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Kritik

Kunstflammen

Zu Rachel Kushners Flammenwerfer
Hamburg

Schaut her, es zuckt und lodert im Kunstkamin! Rachel Kushner wirft uns in die zerwühlten Betten der New Yorker Avantgarde anno 1970 plus, ins Tränengas !haut der Polizei das Visier vom Gesicht! unter die Roten Brigaden anno ebenso, in den Sandsturm, in den Schneesturm, hier rast ein Motorrad gegen den Horizont auf Reifen aus blutigem Gummi, ja, hier scheint was los zu sein. Diesem Eindruck entsprechend, lautet das Motto des Romans fac ut ardeat, d.h. ungefähr: Mach mal Feuer! Titelgebend ist die Flammenwerfereinheit aus dem Weltkrieg, die erste Vorhut der Schlachtreihe, die die vordersten der Gegner schlicht durch Anzünden außer Gefecht setzte, eine Avantgarde eben, die dem Aufruf des Mottos folgt, metaphorisch als politische Aktivistin in Mailand ganz wie als Aktionskünstlerin in Manhattan. Oder zumindest wäre es der Anspruch der von Kushner porträtierten Aktivisten und Aktionisten, dem Motto zu folgen, ein Anspruch, an dem die letzteren zumindest kläglich scheitern. Auch scheint es der Anspruch der Autorin selbst zu sein, Flammen zu werfen, ein Anspruch, dem wiederum sie nicht gerecht zu werden droht, wenn sich alles Gezucke und Gelodere als Scheinflammenkunst entpuppen sollte... Entwirren wir das Gewirr dieser Stränge.

Man kann den Roman in zwei Schachtelsätzen zusammenfassen: Die Hauptfigur ist Reno, eine Motorradrennfahrerin und Künstlerin, die davon erzählt, wie sie mit Anfang Zwanzig nach New York geht, um sich in der Kunstszene zu etablieren, da mit Sandro Valera, einem der bereits Etablierten, anbandelt, zuletzt in seine Heimat nach Italien reist, und sich dort, von Sandro getrennt, auf Seiten der Roten Brigaden wiederfindet, bevor sie nach New York in den Schoß der Szene zurückkehrt. Renos Bericht wird zudem durch eine auktoriale Erzählung ergänzt, die uns über die Umstände Sandro Valeras aufklärt, des Sohnes eines nicht zimperlichen Motorrad- und Gummifabrikanten, dessen Bruder die Fabrik weiterhin führt und schließlich von den Roten Brigaden entführt wird.

Indem Kushner nun die Aktionen der Künstler mit den politischen Aktivitäten der Roten Brigaden in Italien konterkariert, stellt sie die Bigotterie des künstlerischen revolutionären Anspruchs in satirisch grelles Licht. Das plakativste Beispiel wären zwei italienische Filmemacher, die vordergründig zu den politischen Aktivisten zählen, aber im Grunde das politische Geschehen ausnutzen, um sich in der Kunstszene zu profilieren: Ein verwirrtes schwangeres Mädchen, das sie zwecks Beleuchtung des allgegenwärtigen Elends vor die Kamera stellen, missbrauchen sie, überlassen sie ihrem Schicksal in einer Irrenanstalt und scheren sich nur um ihre Erfolgschancen an der Biennale. Die New Yorker verhalten sich nicht ganz so widerwärtig wie ihre Kollegen in Italien, aber puncto falschem revolutionärem Anstrich gleichen sie ihnen sehr. Während sich die politischen Aktivisten tatsächlich revolutionär einsetzen, und im wörtlichen Sinn das Motto befolgen, Feuer legen, usw., üben sich die überwiegend männlichen Künstler nur im Geschwafel, und haben im Wesentlichen im Sinn, möglichst viele Frauen abzuschleppen. Bei diesen Künstlern brennt nichts, und es ist reiner Hohn, dass sie sich an einem Motto messen, das sie nur als Worthülse überhaupt wahrnehmen.

Trotz allem Spott ist die Satire aber auch eine Hommage an die New Yorker Kunstszene der Siebziger. Die Verlogenheit der Szene ist auch ihr ästhetisches Merkmal, die Oberflächlichkeit ihr Programm. Das gilt für das Romanpersonal ebenso wie ihre historischen Pendants, und das nicht nur wenn letztere auch gleich erstere sind, wie im Fall von John Chamberlain. Kushner hat also eine satirische Hommage an eine Welt formuliert, die wir bestens kennen und schätzen, als Ausgangspunkt unserer Stile und Macken heute, stilles Örtchen unserer Sehnsucht J. Damit hat sie die amerikanische wie die deutsche Kritikerwelt sehr zufriedengestellt, und das sollte einen nicht erstaunen, da man sich als Kritiker sogleich in diesem Roman zuhause fühlt. Die Kunstwelt heute ist eben nicht sehr anders, und auch die Literaten gehören dazu, sodass hier zuletzt unsere Welt verspottet und gefeiert wird, und da es zu unserer Welt gehört, dass man sich selbst auch spöttisch sieht, feiern wir gerne mit. Dementsprechend bin auch ich zufrieden mit diesem Roman. Nur mit der Zufriedenheit bin ich nicht zufrieden, denn war nicht einmal die Rede von Flammen? Und jetzt bin ich dumpf zufriedengestellt?

Mach mal Feuer! Dem Motto gemäß sollten Leser des Romans wohl nicht zufrieden sein, sondern aufgewühlt, aufgerührt oder anderweitig aufgeschlagen. Wir sollten nicht wie glückliche Eier fahl im Nestchen liegen. Lodert! Lodert dieser Roman? Nun, man spürt schon manchmal, wie Kushners Prosa versucht, sich zur Ekstase zu erheben. Aber zumeist ergeht sie sich in Gemeinplätzen sprachlicher und gedanklicher Art. Malcolm Lowry hat in Under the Volcano schon vor Jahrzehnten demonstriert, wie man ein Feuermotiv nicht nur im Titel platziert, sondern auch in der Prosa leben lässt, und man hätte sich doch erhofft, dass diese Vorarbeit hier nicht völlig übergangen worden wäre. Nicht einmal in den Passagen, in denen die versuchte Flucht von Zwangsarbeitern in den Gummiplantagen geschildert wird, rafft sich Kushner zu einem mutigeren, geladeneren Stil auf. Obwohl sie andauernd das Unheimliche, das Knisternde, usw. behauptet, gelingt es ihr nie, diese Atmosphären auch zu erzeugen. Hinzu kommen ungeschickte Versuche, in Obertönen zu erzählen. Zum Beispiel wird erst auktorial festgehalten, dass eine radikale Gang vor Jahren ein ukrainisches Restaurant gestürmt habe, weil es ihnen zu bürgerlich gewesen sei, bevor dann Sandro und Reno, wie wir von letzterer erfahren, in ebendieses Lokal gehen. Der ganz schlaue Leser merkt auf: Oha! Zwei Bobos! Die sind ja gar nicht so radikal, wie sie gerne wären! Das ist handwerklich doch etwas plump.

Die Satire fällt auf Kushner selbst zurück. Sie wagt im Grunde so wenig wie die verspotteten Künstler, was sie in ihrem uninspirierten Nachwort unfreiwillig nochmals bestätigt. Es bleibt der fahle Schein einer sich vergnüglich findenden Kreativintelligentsia, zu der wir auch gehören und deren Schein wir uns deshalb eben mit Vergnügen auf die Lachshäppchen streichen. Die Satire verliert dadurch noch zusätzlich an Biss. Viele der geschilderten Episoden sind sowieso schon eher halbwitzig, wie zum Beispiel diejenige der Motherfuckers, die mit von Kälte verschrumpelten Penissen in den Schnee urinieren. Hat man aber gemerkt, dass die Autorin ihr Motto nicht viel weniger hohl schwenkt als die von ihr Karikierten, ist die Kraft der Satire ziemlich ruiniert, und kann man den Roman nicht mehr als eben knapp vergnüglich finden. William Gaddis, um nach Lowry noch einen zweiten ausgestopften Elefanten in die Manege zu führen, hat in The Recognitions großartige Satiren über die New Yorker Kunstwelt vorgelegt, und Kushner zeigt sich auch in diesem Vergleich unendlich unterlegen. Vielleicht scheint das leicht Spießige ihres Romans genauso wie das leicht Spießige ihrer Figuren auch schon darin auf, dass sie sich ein Motto wie fac ut ardeat hinsetzen. Das vulgärlateinische fuck ut ardeat wäre zumindest seiner grenzenlosen Blödsinnigkeit wegen schon origineller gewesen; oder vielleicht lese ich einfach gerade zu viel Arno Schmidt (Elefant no. 3).

In den USA werden aufgrund der Feuerschutzauflagen in Hotels gerne Kunstkamine verwendet. In Kunstkaminen brennen Kunstflammen. Zunächst sehen sie ganz aus wie richtige Flammen, sie wärmen sogar! Nur brennen sie immer gleich, regelmäßig, und sind langweilig temperiert. Kein Holzscheit der Welt kann sich da zum Feuerfangen entschließen. Ganz so ist dieser Roman. Zunächst denkt man, den Plotwirbeln sei Dank, hier könnte Aufregendes geschehen. Doch dann ereignet sich im Grunde nichts. Das Buch ist vergnüglich, aber alle Schultern bleiben kalt. Dabei bräuchte man als Atlas doch echte Flammen, so wie die hier alle Innenräume runterkühlen. Dass Kunstflammen auch Flammen der !!!Kunst hätten sein können statt künstliche Flammen...

 

 

Rachel Kushner
Flammenwerfer
Übersetzt von Bettina Abarbanell
Rowohlt
2015 · 560 Seiten · 22,95 Euro
ISBN:
978-3-498-03419-1

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