde altwerden?

Das Vorgehen des 1944 in Bern geborenen, mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers und Philosophen ist dabei so behutsam wie aufrüttelnd.

"Nichts, von dem, was ich gelesen habe, war mir wirklich neu. Vieles habe ich wiedererkannt. Aber ich bin froh, daß einer es in Worte gefaßt und im Zusammenhang dargestellt hat. Und froh bin auch, daß er nicht verschweigt, wie vieles an den Rändern der Gedanken unklar und unsicher bleibt."

Als ich im Vorwort den Wunsch Peter Bieris las, es möge Leser geben, die ihm so etwas sagen, wusste ich, dass ich als Leser schon mal in meiner Würde ernstgenommen bin - ein Buch an seinem eigenen Anspruch messen, das ist schon mal ein guter Anfang.

Die Geschichte des Wortes geht auf althochdeutsch wirda zurück: Wert / Wert einer Person. Aber was macht den aus und was genau soll bei Wahrung der Würde geschützt werden?

In acht Kapiteln werden der Würde verschiedene Qualitäten zugeschrieben:

Sie ist Voraussetzung für ein Gefühl der Selbständigkeit, notwendig für eine echte  Begegnung zwischen Menschen, sie ist die Achtung vor Intimität, sie setzt Wahrhaftigkeit voraus, ist mit Selbstachtung verbunden, bedeutet moralische Integrität, sie geht einher mit dem Sinn für das Wichtige im Leben und schließlich drückt sie sich in der Anerkennung unserer Endlichkeit aus.

In all diesen Zusammenhängen weist die Würde in drei Richtungen: Wie behandeln uns andere? Wie behandeln wir andere? Wie sehen wir uns selbst?

Der hier benutzte Würdebegriff ist der europäischen Aufklärung und ihrem sittlichen Gestaltungsauftrag an den Menschen nah. Er ist offen, da geschichtlichen, soziologischen und weltanschaulichen Veränderungen unterworfen.

Auch der Würdebegriff im Grundgesetz, der sich auf die Menschenrechte stützt, ist subjektiv, und muss von Fall zu Fall objektiviert werden; doch ist diese Subjektivität ein Dilemma? Vielleicht ein notwendiges? Kann es einen für immer festgelegten Würdebegriff geben, wenn die Situationen, in die die Menschen gelangen mit nichts, was es vorher gab, vergleichbar sind?

Bieri schreibt sehr lebendig, bringt nicht nur nachvollziehbare Alltagsbeispiele, sondern Ausschnitte aus der Literatur, aus der Geschichte, die er fortspinnt und verändert, mischt, später wieder aufgreift. Dadurch bleibt das Buch immer spannend und der Leser in einer Wachsamkeit, die überhaupt uns Menschen bei der Bildung von ethischen Werten auszeichnen sollte.

Würde setzt dabei Freiheit voraus! Menschen unter Folter, Menschen im Krieg, in Diktaturen, in Massenpanik, wie können sie würdevoll bleiben? Soll ein Arzt das Leben eines Kindes durch Bluttransfusion retten, wenn die Glaubensgemeinschaft, der das Kind angehört, so etwas schlimmer als den Tod findet? Darf ein Flugzeug voller Passagiere abgeschossen werden, wenn es auf ein Hochhaus zurast?

Die Würde soll zwar im ersten Artikel des Grundgesetzes und in den Menschenrechten an oberster Stelle gesichert werden, dennoch leben wir nicht in einer "würdevolleren" Gesellschaft als vor der Zeit dieser Recht-Schreibung, schaut man sich Zustände in Straflagern oder Stellvertreter-Kriege an.

Die modernen Medien machen es einerseits möglich, Grenzen der Intimität zu verletzten, andererseits ermöglichen sie aber auch Einblicke in andere Kulturen, in eigene und fremde Abgründe, ermöglichen weniger Gebildeten eine Teilhabe an der Bildung. Insofern verstehe ich hier Würde als Ideal, welches in einer komplexen Gesellschaft immer wieder neu diskutiert und erkämpft werden muss, ohne dass wir abstreiten können / wollen / dürfen, dass es so etwas überhaupt gibt.

Am Ende erscheint es mir, als sei die Verletzung oder Erlangung der Würde Antrieb des menschlichen Handelns - jenseits des puren Lebenserhaltes - überhaupt.

Der Autor macht seinen Standpunkt klar, er hat wenig Verständnis für religiös motivierte Beweggründe, gesteht aber Andersdenkenden ihre Würde zu und fordert zur Diskussion auf.

Das Bedürfnis nach Würde scheint allen Menschen eigen zu sein, während die Werte, die diesen Begriff füllen, an einigen Punkten auseinanderdriften, siehe bloß aktuell die Meinungsverschiedenheiten bei Abtreibung oder der ungleichen Behandlung von Mann und Frau.

Fazit also: wachsam bleiben, wach bleiben?

Eine schlaflose Nacht verbringe ich bei Kapitel 5. Die Verbrechen der Nazi-Zeit und zu was für weiteren schrecklichen Taten sie geführt haben. Plötzlich wird mir klar, dass die Generation, die direkt beteiligt war, wegstirbt. Wird es nicht einst heißen: Das ist gar nicht gewesen? Vor allem, wenn wir nur noch elektronische, leicht zu manipulierende Medien haben? In unserer Stadt werden derzeit viele Namensgeber von Straßen auf ihre Verstrickung mit der NS-Zeit überprüft. Dieses Verfahren berührt den Themenschwerpunkt ja auf mehrfache Weise: Den Namensgebern wurde früher eine besondere Ehre (= Würde) zuteil, die nun nicht nur angezweifelt wird, vielmehr kann einigen von ihnen ein Vergehen an der Würde anderer vorgeworfen werden.

Das ist eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Geschichte. Ich hoffe nur, dass die Straßennamen auch nach Umbenennung noch an das Geschehene erinnern.

Peter Bieri
Eine Art zu leben
Über die Vielfalt menschlicher Würde
Hanser
2013 · 384 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24349-1

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