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Kritik

Vom Verletzen und Verletztwerden

Zwei Stimmen zu „Hool“, Teil 1
Hamburg

Philipp Winkler trägt die Haare raspelkurz bis zur Schädelplatte hoch, dann lang. Bart, weißes Oregon-Trail-T-Shirt, Joggingshorts, Turnschuhe. Eigentlich sieht er ganz normal aus. Und freundlich und offen und zugewandt. Das ist irritierend.

Denn auf dem Autorenfoto, das der Aufbau-Verlag auf die Innenseite des Schutzumschlags von „Hool“ geklebt hat, dem soeben erschienenen Debüt-Roman des 30-Jährigen, sieht Winkler nicht freundlich und offen aus, sondern hart. Fast dämonisch. Aber das passt ja zu dem Buch.

„Hool“ erzählt von Heiko, Mitte 20, Hannover-96-Fan und Hooliogan. Seine Mutter ist schon lange weg, der Vater ein Säufer, der junge Mann lebt bei einem Verrückten im Wald. Der Roman geht damit los, dass Heiko und seine Kumpels sich mit Fans vom 1. FC Köln auf einem abgelegenen Gelände treffen, um sich gegenseitig was aufs Maul zu hauen. Das klingt brutal. Aber das soll es auch. Es geht genau darum: Aufs Maul hauen und aufs Maul gehauen bekommen.

Fußball sei nur der Ursprung, nicht der Grund für Hooliganismus, erläutert Philipp Winkler. Hooligans gehe es ums Adrenalin, um Gemeinschaft. Und vielleicht um das Überwinden von Angst: „Es gehört was dazu, andere zu verletzen“, sagt er.

Und was ist damit, dass Soziologen außerdem Freude an Gewalt diagnostiziert haben? Philipp Winkler zuckt mit den Schultern. Andere Leute gingen Tennis spielen, sagt er, Hooligans prügelten sich.

Winklers Protagonist Heiko will sich regelmäßig schlagen, er will es vor allem denen aus der „Drecksstadt“ Braunschweig – es gibt eine traditionelle Feindschaft zwischen hannoverschen und Braunschweiger Fußballfans – zeigen. Ein kleiner Ausflug dorthin aber geht schief, und noch schiefer geht dann eine Auseinandersetzung nach einem Spiel, bei der Heikos Freund Kai derart zusammengeschlagen wird, dass er von all der Angstüberwindung nichts mehr wissen will. Worauf Heiko den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Denn die Hooligans, das ist seine Familie.

Philipp Winkler ist in Hagenburg am Steinhuder Meer aufgewachsen, ein Arbeiterkind. Studiert hat er, was Arbeiterkinder nicht oft studieren: Literarisches Schreiben, in Hildesheim. Geschrieben habe er zuvor nie. „Das einzige Fiktionale, das ich früher gemacht habe, waren ausgedachte Fußballstatistiken“, sagt er. Die erste richtige Kurzgeschichte entstand für die Bewerbung um den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim.

Das Studium war gut: „Man lernt, Kritik nicht persönlich zu nehmen.“ Ansonsten scheint es ihn nicht allzusehr beeindruckt zu haben. Er nahm nur einmal an den Textwerkstätten teil, er hielt sich vom örtlichen Literaturklüngel fern. Er hat nie einen Prof gefragt, ob der ihm einen Job als Hiwi oder Verlagsassistent besorgen könne. Bei einer Lesung wurde eine Literaturagentur auf ihn aufmerksam. Jetzt lebt Winkler in Leipzig und schreibt am zweiten Roman.

Die Sprache von „Hool“ besteht einerseits aus einem zurechtgenuschelten Alltagsdeutsch („das isses“, „ma‘ eben“), andererseits aus einem schroffen, rotzigen Slang, in dem die Sätze nur so strotzen vor Defäkations- und Kopulationsausdrücken. Zunächst fasziniert daran das Direkte, das Ungeschliffene. Erst nach einer Weile merkt man: Das ist eine poetische Sprache. Sie ist roh und zerklüftet, voller Schmutz und Scherben und Rost. Aber sie versteckt sich nicht hinter Konventionen und Intellekt. Sie hat ihre eigene Schönheit. Und: Aus jedem Satz springt einem die Sehnsucht nach Zugehörigkeit direkt entgegen.

Philipp Winkler ist kein Hooligan und war auch keiner. Das war das Irritierende beim ersten Eindruck: Er wirkt nicht die Spur gewalttätig. Er hat recherchiert und sich ansonsten reingefühlt in Szene und Tonfall. Und das hat er fantastisch gemacht. Man bekommt sehr genau mit, wie es ist, jemanden eins aufs Maul zu hauen. Und welche aufs Maul gehauen zu bekommen.

Und was man auch genau mitbekommt, ist, dass hier ein Autor gestartet ist, von dem wir noch einiges erwarten können. Nicht bloß, weil „Hool“ für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Aber auch.

 

 

 

Philipp Winkler
Hool
Aufbau Verlag
2016 · 310 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-351-03645-4

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