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Kritik

Vom Verweben der Dinge mit Kollektiven und Subjekten

Hamburg

»Das spätmoderne Leistungssubjekt ist arm an Verneinung. Es ist ein Subjekt der Affirmation«, so Byung-Chul Han in seinem Buch Topologie der Gewalt; Es ist ein Subjekt des »und…und…und…«, das keinen Abstand mehr kennt, keine Hindernisse, das jederzeit für neue Aufgaben bereit sein muss, das sich den Anforderungen der Gesellschaft bereitwillig stellt und dadurch die eigenen Konturen wie auch die Grenzen zum Anderen verliert. Die Fronten und Demarkationslinien zwischen dem Selbst und dem Anderen werden ausgelöscht, das Ich eignet sich an, was unter bestimmten Bedingungen von Nöten ist. Jeder Gegensatz, jedes Gegenüber wird »verschlungen und so lange umgeformt, bis sich das Selbst darin wiedererkennt«, nur um schlussendlich in abstandslose Indifferenz umzuschlagen: Das affirmative, als Schaltstelle kumulativer Aussagen fungierende Subjekt hebt sich nach und nach selbst auf, gerade weil es an der »immunologischen Abwehr des Anderen als Feind« fehlt.

Philipp Schönthaler teilt nicht nur den Verlag (Matthes & Seitz) mit Byung-Chul Han, sondern macht in seinem 2012 erschienenen Erzählband Nach oben ist das Leben offen dessen Thesen  geradezu literarisch produktiv. Er situiert seine Figuren im öffentlichen Raum, zeigt Bergsteiger, Tiefseetaucher, einen Universitätsprofessor, eine Reisegesellschaft, zeigt sie am Arbeitsplatz, in höchster Anspannung, in Erwartung des Sturms und der nächsten Aufgabe, aber auch in ihrer Freizeit wie etwa beim Mall-Walking. Sie trainieren, halten sich fit mit Sport und Esoterik, üben ihre Mantras und machen so selbst die Phasen der Entspannung zu solchen der Leistungsoptimierung. Dass die Figuren dabei hinter maximaler Effizienzsteigerung verschwinden, ihre Psychologie obsolet wird, ihre Namen austauschbar werden und ihr Sprechen vorrangig dem Jargon der Gesundheits- und Fitnessratgeber entliehen ist, scheint ein notwendiges Übel. Die Frage nach dem Was tritt zu Gunsten der Techniken, Definitionen, Gefühlsprotokolle der Subjekte und deren Anpassungsmethoden an ein Heute in den Hintergrund. Schönthaler geht es dabei offensichtlich »nicht um die Erkenntnis von Dingen an sich, sondern wie diese mit unseren Kollektiven und den Subjekten verwoben sind. « In der Erzählung Wenn das Herz im eigenen Blut ertrinkt bereitet sich beispielsweise der Tiefseetaucher Termann auf den nächsten Rekord vor. In direkter Rede teilt er dabei jedem, der ihm über den Weg läuft, die auswendig gelernten Mentalcoachweisheiten mit. Was zunächst noch wie floskelhaftes Gerede anmutet, offenbart sich in indirekter Rede nach und nach als Schutzmechanismus vor der lauernden Gefahr in der Tiefe. Die Realität als Bedrohung bricht immer wieder herein, stört die alltäglichen Abläufe, durchkreuzt sie, und es sind diese kleinen, teilweise unvermittelten Brüche, die Schönthaler aus dem Stimmengewirr der Gegenwart herauskristallisiert. So etwa auch in der titelgebenden Erzählung, in der die Katastrophe beinahe nebensächlich in Erscheinung tritt. Aus der kollektiven Sicht Jugendlicher, die »zu einem mehrbeinigen Körper verschmolzen, mehrköpfig, mit potenziertem Willen und potenzierten Kräften« dargestellt werden, wird über das tägliche Training in einer in 2000 Meter Höhe gelegenen Ausbildungsstätte berichtet. In diesem Kreislauf, der sich auch formal durch passagenweise Wiederholung niederschlägt, stellt sich eine Kontinuität ein, die nur dann in einem Ereignis mündet, wenn es zur Individualisierung kommt. Doch Individualisierung bedeutet dort oben den Tod oder zumindest den Ausfall aus dem gemeinschaftlichen Körper.

Der Körper ist es dann auch, an dem sich die Erzählungen leitmotivisch abarbeiten, der sie thematisch verbindet. Inhaltlich werden körperliche Vorgänge, Entspannungsübungen, autogenes Training u.ä. beschrieben, währenddessen die Körper- und Beweglichkeit der Syntax an sich zelebriert wird. »[W]as nicht fest sitzt, lässt sich bewegen«, und durch gekonnte Satzverschachtelungen und -trennung »herrscht maximale spannung, balance – ein moment der ruhe im fluss der zeit, nur für einen augenblick« um im nächsten bereits wieder den Sprung zu wagen, zu kippen, hinein in die theoriegesättigte, ontologische Leere der Figuren, denen nichts anderes bleibt, als weiterhin alles zu bejahen und sich einzuverleiben, was Vorteile verschafft. Philipp Schönthaler selbst schafft es dabei jederzeit den Überblick über das Ganze zu bewahren und zeigt somit auf, was Prosa sein kann, darf und soll.

Philipp Schönthaler
Nach oben ist das Leben offen
Matthes & Seitz Berlin
2012 · 201 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-882215847

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