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Kritik

Ohne Umschweife in medias res

Wie in einer komplex gearbeiteten Tapisserie verknüpft die Autorin mehrere Erzählstränge zu einem sprachlich und emotional verdichteten Gewirk. Dieses unterteilt sie in eine Vorderansicht und eine Rückansicht, wie die beiden Seiten einer Medaille, wobei sie mit der Kehrseite beginnt.

Lassen Sie sich weder vom Gesamttitel noch vom Inhalt der ersten Textseite abschrecken.

Ganglbauer wirft die Lesenden ohne Umschweife in medias res. Wir befinden uns inmitten einer Apokalypse, aus der wir mit dem letzten Zug entkommen – doch um den Preis der Sprachlosigkeit. Was wie das Ende eines Science-Fiction-Films klingt, ist erst der Anfang. Wie um uns die Zugreise durch ihr Buch zu verkürzen, offenbart uns Ganglbauer, wie es zu diesem Endszenario kommen konnte, indem sie die Zutaten des Weltuntergangs wie in einer Do-it-yourself-Anleitung anführt. Auf das Minimum reduzierte Schreckszenarien wie Flutwellen, Dürre, Ground Zero, Pandemien wechseln mit Messlatten, an Hand derer sie eine Relation zum Akt der Verwüstung herstellt. Dazwischen flicht Ganglbauer immer wieder das „Menschlein“ und den Zug ein, mit dem wir entkommen, atemlos, sprachlos.

Auf der Vorderseite, in der das lyrische Ich aus kindlich-neugieriger Perspektive die Bestandteile der Umgebung wahrnimmt. Kaleidoskopische Bilder, deren Einzelbestandteile in sich geschlossene, ruhende Beobachtungen sind und zur meditativen Rezitation einladen.

Als Kind sammelte ich die Prospekte der Kaufhäuser
und Versandfirmen,
schnitt den Himmel aus, die Schaukel, den Motorroller
und fügte alles, klebte
alles wieder zu meiner Welt zusammen.
Ist es für mich heute das Zusammenfügen der Welt
durch Gedichte?

Petra Ganglbauer
Permafrost
mitterverlag
2011 · 140 Seiten · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-950282887

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