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Kritik

Dieses Bild gibt’s nicht als Poster

Hamburg

Das berühmteste Gemälde des Louvre befindet sich hinter fünffingerdickem Panzerglas, altargleich im letzten Raum des Museums präsentiert. Trotz seiner Berühmtheit werden es die meisten Menschen noch nie gesehen, geschweige denn davon gehört haben. Um Leonardo da Vincis La Gioconda, die meist „Mona Lisa“ genannt und milliardenfach auf T-Shirts und Kaffeetassen verramscht wird, handelt es sich demzufolge also nicht. Ebenso wenig ist die Rede von Eugène Delacroix‘ La Liberté guidant le peuple (dt. Die Freiheit führt das Volk), obwohl wir uns mit den Schlagworten „Französische Revolution“ jenem Bild annähern, vom dem Pierre Michon in seinem neuen Buch erzählt.

Es handelt sich dabei um das fiktive Gemälde Die Elf eines gewissen François-Élie Corentin, das nach dem 2. Republikanischen Kalender im Jahr II, also 1794 entstand. Darauf abgebildet sind die elf Kommissare des sogenannten Wohlfahrtsausschusses, der die jakobinische Schreckensherrschaft des „Grande Terreur“ zu verantworten hat. Namentlich sind das, von links nach rechts wie Michon schreibt: Jacques-Nicolas Billaud-Varenne, Lazare Carnot, Prieur de la Marne, Prieur de la Cote d‘Or, Georges Couthon, Maximilien de Robespierre, Jean-Marie Collot, Bertrand Barère, Robert Lindet, Louis Antoine de Saint-Just und Saint-André. Dass unter anderem Georges Danton in dieser Aufzählung fehlt, lässt den Geschichtskundigen bereits erahnen, aus welchem Lager der Revolution der Auftrag für das Gemälde erging. Den weniger sattelfesten in der französischen Geschichte sei gesagt, dass nicht jeder Gegner Dantons automatisch ein Anhänger Robespierres war. Die Lage ist vertrackt.

Michons Textgeflecht, das weit mehr im Blick hat als das erfundene Revolutionsgemälde, stellt nahezu ein Abbild der Situation in der jungen Republik dar. Mit einer homogenen Mischung aus historischer Novelle, Essay und klassischer Ekphrasis liefert der Autor ein weit verzweigtes und zugleich stark verdichtetes Panorama der Revolutionsjahre 1792-94. Dabei verliert Michon jedoch niemals den eigentlichen Kern seiner Erzählung, die Lebensgeschichte des Künstlers Corentin, aus den Augen. Geboren und aufgewachsen in Combleux an der Loire, entstammt Corentin kleinadligen Verhältnissen. Dass bereits sein Vater der Kunst, genauer der Poesie, zugeneigt war, empfindet man in der Mitte des 18. Jahrhunderts als berufliche Eskapade. Diese fällt jedoch nicht weiter ins Gewicht, da die Familie Corentin ihren Lebensunterhalt mit dem Weinhandel bestreiten kann. Als François-Élie beschließt Künstler zu werden, sorgt diese Entscheidung in der Familie für keine große Verwunderung. Michon beschreibt mit den Lebensumständen der Corentins auch die allmähliche Emanzipation des Bürgertums und damit den Siegeszug der Aufklärung in Frankreich.

Michons Erzähler ist, so muss ihn sich der Leser vorstellen, ein Kunsthistoriker, der sein gesamtes Wissen über Corentin und seine Elf vor einem Museumsbesucher ausbreitet, der ein paar Mal als Monsieur angesprochen wird. Dieser Erzähler beschreibt äußerst plastisch, aber stets distanziert und nie sentimental, was man über das berühmte Gemälde und den Kontext seiner Entstehung wissen muss. Briefwechsel werden unter anderem als Quellen ins Feld geführt, deren Authentizität sich von selbst zu verstehen scheint. Doch bei aller Klarheit und Konkretisierung hinterlässt der Text einen seltsam diffusen Schleier, der dem Leser vermittelt, dass das letzte Geheimnis eines Kunstwerkes nie zu entschlüsseln ist. Im Falle der Elf könnte die Spiegelung des Panzerglases daran schuld sein, die, wie auch das reale Beispiel „Mona Lisa“ beweist, ausreicht, um ein Kunstwerk zu verfremden und auf eine andere Ebene der Betrachtung zu heben (oder zu senken).

„Es fällt einem schwer, sie alle mit einem Blick zu erfassen, bei diesen Spiegelungen auf dem Glas, hinter die man sie im Louvre aufgehängt hat. Sicher vor Kugeln, sicher vor dem Atem der zehntausend Menschen aus der ganzen Welt, die sie täglich sehen. Aber die sind da. Unveränderlich und aufrecht.“

Natürlich lässt sich, auch anhand von Michons Novelle, darüber streiten, wie unveränderlich ein Kunstwerk wirklich ist. Zweifellos ändert sich zumindest die Interpretation eines Kunstwerkes immer mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen seines Ausstellungsortes und damit eventuell einhergehender Funktionalisierungen. Corentins Die Elf werden in Michons Text gleich mehrere mögliche Interpretationen beigegeben, die nicht selten etwas mit dem Grund der Entstehung des Gemäldes zu tun haben. Dass die elf oben genannten Herren vor allem als „verirrte Sprößlinge der einen unteilbaren Literatur“ angesehen werden können, ist dabei nur eine der gewagten Thesen, die allerdings nicht ohne argumentative Untermauerung stehen bleibt.

Pierre Michon (Jg. 1945) gilt als einer der renommiertesten französischen Gegenwartschriftsteller. Für Die Elf erhielt er 2009 den Grand prix du roman de l’Académie française und das völlig zu Recht. Denn in seiner Novelle verbinden sich Historie, Fiktion und Kunstphilosophie auf hohem Niveau zu einem Text komponiert. Chapeau!

Pierre Michon
Die Elf
Bibliothek Suhrkamp
2012 · 119 Seiten · 17,95 Euro
ISBN:
978-3-518224748

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