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Kritik

Die Selbsterfindung des modernen Menschen im Journal-Roman

Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Hamburg

Ja, Rilke! – das hybride Buch (fiktives Tagebuch, fiktiver Briefroman, Roman, Prosapoem)  des bereits eminenten Lyrikers, geschrieben zwischen 1904 und 1910, ist ein Versuchslabor von Denk-, Empfindungs- und Schreibweisen unserer postsymbolistischen Moderne.  Der von Rilke „Roman“ genannte Text erschien 1910.  Da hatte der Autor bereits wesentliche Gedichte in Sammlungen wie dem Stundenbuch, dem Buch der Bilder und den Neuen Gedichten veröffentlicht. Die Worpsweder Zeit war ebenso vorüber wie Rilkes Zeit in Paris als Sekretär im Dienste Rodins, über den er eine Monografie verfasst hatte.  Rilke war längst auf dem Weg in sein späteres Werk.

Der Malte ist ein Rückblick auf einen intellektuellen Werdegang und ein Vorausdenken der eigenen Entwicklung in der unsicher werdenden Welt um die Jahrhundertwende, der die alten Sicherheiten, Konzepte und Begriffe abhanden kamen.  Rilke wählte die Figur eines introspektiven dänischen Intellektuellen und sieht mit ihm und durch ihn auf die Stadien von Kindheit und Jugend zurück.  Die Wahl der persona eines Skandinaviers mag mit seinen Reisen zwischen Paris, Norddeutschland, Dänemark und Schweden zusammenhängen, wo er als zunächst Fremder Entwicklungen zeitgenössischer Malerei (Paul Cézanne, Paula Modersohn, Ernst Norlind, Tora Vega Holmstrom) und Skulptur (Auguste Rodin) verstehen und in seinen eigenen Werken begleiten konnte.

Malte befindet sich am Rande neuer Deutungen vorgeblich festgefügter Ausdrucksformen, nämlich am Anbruch „der Zeit der anderen Auslegung, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen“. Man mag nicht ohne Berechtigung bereits hier apokalyptische Töne des Eliotschen Waste Land heraushören.  Er, Malte, befindet sich noch in der Vorzeit, der unsicheren und obskuren Jugend, die denken und sagen darf, was sie möchte und kann: „Junger Mensch irgendwo, in dem etwas aufsteigt, was ihn erschauern macht, nütz es, dass dich keiner kennt“.  Der Malte lässt sich an beinahe beliebiger Stelle aufschlagen und man liest sich fest, erinnert sich, lächelt und klagt. 

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge bleiben in ihren fließenden Formen und Inhalten ein Schlüsselwerk auch für unsere Zeit.  So ist es eine gute Tat, dass der Fischer Taschenbuchverlag ihn in einer günstigen und sauberen Ausgabe erneut vorlegt.  Erfreulicherweise sind dem Text zwei ursprüngliche Fassungen des Anfangs und eine des Endes ebenso beigegeben wie hilfreiche „Daten zu Leben und Werk“.  Anstatt eines einlässlichen Nachworts wird, wohl als Kompromiss,  der Essay von Doris Lauterbach aus der 3. Auflage von Kindlers Neues Literatur Lexikon abgedruckt. Gegenüber der früheren Auflage und dem immer noch sehr lesenswerten Aufsatz von Joachim Storck darin ist dieser Text eingeschränkter im Umfang und plakativer in der Aussage.  Angesichts der Komplexität des Malte ist das kein Vorteil. Leider fehlen auch einige der im Lexikon genannten Quellen.  Doch wer den Malte Laurids Brigge bislang noch nicht absorbiert hat – hier ist eine weitere Gelegenheit.

Rainer Maria Rilke
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
FISCHER Taschenbuch
2012 · 224 Seiten · 6,50 Euro
ISBN:
978-3-596901401

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