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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

Mangelhaft kaschiertes Unvermögen

Eine Neuübersetzung der ältesten chinesischen Gedichte
Hamburg

Das chinesische „Buch der Lieder“ (Shijing) ist die älteste Lyrik-Anthologie Ostasiens und zählt zu den frühesten und bedeutendsten literarischen Zeugnissen der Menschheit. Die Sammlung von 305 Volksliedern und Texten ritueller Gesänge aus der Zeit zwischen dem 11. und 7. Jh. v. Chr. wurde der Legende nach von Konfuzius persönlich zusammengestellt und später in den konfuzianischen Kanon der „Fünf Klassiker“ aufgenommen. Ihr Stellenwert in der chinesischen Literaturgeschichte ist vergleichbar mit jenem der homerischen Epen für das Abendland. Da die bisher einzige deutsche Gesamtübersetzung durch Victor von Strauß (Schi-king, das kanonische Liederbuch der Chinesen) aus dem Jahr 1880 stammt, ist es sehr zu begrüßen, dass der Reclam Verlag nun eine neue Übertragung durch den Sinologen Rainald Simon vorlegt, die sich zudem zweisprachig samt phonetischer Umschrift präsentiert und mit detaillierten Anmerkungen, bibliographischen Angaben, einer Zeittafel und einem thematischen Register versehen ist. Selbst im Nachwort sind wichtigen Begriffen und Namen die chinesischen Schriftzeichen beigesellt. Widmet man sich, beeindruckt von dieser seriösen Aufmachung, den Übertragungen selbst, kommen einem jedoch bald Zweifel, ob der Übersetzer seiner fraglos schwierigen Aufgabe gewachsen ist. Verse wie „Der Mond geht auf und strahlend, oh / Ein anziehender Mensch und zauberhaft, oh / Gelassen feinfühlig, oh / Herzensmarter, schmerzlich, oh“ dürften nicht nur die Herzen all jener martern, die Matthias Claudius’ „Abendlied“ im Ohr haben. Eine genauere Lektüre enthüllt noch Schlimmeres: Wer des Chinesischen mächtig ist, muss feststellen, dass Simon nicht nur mit der deutschen sondern auch mit der chinesischen Sprache hadert und mancherorts schlicht falsch übersetzt, weil er offenbar selbst mit gängigsten Satzkonstruktionen und Bedeutungsnuancen des Altchinesischen nicht vertraut ist. Dadurch entstehen dann kryptische Zeilen wie jene in Lied Nr. 65, die bestenfalls noch zur Charakterisierung des eigenen Unvermögens taugt: „Was ich weiß, nenne ich meines Geistes Kummer, was ich nicht weiß, nenne ich mein Verlangen.“ Richtig übersetzt, hieße diese Stelle: „Die mich kennen, sagen, ich sei traurig. Die mich nicht kennen, fragen, was ich suche.“ Auch Victor von Strauß hat in diesem Sinn übersetzt, und man wundert sich, weshalb Simon nach jedem Gedicht buchhalterisch die bisherigen Übersetzungen in westliche Sprachen auflistet, wenn er die Arbeiten seiner Vorgänger gar nicht zur Kenntnis nimmt. Der betreffende Vers steht im Kontext eines Liedes, das wohl als Klage einer von ihrem Geliebten verlassenen Frau zu lesen ist. Bei Simon beginnt dieses Lied wie folgt: „Rispenhirse, üppig, so üppig / Hirsesprossen / Gehen, schreiten, gemach, gemach / innerlich unruhig, so unruhig“. Da es gerade im diffizilen Geschäft der Lyrik-Übersetzung billig ist, bloß Kritik zu üben, sei hier mit einem alternativen Übersetzungsvorschlag versucht, den Gehalt dieses Liedes deutlich zu machen:

Hängende Hirse, in die Ferne gereiht,
sieh die knospenden Ähren!
Schweren Schrittes geh ich dahin,
mein Herz kommt nicht zur Ruhe.
Die mich kennen,
sagen, ich sei traurig.
Die mich nicht kennen,
fragen, was ich suche?
O großer Himmel, so blau und so weit,
was für ein Mensch ist das nur?

Das allmähliche Reifen der Hirse in den zwei übrigen Strophen, die nur noch die ersten vier Zeilen variieren und die anderen wiederholen, deutet womöglich an, dass die Frau zudem ein Kind von ihrem treulosen Liebhaber erwartet:

Hängende Hirse, in die Ferne gereiht,
sieh die Rispen schwanken!
Schweren Schrittes geh ich dahin,
mein Herz ist wie betrunken.
[...]
Hängende Hirse, in die Ferne gereiht,
sieh, wie sie Frucht gebiert!
Schweren Schrittes geh ich dahin,
mein Herz wie zugeschnürt.
[...]

Die Liebe und ihre Nebenwirkungen ist eines der zentralen Themen der 160 „Lieder aus den Fürstenstaaten“, die den ersten Teil des Shijing ausmachen. Sie kreisen um die alltäglichen Freuden und Leiden des Volkes und greifen auch die Ausbeutung durch die Oberen, etwa im Fron- und Kriegsdienst, auf, während die drei anderen Sektionen vor allem Fest- und Preislieder, mythologische Hymnen und Opfergesänge des Ahnenkults umfassen.

            Nicht zuletzt die erotischen Konnotationen etlicher Lieder waren es, die im Zuge der Han-Dynastie (202 v.Chr.–220 n.Chr.), während der sich der Konfuzianismus als Staatsdoktrin etablierte, die Gelehrten dazu veranlasste, diese archaischen Texte willkürlich mit konkreten geschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen und so in verbindliche moralisch-didaktische Interpretationen zu kleiden, mit dem Ziel, ihr subversives Potential zu entschärfen und sie einem normativen, die herrschende Ideologie stützenden Literaturkanon einzuverleiben – ähnlich, wie im Abendland das Christentum heidnische Traditionen vereinnahmt hat. Seit der Song-Zeit (960–1279) haben es chinesische Philologen und später auch europäische wie Marcel Granet (1884–1940) unternommen, die ursprüngliche Bedeutungsschicht wieder herauszuschälen. Simon schöpft für seine Anmerkungen aus einem bunt zusammengewürfelten Strauß verschiedenster Auslegungen, ohne aber im Nachwort ausführlicher auf die komplexe Rezeptionsgeschichte des Shijing einzugehen, was bei Lesern, die mit der chinesischen Geistesgeschichte nicht vertraut sind, für zusätzliche Verwirrung sorgen dürfte.

            Viel Raum widmet Simon hingegen der Begründung seines Übersetzungsansatzes, den er großspurig mit Zitaten von Schopenhauer, Benjamin und Adorno untermauert: „Einfachheit infolge Beschränkung ist Programm. Nichts wird also ‚aufgefüllt’, die Prägnanz des chinesischen Textes soll bewahrt werden.“ Einfachheit infolge Beschränkung der eigenen Fähigkeiten, ist man versucht zu ergänzen, denn was er damit erreicht, ist das Gegenteil von Prägnanz. Die Lieder des Shijing, die aus einer oralen Vortragspaxis stammen und wohl erst später schriftlich fixiert wurden, sind streng durchgeformte Gebilde in meist viersilbigen Versen, und der Endreim, der im Shijing überhaupt weltweit zum ersten Mal auftritt, spielt eine entscheidende Rolle. Wer sich in der Übersetzung mit einem kruden Telegrammstil begnügt, weil er meint, so die „herbe Kargheit der Originale“ und die „Würde des fremden, fernen sprachlichen Gebildes“ zu zeigen, hat nicht begriffen, dass er dadurch die Originale erst recht ins Groteske verfremdet oder gar zu Nonsenslyrik herabwürdigt wie etwa das Lied Nr. 36: „Finster ist’s, finster / warum geht es nicht heim? / Nicht des Herren Schuld / warum sind wir im Tau? // Finster ist’s, finster / warum geht es nicht heim? / Nicht des Herren Gegenwart / warum sind wir im Schlamm?“ Man mag sich fragen, ob dieses Lied ein Kutscher sang, der nach einer feuchtfröhlichen Abendgesellschaft den Karren seines Herrn in den Dreck gefahren hat. Weit gefehlt! Simon weist zwar in seiner Erläuterung darauf hin, dass das Lied als Klage von Fronarbeitern zu verstehen ist, versäumt es aber, diesen Sinn in der Übersetzung herauszuarbeiten und verfinstert ihn zusätzlich, indem er in der ersten Zeile kritiklos eine fragwürdige Emendation des Zeichens für „schwächer werden“ zu „finster“ übernimmt. Da eine sorgfältige Übersetzung nichts anderes ist als die genaueste Lektüre eines Textes, böte aber gerade sie die Chance, auch dem Sinn von schwierigen Stellen auf den Grund zu gehen. Hier daher wiederum unser Vorschlag:

Die Kräfte schwinden, es hat keinen Zweck!
Warum kehren wir nicht nach Hause zurück?
Hätte der Fürst nicht seine Gründe,
würden wir uns noch im Tau befinden?

Die Kräfte schwinden, es hat keinen Zweck!
Warum kehren wir nicht nach Hause zurück?
Wäre es nicht um des Fürsten Willen,
würden wir uns noch quälen im Dreck?

Mit etwas sprachlicher Imaginationskraft und Rhythmusgefühl ist es durchaus möglich, diesen Gedichten auch im Deutschen eine prägnante Form zu verleihen, denn nur so vermag ihre zeitlose Schönheit auch heutige Leser außerhalb des chinesischen Kulturkreises zu erreichen. Im Unterschied zum angelsächsischen oder französischen Sprachraum ist die deutsche Sinologie aber seit dem Zweiten Weltkrieg nur noch in Ausnahmefällen mit überzeugenden Übersetzungen hervorgetreten, mit dem Ergebnis, dass der dreitausend Jahre umspannende Kosmos der chinesischen Literatur in deutscher Sprache immer noch viele weiße Flecken aufweist. Hiesige Literaturkritiker wundern sich dann bisweilen, warum es im heutigen China so wenig gute Literatur gebe oder kaum etwas übersetzt werde. Solange jedoch die immense Vielfalt der vormodernen chinesischen Literatur hierzulande nicht besser erschlossen ist, fehlen auch die Grundlagen, die Qualität zeitgenössischer chinesischer Literatur wirklich einschätzen zu können, und solange dilettantische Übersetzungen wie jene von Rainald Simon, die letztlich auch von mangelndem Respekt gegenüber dem Original zeugen, in den angesehensten Verlagen erscheinen können, wird sich daran auch nicht viel ändern.

            Dass Simon im selben Verlag bereits mit Neuübersetzungen des Daodejing und des „Buchs der Wandlungen“ (Yijing) hervorgetreten ist, verwundert insofern nicht, als diese beiden Werke zu den dunkelsten der chinesischen Literatur zählen, sodass sich auch ein unbedarfter Übersetzer fröhlich darin umtun kann, ohne befürchten zu müssen, dass Unzulänglichkeiten allzu sehr ins Auge springen. Seine Shijing-Übersetzung wirft aber auch ein schlechtes Licht auf den Reclam-Verlag, der sich nicht zu schade ist, sie ungeprüft und im fadenscheinigen Mäntelchen akademischer Seriosität zu veröffentlichen. Zur Entlastung des Übersetzers muss immerhin gesagt werden, dass eine Übersetzung des Shijing, die diesen Namen verdienen würde, einen Spielraum an Zeit und Geduld (vom Lohn gar nicht zu reden) erforderte, wie ihn der heutige, mehr denn je vom Wettbewerb um Marktanteile bestimmte Literaturbetrieb wohl kaum mehr zu bieten vermag. Wer das Shijing auf Deutsch lesen möchte, bleibt darum auch nach 135 Jahren mit Victor von Strauß’ gereimter Fassung am besten bedient.

Rainald Simon
Shijing / Das altchinesische Buch der Lieder
Übersetzung:
Rainald Simon
Reclam
2015 · 856 Seiten · 49,95 Euro
ISBN:
978-3-15-010865-9

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