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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Wer und woraus wir sind

Hamburg

Und heute, sage ich euch, muss man sich nicht nur engagieren im Schreiben

Die Berliner Dependance des Hochroth-Verlags legte bereits 2009 im Rahmen der Berliner Pasolini-Ausstellung einen Schlüsseltext wieder auf. Es handelt sich um das Langgedicht Who is me. Dichter der Asche, der auf Deutsch zuerst 1995 unter dem Titel Wer ich bin im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist.

Entstanden ist der Text 1966 im Kontext eines New York Aufenthaltes des Dichters, Schriftstellers und Regisseurs. In diesem langen Gedicht präsentiert Pasolini, wie der Titel schon anklingen lässt, eine Art Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung und verknüpft in langen und kurzen Versen ästhetische, historische und politische Überlegungen.

Formal handelt es sich um lyrische Antworten in einem fiktiven Interview. Pasolini selbst nennt es im Text selbst ein bio-bibliographisches Gedicht.

Getragen wird dieses Gedicht von Skepsis in jeder Hinsicht, aber vor allem hinsichtlich des Schreibens. Pasolini will sich erklären, sich selbst gegenüber und gegenüber seinem amerikanischen Zuhörer, zu vermuten wäre, auch der amerikanischen  Öffentlichkeit. Allerdings spürt man das Misstrauen in das sprachliche Vermögen. Der Text verlangt Engagement und entzaubert zugleich dieses Zauberwort der linken bürgerlichen Bewegung Westeuropas in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren.

Doch der Beruf des Dichters als Dichter
wird immer bedeutungsloser. Ist es wirklich nötig
jene lebendige Sprache in eine konventionelle einzufügen?

Der Text blieb lange unveröffentlicht, Pasolini selbst hat nichts forciert, und wurde zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht, aber Hinsichtlich einer Archäologie des Pasolinischen Denkens ist er unendlich wertvoll als Dokument eines Umbruchs. Zu vermuten ist, dass das Projekt vor allem der Selbstvergewisserung diente.

Der 1922 geborene Dichter hatte mit Gedichten im Friaulischen Dialekt zu schreiben begonnen, und ich möchte das Buch Dunckler Enthusiasmo an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, das 2009 bei Urs Engler erschien und neben den Friaulschen Texten auch deren ausgezeichnete Übersetzungen durch Christian Filips enthält. Es folgen Romane und vor allem Filme.

Auch das habe ich dir erzählt
in einem nicht poetischen Stil,
damit du mich nicht liest, wie man einen Dichter liest.

Man kann davon ausgehen, dass der Künstler europamüde war. Nach einem Besuch in osteuropäischen kommunistischen Staaten verlor sich seine Hoffnung auf einen emanzipatorischen Prozess, der mit der europäischen und vor allem italienischen kommunistischen Bewegung verbunden war. In seinen Ketzererfahrungen schreibt er: Man kann hierfür, glaube ich, schematisch und summarisch die Tatsache verantwortlich machen, dass „die Revolution nicht weitergegangen ist“, dass also der Staat sich nicht dezentralisiert hat, nicht verschwunden ist und die Arbeiter in den Fabriken nicht wirklich an der politischen Macht teilhaben …

Schon Jahre vorher hatte Pasolini seine Erfahrung mit den homophoben Positionen der IKP gemacht, aus der er ausgeschlossen worden war. Wenn sein Erfolgsgedichtband Gramscis Asche, der neun Jahre vorher, also 1957 erschienen war, noch von der Hoffnung auf einen revolutionären Umbruch in der italienischen Gesellschaft durchdrungen war, sah er jetzt eher Stagnation und Restauration.

Im Oktober 1966 hatte Pasolini eine kurze Reise in die USA unternommen. In Amerika habe ich, trotz meines sehr kurzen Aufenthalts viele Stunden im Klima des Untergrunds, des Kampfes, der revolutionären Ungeduld und der Hoffnung erlebt, demselben Klima, das 1944 und 1945 in Europa herrschte. In Europa ist alles zu Ende; in Amerika hat man den Eindruck, als stünde alles am Anfang.

Dass dieses Klima, das Pasolini in Amerika erfuhr, über kurz oder lang sich auch in Europa  aus-wirken würde, konnte man freilich nur erahnen, und dass Pasolini den studentischen Bewegungen der folgenden Jahre eher skeptisch gegenüber stand, steht noch mal auf einem anderen Blatt. Schon früh sah er hinter den Unruhen die Tendenz zur Modernisierung der Machtverhältnisse und nicht zu deren Überwindung.

Der Text, um den es hier geht, entstand zwischen den beiden Filmen Kleine Vögel große Vögel ( Toto und Ninetto Davoli in ihren besten Rollen) und Edipo Re – Das Bett der Gewalt. Das Ende des Filmes Kleine Vögel … kann man durchaus als Abkehr vom intellektuellen Marxismus interpretieren, denn die subproletarischen Protagonisten verspeisen einen sprechenden marxistischen Raben, der sie auf ihren Weg durch die Vorstädte begleitet hatte, und der nach eigener Behauptung im Land der Zukunft wohnte.

Ich ging an jenem Tag auf einer trockenen Straße,
die Hände ebenso trocken, und auch das Hirn, ich sage euch,
nur der Bauch war lebendig wie jenes Vorgebirge im nutzlosen Blau.

Dass Überlegungen zu den Filmen den Künstler schon oder noch umtreiben wird hier und da ersichtlich. Gedankensplitter durchziehen den Text, die man darauf zurückführen kann, und es ist höchst interessant, dem nachzugehen.

In die Stadt, die sich befreit hatte von ihnen und von der Monarchie;
die Regression der Elektra
Tochter sie, die den Vater König liebte und nun faschistisch wird
wie man faschistisch ist in einem dumpfen Beklagen eines Makels im Stammbaum.

Das also, die Archäologie der Gewalt, sollte zum Grundthema von Pasolinis kommenden Filmen werden, und die Tragik der Ereignisse wollte es, dass er selbst 1975 Opfer einer Gewalttat wurde.

Übersetzt wurde dieses Langgedicht von Peter Kammerer, und die schöne Graphik auf dem Vorsatz des Buches stammt von Uwe Meier-Weitmar.

Pier Paolo Pasolini
Who is me
Übersetzung:
Paul Kammerer
Grafik: Uwe Meier-Weitmar
hochroth
2009 · 36 Seiten · 6,00 Euro

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