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Kritik

Pilze machen Narren

Peter Handkes letzter Versuch
Hamburg

Da Peter Handke älter wird, ist auch einmal der letzte „Versuch“ geschrieben. Er sagt es selbst: Sein „Versuch über den Pilznarren“ (Suhrkamp Verlag), der fünfte nach denen über die Müdigkeit, die Jukebox, den geglückten Tag, den Stillen Ort, soll das Ende dieser Reihe bilden. Es überrascht daher nicht, dass das Thema seines Pilznarrenbuches die Zeit ist (und deshalb auch der Raum): „Es war ihm, als habe er, ohne es zu wissen auf diesen Augenblick, das Ansichtigwerden … gewartet. Seit wann? Es war eine Zeit, welche sich nicht bemessen ließ: ‚vor unvordenklichen Zeiten‘, und das konnte ebenso gut vor seiner Geburt wie seit gestern sein.“ Die Pilzleidenschaft, die beim Narren übrigens seine Leidenschaft des Kinogehens ablöst, bringt ihm einen „gesundeten Zeitsinn“ ein. Im Sinne einer Versöhnung mit Kindheit, Reifen sowie Ausblicken, deren jeweiligen Orten auch. Tätigkeit zwischen diesen Polen ist das Suchen von Pilzen, im weiteren Verlauf treffender: das Gehen hin zu den Pilzen, einer Metapher für zunächst atemloses, fast gewerblich betriebenes Tun; dann behutsame, individualisierte Liebhaberei; dann wegen perfektionierter Kennerschaft schließlich Sucht, Verdammung des Gegenstands, Abwendung; schließlich, jetzt wieder heiter betrieben: Hinwendung zu neuen Früchten. Das Pilzesammeln ist dabei auch das Schreiben; ist das Auffinden und Ausüben des Schreibens mit seinen Korrekturen. Hier in einen Gegensatz zur Juristerei gestellt.

Erzähler und Pilznarr kennen sich seit Kindheitstagen in ihrer waldreichen, bergigen Gegend.

Der Pilznarr macht Karriere als Spitzenjurist, „taglang war er doch von seiner Arbeit im Internationalen Gericht bis auf das Weitere freigestellt“; hat zunächst Frau und Kind, während der Erzähler Schriftsteller ist, anscheinend ohne Anhang. Arbeitet der Narr seine Plädoyers im Wald aus, sich in einer „mittelalterlichen Thingstätte“ wähnend, erzielt er „mehr Freisprüche“. Aus Leidenschaft wird Sucht, - er hat seinen Beruf schon aufgegeben, Frau und Kind sind gegangen - dann kommt das „Verschollengehen“.

Aber auch der Erzähler, „zeitweiser Mitnarr“, hat einst die Rechte studiert, hält aber nun nicht viel davon. In seinem Räsonnement bewahrt er freundliche bis ironische Distanz zum Pilznarren: „mein Dorffreund, der nachmalige Weltmann.“

Der Erzähler ist gleichzeitig teilweise auch ganz unverhohlen der Autor selber, der wiederum vom Pilznarren gelesen wird: „Er lese meine Geschichten vom Leben in der Niemandsbucht und finde sich selber darin miterzählt“. Der Pilznarr selbst hatte gar kurz nach dem Studium einen Roman geschrieben – aus einem einzigen kurzen Absatz mit der letzten Zeile: „‘Die Zeit wurde ihm lang auf der Erde. ‘“

Der Erzähler kokettiert mit scheinbarer Lässigkeit, Unzuverlässigkeit als Chronist: „ein Vormittag, mit Sonne (oder auch nicht)“; dann wieder beteuert er seine Verlässlichkeit „(ja, eindeutig diesmal …)“

Bei allem dargestellten Realismus (Wortentsprechungen für Lexem „Steinpilz“ in mehreren Sprachen; Gesellschaftskritik: „Getöse aus Fußballstadien“, „Bankrott noch auch der letzten Gesellschaftsidee in unserem Jahrhundert“; aller Ironie (allem Sarkasmus); allem Märchen zumal: (hinsichtlich des ersten erblickten Pilzes etwa) „Wie im Bilderbuch? Mehr, wie entsprungen aus dem Fabelreich? Dieses existierte also, war Teil oder Bestandteil der Wirklichkeit; entpuppte sich in dem Fabelwesen da als so leibhaftig wie nur sonst etwas.“; dem Narren erscheint zum Ende des Buches eine neue Fee, auch dem Erzähler fliegt ein Gefährte (?), eine Gefährtin (?) zu; aller geschickt vorgenommenen kompositorischen Verquickung von Erzähler, Held und Autor zu der Dynamik eines einzigen Chronisten; bei all diesem also sind es doch Humor, Sprache und Hinwendung zum Leser, also Handkes Versöhnung mit seinem Schreiben (das heißt hier ganz nebenbei auch: der Nicht-Wahl einer juristischen Biografie), die Handkes Versuch über den Pilznarren zu einem lesenswerten Buch machen.

Über den Humor kommt weitere, man möchte sagen Waldes-Wärme in den Text: Der Pilznarr wie eben auch der Erzähler mit ihrer Vorliebe für den einzelnen Pilz, das einzelne Wort, den einzelnen Text machen sich lustig über die Horden von Pilzsammlern, die nach Jägerart hinterher von gewaltigen Pilzansammlungen schwärmen, „‘daß man sie mit einer Sense hätte mähen können‘“. Wie der Narr als Verteidiger vor dem Richterspruch nicht - gleich allen anderen - das Barett auf den Kopf setzt, sondern sich „ein ziemlich ähnliches Insignium überstülpte, welches in der Wirklichkeit ein mächtiger Schirmpilz, eine coulemelle. eine culumella iganta, eine makrolepiota war“.

Über die Sprache dann also zur vollen Literatur.

In diesem Buch gibt es feine Passagen an Beschreibung, zarte Details, die in ihrer Aneinanderreihung Wucht entfalten: So ist der lyrische Höhepunkt des Buchs erreicht, als der Erzähler, als Peter Handke über anderthalb Seiten die unterschiedlichen Taumeleigenschaften der einzelnen Blätterarten im Herbst beschreibt. Solcher Romantisierung müssen dann wieder scharfe Kontraste gegenüber stehen; Sprache, absichtlich klobig gehalten („das Leben meines im Verlauf der Begebenheiten verschollengehenden Freundes“), auch sperrige Begriffe nach Art des Genazino: „Bewußtseinsnarrheit“, „Unzeitbewußtsein“;

Markant im Buch ist demokratisches, spielerisches (vielleicht auch ein wenig veräppelndes), den Leser insgesamt doch mitnehmendes, mitvorantragendes direktes Ansprechen: „So weit bin ich, sind wir noch lange nicht.“; oder „wie – aber geht und seht selber!“; oder „Wißt ihr, von was er träumte?“; oder „Malt euch das alleine aus.“; oder „Einmal dürft ihr raten.“

Ja, das Schreiben hat Peter Handke vielleicht ähnlich wie sein Narr das Pilzesammeln betrieben: Erst der Ehrgeiz, es nur hinsichtlich des Ertrags auszuführen; dann spielerischer, die Lust, Leidenschaft, der Stolz des Einzel-Gängers; dann der Hass aus Überforderung, allzu menschenfern vorzugehen; die Krise, das „Verschollengehen“; schließlich aus dem fernen „Zentrum“ (Paris) die Teilheilung mittels Vergebung: sich, Österreich und seinen Lesern: „Und er dazu: ‚Sind wir noch in der Zeit?‘ Und ich: ‚Wir sind in der Zeit, endlich! ‘“ Peter Handke wird also nichts mehr schreiben? Pustekuchen! Wer „Versuche“ abschließt, dürfte wohl zu einem neuen Eigentlichen übergehen.

Peter Handke
Versuch über den Pilznarren
Eine Geschichte für sich
Suhrkamp
2013 · 217 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42383-7

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