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Kritik

Das Schelling Projekt

Sloterdijk lässt die Welt im weiblichen Orgasmus das Auge aufschlagen
Hamburg

Nein, es ist kein erotischer Roman, den uns Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch vorlegt, auch wenn die Suhrkamp-Werbemaschine und die RezensentInnen diverser Leitblätter uns das aus Verkaufskalkül oder Denkfaulheit weismachen wollen. Der Autor untertitelt sein Buch schlicht mit Bericht ‒ einer der es allerdings in sich hat.

Vor 30 Jahren ist Sloterdijk zum ersten Mal als Erzähler hervorgetreten, ein Talent, das auch immer wieder in seinen philosophischen Büchern durchschimmert, wenn er wie zuletzt in Die schrecklichen Kinder der Neuzeit Ideengeschichte in großen, souveränen Bögen erzählbar macht. In seinem 1985 erschienen Buch Der Zauberbaum1 hatte er es unternommen, die Entstehung der Psychoanalyse geisteshistorisch zweihundert Jahre früher, nämlich im vorrevolutionären 1785 zu verankern, dabei sichtlich von einer aufklärerischen Romantradition inspiriert, die in Diderots Rameaus Neffe einen ihrer vergnüglichsten Höhepunkte feierte. Auch der zweite erzählerische Versuch Sloterdijks, der uns fünf in die Jahre gekommenen Achtundsechzigern dabei zusehen lässt, wie sie mit einem bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft Bonn eingereichten Förderungsantrag fulminant scheitern, zeichnet sich durch Humor und Ironie aus, wobei die Schwelle zum guten Geschmack immer wieder bewusst und mit Lust überschritten wird.

Und so heißen die ProtagonistInnen eben Desiree zur Lippe, feministische Künstlerin und Philosophin aus Wien, Guido Mösenlechzner, Volkskundler aus Südtirol und Bachhofen-Herausgeber mit der These, dass Pornographie auf Verschwendung beruhe, und Beatrice von Freygel, Ehefrau von Peer (sic!) Sloterdijk, mit der Tendenz zu erotischer Freizeitgestaltung, die sich vorehelich als exzessive Masturbation mit Perrier-Flaschen oder in der Ehe als Gruppensex mit Möbelpackern niederschlägt. Der Name des Hörspielschreibers Kurt Silbe, der das Quintett komplettiert, klingt da schon fast zart-literarisch. Das Forschungsprojekt hatte sich zum Ziel gesetzt, unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Idealismus, daher der Name Schelling-Projekt, die biosozialen Prämissen des weiblichen Sexualerlebens zwischen der Altsteinzeit und der Neuzeit und vor allem die Entwicklung eines für die Reproduktion nicht unbedingt notwendigen weiblichen Orgasmus zu erhellen.

Die InitiatorInnen verpflichten sich nach einer etwas holprigen Auftaktmail von Peer Sloterdijk in ihrem gemeinschaftlichen E-Mail-Verkehr zu einem Ehrlichkeitspakt, in dessen Rahmen alles vor allen sagbar sein soll, woran sich die Korrespondierenden, überrollt von den Ereignissen, dann doch nicht immer halten wollen. Als die Beteiligten sich über die naturphilosophische Begründung des Projekts aus dem Geiste Schellings und das fehlende gynäkologische Wissen aus der Steinzeit austauschen, fordert Desiree zur Lippe, die männliche Objektivitätsillusion zu durchschauen und einen subjektiveren Modus der Wissensproduktion einzuschlagen. Tatsächlich fördert die Korrespondenz nicht nur die alten amourösen Erlebnisse und Verstrickungen der Beteiligten zu Tage, sondern es kommt zu neuen erotischen Begegnungen, die dazu führen, dass etwa der verheiratete Kurt Silbe, der in den studentenbewegten Tagen Desiree auf einem Tantra-Seminar in Kiel nach Ansage gevögelt hatte, ohne sie persönlich zu kennen, sich erneut mit ihr leidenschaftlich verbindet. In der Folge desertiert er innerlich vom Projekt, weil sich nach dem gemeinsam Erlebten die Subjekt-Objekt-Grenze, also die Linie zwischen Ich und Du verschoben habe. Nachdem Desiree schon früher gegen das Leichenhallenwissen der Theorie polemisiert hatte, das durch eine denkende Psyche zustande kommt, die sich zu Lebzeiten aus der Gemeinschaft mit dem Körper zurückgezogen hat, wendet sich nun auch Kurt gegen ein Zuviel der Sachlichkeit und will wieder das Du-und-Ich an die erste Stelle rücken.

Das in drei Abschnitte gegliederte Buch, das die LeserInnen im ersten und dritten Teil an der mehr oder weniger offen geführten E-Mail-Korrespondenz der Fünfergemeinschaft teilnehmen lässt, knüpft formal an die romantischen Briefromane an, die den bekenntnishaften Austausch zwischen geistig verschwisterten Naturen auf den Höhepunkt trieben. Friedrich Schlegel hatte damals in seinem ebenfalls essayistisch stark unterfütterten Buch Lucinde einen Goethe überbietenden Bildungsroman geschrieben, in dem das Ideal einer Versöhnung von Ich und All beschworen wird: Mann und Frau werden sich darin gegenseitig zum Universum. In Sloterdijks Buch klingt Kurt Silbes Position an diese Konzeption an. Nicht umsonst wird Silbe im Eröffnungsmail von Sloterdijk als Ägypter betitelt wird und damit in die Nähe Derridas gerückt, der sich stets gegen eine Überführung des Singulären in ein Allgemeines gewehrt hatte. Sloterdijk lässt in diesem Buch also verschiedene Denk- und Lebensansätze miteinander in den Dialog treten und das Wie und Wozu von Wissensproduktion hinterfragen. Verwegen der Ansatz der Forschergruppe, die Förderstelle dazu zu bewegen, das Nicht-Wissen in Bezug auf die Entstehung der geschlechtlichen Fortpflanzung, als positive Voraussetzung des Schelling-Projekts zu akzeptieren.  

Der Schelm in Sloterdijk dürfte sich beim Schreiben diebisch gefreut haben, das gebildete Lesepublikum und das Feuilleton wieder einmal philosophisch ins Boudoir zu führen. Auch die lebenden Vorbilder für die Figuren dürften nicht gefehlt haben. Von Silbe und Derrida war bereits oben die Rede, bei Peer Sloterdijk, dessen autobiographische Exkurse und Reflexionslinien deutlich auf den Autor selbst verweisen, liegt es vom Namen her auf der Hand, aber auch etwa die in Wien lebende Desiree zur Lippe verweist mit dem adeligen Namen und ihr feministisch geprägten Doppelexistenz als Künstlerin und Philosophien auf ein reales Vorbild.

Im Text geht es nicht nur um erotische Verwicklungen sondern auch um die Frage nach dem richtigen Leben. Sloterdijk hat an mehreren Stellen deutlich gemacht, dass ihn seine Indien-Erfahrungen in den Siebziger Jahren immun gegen die intellektuelle Miserabilitätskultur in Deutschland gemacht hatten. Und so wird auch in diesem Buch gegen die Überhöhung des unglücklichen Bewusstsein und die Herabsetzung des glücklichen polemisiert. Damit bleibt sich Sloterdijk treu und gibt eine neue Probe seiner fröhlichen Wissenschaft. Das zu den lebensbejahenden Erfahrungen an hervorragender Stelle der Orgasmus zählt, wird wohl niemand bestreiten. Denn dieses Wunder am eigenen Leibe, auch solche treffende Formulierungen finden sich in diesem Buch, hat als höhepunkthafte Erfahrung nicht nur den Charakter der einmaligen Überwältigung, sondern lässt sich durch abrufbare organische Prämissen auch wiederholen. Dem Glück ist also ein Türchen beschieden, in das es in unser Leben treten kann. Aber nicht nur kann. Es gibt, so vermerkt es ein Zusatz der Schriftführerin im mittleren Protokollteil sogar eine Art kategorischen Imperativ des Höhepunkterlebens, der einem zu denken geben sollte: Hat nämlich ein Mensch einmal diese seligmachenden Höhen erklimmt, ist er oder sie es sich als freies Geschöpf schuldig, diesen Höhepunkt immer wieder anzustreben. An dieser Stelle kommt nun Schelling ins Spiel, der nicht nur als Urheber des logischen Feminismus sondern auch in seiner frühen Naturphilosophie eine Art globale Gynäkologie begründet habe. Die mit sich stets unzufriedene Natur bringe immer neue Arten und Gestalten hervor, bis sie schließlich im Selbstbewusstsein des Menschen das Auge aufschlägt. Dieser Aufstieg findet aber nicht nur auf geistiger Ebene statt sondern eben auch, das ist die These des Schelling-Projekts, in der Selbstaffektion des Organismus. „Ich komme, also bin ich“, ließ sich der Befund kartesisch wenden.

Wer sich auf den Text einlässt und an philosophischer Spekulation Freude hat, wird durch einen Mix aus überbordender Reflexion und immer wieder überraschenden, manchmal durchaus handfesten Szenen belohnt, obwohl der Rezensent den Eindruck nicht loswurde, dass der sprachliche Niveauwechsel vom Zotigen zum Sublimen nicht ohne Knirschen im Sprachgetriebe abgeht. Es wäre zum Beispiel zu hinterfragen, ob Frauen, vor allem wenn sie wie Desiree einen akademischen Hintergrund aufweisen, ihre eigene Erregtheit so charakterisieren würden, dass sie wie ein Kieslaster triefen. Da scheint dann doch eher der Fernfahrer mit dem Pin-Up in der Fahrerkabine mental Pate gestanden zu haben.

Auf welche Art und Weise die Höhepunkterfahrungen dann von den beteiligten Personen künstlerisch sublimiert werden und wie Guido Mösenlechzner in einem lesenswerten Exkurs erklärt, wie sich die islamistischen Selbstmordattentäter mit ihren sexuellen Huris-Phantasien sich gegen das Paradies versündigen, ließt man am besten selbst.

  • 1. Suhrkamp scheint über die im eigenen Verlag publizierten Bücher nicht ganz im Bilde zu sein und schreibt im Klappentext 1987.
Peter Sloterdijk
Das Schelling-Projekt
Suhrkamp
2016 · 251 Seiten · 24,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42524-4

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