Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
triedere ausgabe 18
x
triedere ausgabe 18
Kritik

Der vierte Versuch

Hamburg

Von einigen Freunden und Bekannten weiß ich, dass sie Nietzsches Also sprach Zarathustra vornehmlich auf der Toilette lasen. Das hatte zum einen den Grund, so war man sich einig, dass eine Rede Zarathustras ziemlich genau der Länge eines Toilettengangs entspricht. Zum anderen aber, auch darin war man sich einig, sei die Toilette ein Ort, an dem man die erforderliche Ruhe und Konzentration für ein solches Werk finde. Beide Gründe heizten wiederum Spekulationen über den Ort der Textentstehung an, was an dieser Stelle aber zu weit führen würde.

Warum aber eigentlich nicht eine Meditation über den Stillen Ort als stillen Ort führen und diese ebenfalls aufschreiben? Das fragte sich auch Peter Handke und legte rund zwanzig Jahre nach seinen drei Versuchen über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag nun einen vierten Versuch vor. Und wie es sich für eine Neuerscheinung des gerade erst 70 gewordenen Schriftstellers gehört, war das Medienecho nicht gerade klein. Natürlich haben alle großen Zeitungsfeuilletons ihre Meinung über Handkes Versuch über den Stillen Ort längst kundgetan. Ich erspare mir hier eine Presseschau en detail, komme aber nicht umhin festzustellen, dass die Toilette scheinbar noch immer der literarische Tabuort schlechthin ist. Der ironischen Skepsis vieler Kritiker folgte vielerorts ein Aufatmen (sic) darüber, dass Handke den Leser mit Details über Körperausscheidungen verschont. Geradeso, als ob man von diesem Autor ein Exkrement à la Charlotte Roche erwarten oder befürchten müsse – wobei ich wiederum Verständnis dafür habe, dass Roches 2008 veröffentlichtes Buch den Tabustatus der Toilette für die Literaturkritik noch verschärft hat. In Bezug auf Handkes neues Buch spricht Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung gar von „des Dichters Feuchtgebieten“.

Dabei sind die Stillen Orte als stille Orte nicht selten von weltliterarischer Bedeutung. Eines der prominentesten Beispiele hierfür ist, wie so oft, Franz Kafka, der regelmäßig zu spät zur Arbeit erschien, weil er morgens sehr viel Zeit im Bad vertrödelte. In den Wohnungen der Eltern war sein Zimmer meist ein Durchgangsraum, kein Rückzugsort. Die Flucht vor dem Lärm der Welt ist in Kafkas Tagebüchern gut dokumentiert. Ihren Höhepunkt findet sie wohl in der Anmietung des kleinen Häuschens auf der Prager Burg. Ein Schreibasyl, in dem unter anderem die Erzählung Ein Landarzt entstand.

Als „Zuflucht, Asyl, Verstecke, Rückzugsgebiete, Abschirmungen, Einsiedeleien“ dienten auch Peter Handke seit seiner Kindheit die stillen Orte. Mit der stilistisch sicheren Verschränkung von Perzeption und Reflexion, wie man sie vom Autor gewohnt ist, werden autobiographische Episoden aus allen Lebensphasen geschildert. Dabei kann man schnell den Eindruck bekommen, Handke habe durch seine Erlebnisse eine außerordentliche Beziehung zu Toiletten. Gleicht man aber seine eigenen Erinnerungen an das großväterliche Plumpsklo auf dem Dorf, die Erfahrung des hektischen „Frischmachens“ auf der Unitoilette vor einem wichtigen Termin oder das dringende Aufsuchen der Klokabinen auf fast vergessenen Provinzbahnhöfen mit den Beschreibungen Handkes ab, wird einem die (natürliche) Allgemeingültigkeit der Tabuzone Toilette bewusst.

Natürlich lässt sich aus solchen Anekdoten noch kein Erkenntnisgewinn ziehen. Dass darüber hinaus ohnehin jeder etwas zum Thema Toilette sagen kann, ist ebenfalls nicht diskussionswürdig. Doch Handkes Essay erschöpft sich nicht in der Erzählung von Flüchtigkeiten. Er wird, auch aufgrund der Erfahrungen in einer japanischen Tempeltoilette, zur Meditation über die Stille von Orten. Und obwohl die Klosetts das Zentrum des Textes einnehmen, darf nicht darüber hinweggelesen werden, dass es auch um die Stille, die Einkehr und die Gelassenheit an sich geht. In diesem Aspekt liegt vor allem die Stärke des Schlussteils begründet, der den Versuch über den Stillen Ort ausgerechnet am wohl lautesten und gleichzeitig letzten Tag des Jahres enden lässt: an Silvester. Handke, der über die dunklen Felder seiner französischen Wahlheimat spaziert und den vermeintlichen „Friedhof für (einen) Eigensinnigen“ sucht, wird aus dem stillen Rückzugsort Sprache herausgerissen und zurück ins „Volksgemurmel und Weltgeräusch“ gestoßen. Ironie, Pathos, Symbolik – Handkes Essay hat von allem etwas zu bieten und alles ist wunderbar aufeinander abgestimmt. Kein Grund zur Beunruhigung also.

Peter Handke
Versuch über den Stillen Ort
Suhrkamp
2012 · 109 Seiten · 17,95 Euro
ISBN:
978-3-518423172

Fixpoetry 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge