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Kritik

Appelle des Innehaltens, Dokumente der Besinnung

Auch in seiner neuesten Gedankensammlung erweist sich Peter Handke als unermüdlicher Wortklauber
Hamburg

Peter Handke als Flaneur und Homme des lettres, das ist nichts wirklich Neues. Seine zahlreichen Bücher berichten darüber.

Die vorliegenden Notizen, die im Zeitraum zwischen 2007 und 2015 entstanden sind, bieten neue Zugänge und Einblicke in eine Wahrnehmungsunternehmung ganz eigener Art. Der Leser wird gleichsam an die Hand genommen, um bei der Bewältigung von Erlebnissen, Gedankenblitzen, Reflexionen und Überlegungen als Augen- und Gedankenzeuge in den Wahrnehmungsprozess unmittelbar einbezogen zu werden. Eigentlich ein relativ unkompliziertes Konzept einer Vermittlung von Mitteilungen. Umso erstaunlicher sind die schier unkontrollierbaren Folgen dieser Unternehmung. Im Gefolge dieser vorgelegten Notizen entfaltet sich ein wahres Panoptikum an Anregungen:

„Meine Momente: die Wirbel der Kastanienblüten im Rinnstein; die Sandwirbel in den Straßenbahnschienen“.

In manchen Sätzen verbergen sich Andeutungen, deren Schicksal es ist, niemals erzählt zu werden, an anderen Stellen bewundert man die exakte Knappheit genauer Beobachtung. Selbstverständlich ist angesichts der ausgebreiteten Fülle nicht zu vermeiden, daß sich Blindgänger und Fehlversuche einschleichen.

Bestimmte Modelle der Vergegenwärtigung kehren im Laufe der vorliegenden Notizen immer wieder. So wird zum Beispiel einer getätigten Feststellung oder Beobachtung der Zusatz „eines der 11 Gebote“ verliehen, lyrischen Skizzen der Nachsatz „Fast ein Gedicht“ zugefügt und zwei eigentlich innerlich nicht verwandte Vorgänge mit dem Hinweis „Und“ eingeleitet.

Es handelt sich bei Handkes Notizen um Einsichten, die sich dem alltäglichen Staunen widmen, Freude an der Beobachtung wiedergeben und von tiefer, geradezu körperlich spürbarer Dankbarkeit gegenüber der Zeit, der Ruhe und der Besinnung durchwirkt sind:

„Die Feuerwanzen ausschwärmend kreuz und quer durch den Garten mit Farben und Zeichen auf dem Rücken wie auf Indianerzelten“.

Zuweilen würzen kurze Zitate Handkes Sammlung, die zugleich Rückschlüsse auf den lebenslangen Leser Handke zulassen. So kommen etwa Ilse Aichinger, Heimito von Doderer, Nikolaj Berdjajew, Georges Bernanos oder John Cheever zu Wort. Bezeichnenderweise versperrt sich dem notierenden Flaneur auch die geheimnisvolle Welt der Religion und vor allem ihrer Mystik nicht. Neben der christlichen Tradition finden sich zahllose Weisheiten aus der islamischen Überlieferung.

Immer wieder kommt Handke auf seine vaterlose Kindheit zu sprechen oder räsoniert über die Seelenlosigkeit moderner Flughäfen. Das Fremde und Befremdliche nimmt Handke gefangen:

„`Unvergleichlich´: das unvergleichliche Geräusch beim Aufziehen einer leeren Schublade in einem Hotelzimmer an einem unbekannten Ort“.

Das Motiv des gelben Zitronenfalters holt Handke immer wieder ein, ebenso Bilder und Erinnerungsstücke an Stara Ves, dem slowenischen Dorf seiner Kindheit in Kärnten.

Ein besonderer Vorzug dieser vorgelegten Ausgabe liegt darin, daß auch kleine, mehrfarbige Skizzen Peter Handkes samt ihrer handschriftlichen Kennzeichnung im Textkorpus übernommen wurden. Es liegt somit eine so ansprechende wie sympathische Gedankensammlung vor, die zugleich eine Art von Werkstattbericht, Notizblock, Gebrauchsanleitung und Beichte darstellt. Der in schwarzer Aufmachung gehaltene Einband erinnert nicht zuletzt aufgrund seines Umfanges wie auch des handlichen Formats an ein Gesangbuch oder eine Bibel. Auch wenn glücklicherweise kein weltanschaulicher Gesamtunterricht vorliegt - ein abgerundeter Kosmos poetischer Überraschungsmomente wartet allemal mit frischen Bildern auf.

 

Peter Handke
Vor der Baumschattenwand nachts
Zeichen und Anflüge von der Peripherie, 2007-2015
mit 80 farbigen Zeichnungen des Autors
Jung und Jung
2016 · 424 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-99027-083-7

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