Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
x
Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Frauen – sanft bekocht

Von der Jungsteinzeit bis heute: Ralph Dutli misst das Phänomen Liebe aus
Hamburg

Raffa schaut auf drei Uhren, auf die am Handgelenk, aufs Handy und die Turmuhr des Palazzo della Ragione. Er ist mit seinen Freund Manu verabredet, die beiden waren sich nach vielen Jahren in Mantua wieder begegnet.

Raffa heißt Rafael und Manu eigentlich Manuel. Die Freunde haben die Endung -el gestrichen, denn beide Namen sind biblischer Herkunft -el bedeutet Gott.

Indirekt geht es in dem Roman des Schweizers Ralph Dutli „Die Liebenden von Matura“ immer wieder um Gott, um den abwesenden, um einen Gottesersatz.

Der Journalist Raffa wartet vergeblich. Zwei Tage davor hatte er seinem Freund den Grund für seinen Aufenthalt in Mantua genannt; er ist dem vor einem Jahr geschehenen Erdbeben auf der Spur. Manu, der sieben Romane unter verschiedenen Pseudonymen geschrieben hat, will nun seinen achten über die „Liebenden von Mantua“ schreiben, über das Paar aus der Jungsteinzeit, dessen Grablege (tatsächlich) 2007 in der Nähe von Mantua gefunden worden war und den Wissenschaftlern viele Rätsel aufgab. Die Bilder der sich im Tod umarmenden Gerippe waren um die Welt gegangen und mit Rührung aufgenommen worden. Doch (im Roman) ist das Doppelgrab mit den über 6000 Jahre alten Liebenden verwunden.

Auch Manu kommt nicht. Nicht zum verabredeten Termin, auch nicht später, sein Handy ist abgeschaltet, in dem Hotel ist er nicht zu finden. Der Roman wird aus beiden Perspektiven erzählt, aus der Raffas, der sich um seinen Freund sorgt und auf der Suche nach ihm auf eine rätselhafte Frau trifft, Lorena, die tatsächlich die Suche nach dem Freund voranbringt. Und aus der Perspektive des entführten Manu, der sich zu seinem Entsetzen im Haus eines namenlosen Conte wieder findet, betäubt und lange im Unklaren gelassen, was das Ganze soll. Der gebildete Entführer hat einen Plan. Er will eine neue Religion statuieren, eine, die nicht den gefolterten Gottessohn zum Symbol hat, sondern die sich umarmenden Gerippe. Zu diesem Zweck hat er nicht nur Manu entführt, sondern in seinem geheimnisvollen sich ständig in Bewegung befindendem Haus liegt die gesuchte Grablege des rührenden Paares aus der Jungsteinzeit. Manu, allabendlich zu einem opulenten Essen mit dem Conto geladen, erfährt, dass er auserwählt ist, die neue Religion mit einer Art neuen Bibel zu versehen. Der Conto stellt ihm eine reiche Bibliothek zur Verfügung, die allerdings die Eigenart hat, zu wandern. Mal ist sie dort, mal ist sie woanders. Das ganze Geschehen im Haus ist traumhaft seltsam. Sein Wächter liegt eines Abends im rosa Tütü, erstochen vor seine Zelle, am nächsten Tag steht er lebendig davor. Das Haus gibt Geräusche von sich, die Manu nicht einordnen kann. Wie ein Organismus scheint es sich zu bewegen und zu verändern. Nur eines bleibt – seine Unfreiheit. Das ist die Szenerie, vor der die Gespräche zwischen Entführer und Geisel vor sich gehen, die sich um das Phänomen Liebe drehen.

Gleichzeitig kommt Raffa „draußen“ in einen Rausch der Liebe mit Lorena, die wiederum einen anderen liebt. Obwohl die Handlung nicht erzählt wird, arbeitet Lorena an der Befreiung Manus, der wiederum sich an seine Laure erinnert, und der Conte belästigt Manu mit seiner unglücklichen Liebe.

Ein Karussell, in dem sich der Leser mitdreht, wenn er sich darauf einlässt. Denn Dutli ist in der Renaissance zuhause, es gibt unendlich viele kunsthistorische Verweise, Ausflüge in die Renaissance-Malerei, aber auch in die Literatur. Da dürfen die Liebenden vom benachbarten Verona nicht fehlen. Romeo und Julia, die in Matura sterben, erst die eine scheintot, dann aus Betrübnis Romeo, der sich vergiftet, bis Julia zum Tode entschlossen das Gift von seinen Lippen küsst. Dutli setzt eine Inszenierung von Charles Gounod Romeo et Juliette dagegen, die Raffa mit Lorena in Verona sieht. Dort rennt Romeo mit seiner Julia aus der Arena, in den Tod, in ein anderes Leben – an der Stelle, wo beide in Stück und Oper eng umschlungen sterben.

Manu wehrt sich gegen seine Aufgabe, eine Religion der Liebe zu unterfüttern, Dutli selbst entwirft so etwas wie ein Mosaik der Liebe, wo die Erotik nicht vom nackten oder großflächig tätowierten Körper ausgeht, sondern von dem, was sich unter der Kleidung verbirgt, doch durch die Bewegung offenbart wird. Seine Liebesszenen sind wunderschön. Hier die theoretische Erläuterung durch den Entführer, dort die Realisierung durch Raffa und Lorena, sie sich körperlich begegnen, sich aber als Personen fremd bleiben.

Vieles ist bei Dutli hintergründig doppelsinnig: „Hast du schon eine Frau gesehen, die nicht gerührt ist, wenn man sie sanft bekocht?“, heißt es an einer Stelle. Beim Lesen kam mir zeitweilig der Verdacht von Eitelkeit, Überlegenheit des Autors. Bis dies mich irgendwann nicht mehr störte, der Gedanke an sich mir wichtiger war, als die Art und Weise seiner Hervorbringung. Dutli stößt mit seiner Kriminalgeschichte so viel an. Man könnte mit dem Roman in der Hand Mantua erkunden. Man kann an den ineinander verschränkten Liebesgeschichten sich mal wieder bestätigen, dass es nicht so einfach ist mit der Liebe. Dass es sie gibt, daran zweifelt der Autor nicht, eher schon an der Existenz Gottes, an der ausdauernd gezweifelt wird, natürlich mit Hilfe Nietzsches. Und trotz aller Seltsamkeiten, die das Haus des Entführers ins Wanken bringen, die auch als Symbol für das Verliebtsein gelesen werden können – nichts, gar nichts ist mehr an seinem Platz – trotzdem liegt vor der Tür die Realität, die Geschehnisse um das Erdbeben, die Boot People, die übers Mittelmeer kommen und Ratlosigkeit mitbringen und bei den unfreiwilligen Gastgebern verbreiten.

Nicht zuletzt singt der Autor ein Hohelied auf das Genre des Romans in knapp zwei Dutzend Postulaten: „Roman: rätselhafte Euphorie… Roman: Ungeschlachtheit und Eleganz … Roman: Fremdherrschaft, die zur eigenen wird…“ usw. Ein Lied auf die Sinnlichkeit des Genres, die Vielfältigkeit, auf das Geheimnisvolle, auf die Täuschung, das Scheitern.

Seinen eigenen Roman unterzieht er am Schluss einem „Realitätstest“. Er zählt auf, was alles unwahrscheinlich ist in seiner Geschichte um dann die mutige Behauptung aufzustellen: „Und wenn nur ein Punkt aus der Liste der Unwahrscheinlichkeiten wahr ist, sind auch alle anderen möglich, also wahr.“ Und dieser eine Punkt ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sterben. „Deshalb ist alles so unwahrscheinlich, aber wahr.“ Und sehr wahrscheinlich liest jede/r diesen Roman anders, weil sie/er die eigene Erfahrung einbringt. Manch einem mag das Zuviel sein. Mir nicht.  

Ralph Dutli
Die Liebenden von Mantua
Wallstein
2015 · 276 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1683-6

Fixpoetry 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge