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Kritik

Poetische Reise in eine vielleicht todgeweihte Stadt

Hamburg

Es ist keine hundert Jahre her, daß der Schweizer Dichter Carl Spitteler 1919 für sein Versepos „Olympischer Frühling“ den Literaturnobelpreis erhielt. Aber uns modernen bis postmodernen Autoren und Lesern scheint eine solche Verbindung des Lyrischen und des Epischen so fern wie Homers Heldengesänge oder die Edda. „Alles ist möglich“ versprechen die Ideologen, „alles ist grenzenlos“, aber gleichzeitig werden starre Kategorien und künstliche Kunstgrenzen zementiert. Und doch gibt es Infragesteller und Grenzüberwinder. Zu diesen gehört Ralf Thenior mit seinem Poem „Große Vokalharmonie in Hasankeyf“, das Menekşe Toprak als „Hasankeyf’te Büyük Sesli Uyumu Bir Uzun Manzume“ ins Türkische übersetzt hat. Es ist eine leise, sensible, bei allen Detailfreiheiten formvollendete Lyrik, die poetisch und politisch aus der Mitte der Gegenwart spricht, aber zugleich unprosaisch die eher prosaische Geschichte einer Reise erzählt. Sie führt von Istanbul in die uralte Stadt Hasankeyf, die nach dem Willen des Pankrators Erdogan bald schon in den Fluten des gigantischen Ilısu-Stausees versinken soll. Diese Pläne aber dienen nicht allein der Energie- und Profitproduktion, sondern gehören zu einer Strategie, die den Nachbarländern buchstäblich das Wasser abgraben und aus einem unverzichtbaren Lebens-Mittel ein Instrument politisch-ökonomischer Unterwerfung machen will. 100 Jahre nach dem Untergang des alten Osmanischen Reiches brächte man so das Pulverfaß Nahost der Explosion näher.

Erschienen in: "Große Vokalharmonie in Hasankeyf, Hasankeyf’te Büyük Sesli Uyumu Bir Uzun Manzume

In diesem auch typographisch schön gestalteten, mit Photos illustrierten zweisprachigen Buch unterschlägt Ralf Thenior weder die Teetassen der Gastfreundschaft noch die Wasserwerfer der Polizei. Er nimmt den beschaulichen Alltag und die heftigen sozialen Kämpfe hinein in ein widersprüchlich-stimmiges Bild eines Landes zwischen uralter Kultur und ultramoderner Hybris. Seine Beobachtung der einfachen Dinge wie einer toten Ratte in Trabzon spricht für sich und weist über den Einzelmoment hinaus: 

„…      Fassungslos kreiste ihr Geist
Um die pergamentplatte Rattenfigur im Straßenstaub.“
(S. 69)

Aber dieser Dichter hat auch den Mut zur eindeutigen Schönheit:

„Ein Strauß Mimosen für den Chef Mimosenduft begleitet uns
Himmel blau Karadeniz liegt in perlmuttfarbenem Licht
(S. 73)

 „Berührung mit fremdem Leben“ (S. 75)

– das sind Kenn- und Kernworte dieser Dichtung, die den offenen Geist eines Menschen atmet, der auf andere zugeht, um ihnen tatsächlich zu begegnen, um Freunde zu finden und Verbündete im Widerstand gegen die Barbarei des effektiv-profitablen Kahlschlags, gegen die Vernichtung lebendiger Lebensräume, gegen die brutale Scheinlogik eines Fortschreitens Richtung Abgrund – im fernen Hasankeyf und hier vor unserer Haustür.   

Anm. der Redaktion: Bei Interesse am Buch leiten wir Ihre Mail gerne an den Autor weiter. info@fixpoetry.com

Ralf Thenior
Große Vokalharmonie in Hasankeyf, Hasankeyf’te Büyük Sesli Uyumu Bir Uzun Manzume
Ins Türkische übersetzt von Menekşe Toprak
Vorsatz
2013 · 86 Seiten
ISBN:
978-3-943270-05-1

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