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Kritik

Das Jahr, in dem ein Land implodierte

Peter Richter erzählt vom Wendejahr 89/90 aus männlich pubertärer Perspektive
Hamburg

Der Sommer 2015 ist ein besonderer. Einer, der Geschichte schreiben wird. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Ägypten, Libyen kommen in hellen Scharen nach Europa, mit nichts als dem, was sie am Leibe tragen, mit ihren Kindern oder allein, mit ihren Hoffnungen, Ängsten, mit ihrem Stolz, ihrer Entschlossenheit und ihrem Mut.

Die Bereitschaft zu helfen ist in Deutschland enorm. Aber nicht überall herrscht dieselbe Willkommenskultur. Es gab die Ausschreitungen in Heidenau, es gab sie in Schneeberg, es gibt eine starke NPD in Sachsen, und auch Pegida kommt aus diesem Bundesland. Hier gibt es eine CDU, die sich scheut, den Rechtsextremismus beim Namen zu nennen und entschieden gegen Gewalt, Volksverhetzung, Rassismus vorzugehen. Man hat eher den Eindruck, dass Teile der Partei mit den Rechten mehr als nur sympathisieren.

Und viele fragen sich, woher das kommt. Weshalb gerade in Sachsen, in Dresden die Rechten so stark sind. Eine Antwort darauf können sie in Peter Richters Roman „89/90“ finden, der die Coming-of-Age-Geschichte eines autobiographischen Ich-Erzählers vor dem Hintergrund der Wendezeit 1989/1990 erzählt. Neben all der DDR-Folklore mit Staatsbürgerkundeunterricht, FDJ-Hemden und Wehrlager, der militärischen Früherziehung der 15-, 16-Jährigen, spielen die Kämpfe zwischen Linken und Rechten, Anarchisten und Neo-Nazis eine große Rolle. Regelrechte Straßenkämpfe finden da statt, besetzte Häuser werden gestürmt, Clubs überfallen, Menschen in Straßenbahnen und Fußgängerzonen zusammengeschlagen. Größtenteils ignoriert von den Erwachsenen, als handele es sich um Dumme-Jungen-Streiche.

Sachsen war das Land der Ahnungslosen in der DDR. Das bedeutet, der Teil des Landes, in dem man kein Westfernsehen empfangen konnte. Informationen kamen verspätet hierher, nicht direkt, sondern per mündlicher Erzählung. Statt konkreter Bilder erfuhr man alles nur durch Hörensagen. Das speist Legenden und schürt seltsame Vorstellungen und Ängste. Und scheint bis heute nachzuwirken.

Der eingeschränkte Informationsfluss ging eine enge Verbindung mit dem Sachsenstolz ein, der kein einladender oder selbstgewiss-ignoranter ist wie der bayerische oder der der Berliner, sondern eher ein nach innen gerichteter, sich abschottender, als wäre seine Wurzel nicht eigentlich Stolz, sondern eine tiefe, uneingestandene Verletzung und ein Minderwertigkeitskomplex. Souveränes Selbstbewusstsein sieht anders aus, es schließt nicht aus, sondern ist offen für andere und anderes, andere Menschen, andere Erfahrungen. Nur wer sich seiner selbst nicht gewiss ist, muss sich seiner selbst immer wieder in kleiner Peer-Group vergewissern.

Von all den Gruppen, Gruppierungen und Grüppchen, die in der Wendezeit aufblühten und sich gegenseitig blutig schlugen, erzählt Peter Richter. In der DDR hatte man das Dagegensein schon früh eingeübt, jetzt kippt man erst den alten Staat ins Grab, dann beginnt die Jammerei über, dann der Hass auf den neuen. Und zwischendrin die Kerle, die versuchen, inmitten all der Anarchie ihren Schnitt zu machen. Die sich den Zynismus der Zugezogenen aus dem Westen, denen es nur um Abzocke und günstig zu habenden sozialen Aufstieg geht, abschauen und ihre eigenen kriminellen Dinger drehen.

Der Erzähler, einziger Sohn erstaunlich abwesender Ärzteeltern, steckt zwischen den Fronten, will seine sozialistische Moral trotz Einsicht in deren größtenteils verlogenen, realitätsfernen Unterbau nicht einfach aufgeben, versucht also den Spagat zwischen DDR-Kinderwelt-Blick und Neuland-Brutalismus. Erwachsenwerden unter verschärften Bedingungen.

Peter Richter erzählt das locker runter aus männlich pubertärer Perspektive, die zwischen reaktivierter Naivität von damals und heutiger Erwachsenenabgeklärtheit unterhaltsam changiert. Es gibt viele schöne Pointen, Sarkasmen werden nach allen Seiten ausgeteilt, aber der Erzählkern ist durchgehend humanistisch-barock: Vanitas-Motive und das Motto „Leben und leben lassen“, damit schlägt sich das Buch wacker durch das implodierte Land. Letztlich kommt niemand schlecht weg bei diesem Wende-Simplicius Simplicissimus, weder die Staatsbürgerkunde-Mumie noch der NVA-Offiziersschüler noch der Westler, der die Drogen in den Osten dealt, und auch nicht die übelsten Kerle, die Nazi-Schläger, die der Erzähler noch aus dem letzten DDR-Sommer aus dem Freibad kennt.

Aber es ist eben auch nur ein Buch. Wer damals in Sachsen, in Dresden war, erinnert sich an Straßenbahnfahrten, die zur Falle werden konnten. Wenn draußen die rechten Schläger standen, konnte man den Fahrer nur bitten, jetzt nicht zu halten und die Türen aufzumachen, sondern einfach weiterzufahren. Das war nicht irgendwo am Plattenbaurand, sondern mitten im Zentrum, an der Umsteigestation Albertplatz. Auf Zivilcourage Mitfahrender durfte man zwar hoffen, sich aber nicht verlassen. Von Polizei keine Spur.

Und wenn man Ende der 1990er da fuhr, war es immer noch so. Mit ausländisch aussehenden Gästen nahm man lieber ein Taxi. Und im Unterschied zu Ost-Berlin und Leipzig, wo stetiger Zuzug die Seele der Einheimischen ins Weltoffene geweitet hat, macht man es, wenn man in der schönen Elbestadt und im Dresdner Umland unterwegs ist, in den schönen, herausgeputzten Städtchen Pirna und Meißen, in Freiberg oder Radebeul, am besten immer noch so.

Die Schlusspointe des Buchs ist grandios, soll hier aber nicht verraten werden. Peter Richter hat sie beherzigt, ist jetzt Kulturkorrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in New York und schreibt hoffentlich bald einen New-York-Roman. Seinen Landsleuten sei empfohlen, ihn dort mal zu besuchen.

Peter Richter
89/90
Luchterhand, Randomhouse
2015 · 416 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-630-87462-3

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