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Kritik

Das gebrochene Genie und die schriftarme Zeit

Rainer Maria Rilkes Briefe an Hertha Koenig

Wer ist dieser Dichter, dessen Lyrik sich oberflächlich so kindlich - leicht der Realität zu entsagen scheint? Wer ist jener begabte Schriftvirtuose, der wie kein anderer den Spagat zwischen traumhafter Innerlichkeit und katastrophaler Außenwelt leisten musste? Es ist kein geringerer als Rainer Maria Rilke. Obgleich das von Krieg und nationalstolzen Allmachtsphantasien gebeutelte Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits aus den Fugen zu geraten scheint, verbergen Rilkes Gedichte ein nahezu romantisiertes Weltpanorama. Kein Wort, das den bestialischen Schlachten, den sinnentleerten Grabenkämpfen oder dem frevelhaften Gefechtseifer jener abgründigen Zeitenwende widerspiegelt, findet sich in seinen geradezu das Schöne stilisierenden Sprache wieder.

Wer jedoch dem Glauben erliegt, in Rilke einen apolitischen, wenn gar gänzlich gleichgültigen Schwärmer zu sehen, der irrt. Nicht zuletzt der jüngst erschienene Band „Briefe an Hertha Koenig 1914-1921“, worin die bislang unveröffentlichte Korrespondenz des damals größtenteils in München lebenden Autoren zu seiner Freundin und Mäzenin Hertha Koenig veröffentlicht ist, offenbart drastisch Rilkes innere Einsamkeit. Es sind die Jahre der Verzweiflung, die Rilke angesichts der Destruktionskraft des 1. Weltkrieges, zu einem gebrochen Genie machen. Während die Materialschlachten den Menschen zum Appendix des technischen Fortschritts degradieren, verschlechtert sich der Zustand Rilkes dramatisch. So schreibt er in einem Brief, datiert auf den 13 Juni 1917, resigniert an Hertha: „ich kann mir gar nicht denken, dass irgendwo der Krieg so aus der Luft genommen sei. Aber dies wär`s, was ich meine. Je länger es währt, desto schwerer hält es, gesund zu sein in einer totkranken [!] Welt“. Geradezu rastlos eilt er durch die Welt, flieht, reist und sucht nach dem Ort, wo der Friede zumindest noch denkbar ist; wo eben das Schreiben sich aus der dunklen Blockade herauszulösen versucht. Es ist die zum Schreiben unabdingbare Vorstellungskraft, die schwindet, wenn das Leben keine Farben mehr kennt. Rilkes Schaffenskrise ist zugleich die erste Krise des 20. Jahrhunderts. Herthas Landgut Böckel kann nur zeitweise als Refugium fungieren, da sich doch allzu bald die Erkenntnis manifestiert, dass die Weltentsagung nicht mehr als Utopie ist. Resümierend formuliert er am 7. Oktober 1918 an Hertha: „Liebe besorgte Freundin, die fortwährende Schwebe und Gefahr der Zeit lassen mich zu keiner Stelle kommen, von der aus ich schreiben dürfte; mehrere Mal hab ich die Feder angesetzt und musste mir sagen: es geht nicht! Böse Träume möchten wohl recht haben, wenn sie sich auf mich beziehen: mehr als recht. Aber wenn, wie es doch scheint, die Zeit diesmal an einer rechten Wende steht, so müsste das, auch für mich (endlich endlich!) die Wende zum Guten sein.“

Obwohl Trauer und Schmerz kaum zu leugnen sind, schimmert am Ende ein Moment der Hoffnung durch. Dass Rilke in Hertha Koenig mehr als eine Freundin fand, belegen seine von persönlichster Offenheit geprägten Briefe zweifelsohne. Sei es als Mäzenin, als literarische Beraterin oder schlichtweg psychologische Instanz – Ohne ihren Einfluss wäre Rilkes Depression zuletzt sogar im künstlerischen Stillstand gemündet.

Dass Rilke aber den Brief als literarische Gattung in liebenswert - manieristischer Poetologie nutzt, demonstriert die Sinnhaftigkeit von Literatur: Wenn Rilke vom Gut Böckel schwärmt, von fernen Landschaften und nahen Bekannten berichtet, über Picasso philosophiert, schafft er sich die Präsenz des Gegenübers. Das Ich löst sich aus seiner Vereinsamung, indem Literatur zum Forum der Gemeinschaftsbildung  wird. Seine Briefe sagen nicht nur etwas über die Befindlichkeit des großen Dichters und seine Einbettung in eine Epoche der Irrungen und Wirrungen aus. Vielleicht könnten seine wortreichen Briefe auch Anlass sein, über unsere eigene rastlose und bisweilen schriftarme Zeit nachzudenken.

Rainer Maria Rilke · Theo Neteler (Hg.)
Briefe an Hertha Koenig 1914-1921
Nachwort: Theo Neteler
Pendragon
2009 · 192 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-865321596
Erstveröffentlicht: 
Berliner Literaturkritik

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