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Kritik

Was wissen wir eigentlich über den Terrorismus?

Hamburg

Was wissen wir eigentlich über den Terrorismus? Und was wissen wir eigentlich über den Islamischen Staat? Hier setzt Peter R. Neumanns Band „Die neuen Dschihadisten“ an - lesbare Wissenschaftsprosa knackt die Nuss Islamischer Staat für ein breiteres Publikum. Der Terrorismus-Forscher und international anerkannte Experte für den Islamischen Staat leitet ein Institut zur Terrorismusforschung und ist dank jahrzehntelanger Arbeit auf dem Gebiet niemand, der die Pferde scheu macht - im Gegenteil. Immer wieder holt Neumann mögliche Vorurteile des Lesers ab und weiß Gedankengänge, die Islamophobie und rechte Denkweisen, so abzuweisen, dass er sich dafür nicht instrumentalisieren lässt.

Um den modernen Terrorismus zu verstehen, schaut sich Neumanns Buch zunächst seine Geschichte an. Dabei geht er von einer Wellen-Theorie aus, bei der der islamistische Terrorismus als aktuellste, die bereits vierte Welle des Terrorismus ist. Damit steht der Islamische Staat in einer Verwandschaftsbeziehung zu so unterschiedlichen Gruppen wie den Anarchisten des 19. Jahrhunderts und der RAF. Beginnen wir bei den Anarchisten: die ersten anarchistischen Gedanken formten sich bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Italien und Frankreich, prominente Anarchisten gab es auch in Deutschland. Viele von ihnen reisten in die USA, wo sie auf fruchtbaren Boden zu fallen hofften. Die anarchistische Welle schließlich überzog ganz Europa und brachte Präsidenten und Aristokraten zu Fall. Geleitet von der Idee einer „Propaganda der Tat“ gingen die Terroristen dieser Welle davon aus, dass es genüge, durch Terrorakte hervorzutreten, denen dann das Volk im kollektiven Ungehorsam folgt. Einsame Wölfe schlagen zu - und alle machen mit. Die Idee des einsamen Wolfes sollte bis zum islamischen Terrorismus überleben. Die „Propaganda der Tat“ ebenfalls, allerdings in abgewandelter Form.

Die nächste Welle, die des Anti-Kolonialismus, kämpfte nicht nur gegen den Staat, sondern gegen einen Besatzer. In verschiedenen Ländern war diese Welle zur Zeit der Unabhängigkeitsbestrebungen von den Kolonialherren virulent. Mit Algerien als Beispiel sieht man, wie wirkungsvoll diese Welle war: das Land schaffte es in die Unabhängigkeit. Trotz militärischer Überlegenheit seitens Frankreichs: der Terror zeigte seine Wirkung.

Die nächste Welle des modernen Terrorismus war die der Neuen Linken, die aus der Studentenbewegung heraus entstand und neben der deutschen RAF auch Ableger in den USA, Japan und Italien hatte. Diese Terroristen, meistens Kinder der Mittelschicht im Krieg gegen den Staat, eigneten sich Guerilla-Taktiken an und hatten eine neue, marxistische Weltordnung lose im Blick. Die „Propaganda der Tat“ bei den Anarchisten entliehen, zeigte sich auch hier: durch Bomben wurde keine Abwendung vom System hervorgerufen. Der Staat wendete sich nicht so brutal gegen die eigenen Bürger, dass diese sich von ihm befreien wollten. Mit Terror also auch hier kein Staat zu machen (oder zu vernichten).

Die nächste (und aktuelle) Welle beschreibt Neumann nun auf der Folie der bereits dargelegten Wellen eingehender. Er gibt uns einen Crashkurs in der Geschichte der arabischen Welt und der Rolle fundamentalistischer, religiöser Führer. Wichtig ist festzuhalten, dass religiöser Terror nicht nur von islamistischer Seite kommt - in den USA gab es und gibt es bis heute christlich-fundamentalistische Gruppen, die religiös motivierte Anschläge verüben. Die Wurzeln des Islamismus liegen in der Geschichte des Islam in seiner Wechselbeziehung mit dem Westen. Die Kolonialerfahrung, so unterschiedlich sie auch in verschiedenen Ländern war, führte direkt zu einem Identitätsverlust auf Seite der beherrschten. Dieser Verlust wurde teilweise mit einer überzogenen Radikalisierung der eigenen, jetzt als ursprünglich gerierten, Werte kompensiert. Diese Identitätskrise war ein tiefer Einschnitt und die Radikalisierung, damit auch der Islamismus, muss als direkte Folge der Kolonialgeschichte gelesen werden. Immer mehr islamistische Wortführer kamen auf, bis schließlich im Afghanistan-Konflikt der 80er Jahre die erste vermeintliche Schlacht geschlagen wurde. Der Sieg der Taliban und ihre Installation als Regime wurden von der Al-Quaida als Sieg gezählt. Afghanistan war der erste Konflikt, in dem Auslandskämpfer als aller Welt den Brüdern in Afghanistan zu Hilfe kamen um gemeinsam gegen den Feind (die Sowjet Union) vorzugehen.

Betrachtet man diese Prozesse, so wird klar, dass der Terrorismus islamistischer Färbung, kein rein arabisches Phänomen ist - er ist eine Reaktion auf eine Erfahrung der Unterdrückung. Zugleich werden Schlachten in den jeweiligen Ländern gekämpft, die wiederum die Gewalt in die Zentren der Besatzer und ehemaligen Kolonialmächte bringen. Zugleich Leben durch die Migrationsbewegungen viele Menschen aus der arabischen Welt in westlichen Zentren - die wiederum sind aber daran gescheitert, diese zu integrieren und setzen sie Diskriminierung aus. Dieser doppelte Frust ist der perfekte Nährboden für die reißerischen Versprechen. Genau hier setzt der Islamische Staat an. Mit einem Territorium, das sich über weite Teile Syriens und den Nordirak erstreckt, hat der IS innerhalb von kurzer Zeit ein Kalifat errichtet. Die sich selbst als Befreier darstellenden Kämpfer installieren dabei ein Terror-Regime, das Frauen für Ehebruch steinigt und Dieben die Hände abhackt. Durch eine moderne Propaganda-Maschinerie, die alle Formen der modernen Kommunikation nutzt, wird der Islamische Staat, trotz dieser grausamen Realität, zum Pop. Er wird zur Projektionsfläche für Jugendliche und junge Menschen. Wie Neumann darlegt, gilt das genauso für Männer, wie für Frauen, für Akademiker, wir für Kinder der unteren Schichten. Neumann, der seine Daten auch auf die intensive Auseinandersetzung mit Kämpfern und Rückkehrern aus dem IS stützt, gibt uns einen Einblick in die Psyche und Realität dieses Phänomens. Er warnt dabei vor einer möglichen Welle des Terrors in Europa, die, wie bereits bei den vorigen Wellen, nicht nur von „offiziellen“ IS-Terroristen kommen muss, sondern auch von einsamen Wölfen und anderen Schläfern ausgehen kann. Prävention empfiehlt er durch aktive Aufklärung und anstatt der Stigmatisierung von ganzen jugendlichen Subkulturen - denn genau das spielt dem IS am Ende in die Hände.

Peter R. Neumann
Die neuen Dschihadisten
Econ (Ullstein Buchverlage)
2015 · 256 Seiten · 16,99 Euro
ISBN:
13 9783430202039

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