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außer.dem Literaturzeitschrift
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außer.dem Literaturzeitschrift
Kritik

Hier darf nichts verloren gehen, das ist der ganze Sinn des Fragens.

Hamburg

Manchmal ist das Internet, ist gerade die überwältigende Anzahl von Blogs, die mich sonst eher erschlagen, ein wahrer Segen. Ohne seinen Blog hätte ich Ralph Pordzik womöglich nicht entdeckt und die Verabredung versäumt, dabei bin ich sehr dankbar, Teil des Publikums sein zu dürfen, mit dem sich Pordzik in seinem ersten Gedichtband „Verabredung mit meinem Publikum“ als Dichter vorstellt.

„Verabredung mit meinem Publikum ist von jener intellektuellen und poetischen Eigensinnigkeit, die vom großteilig in Fadheit genormten Gedudel des Gegenwartsliteraturbetriebes mit fataler Zwangsläufigkeit auf einen Außenseiterposten verbannt wird,” schreibt Mathias Hagedorn in den Kulturnotizen, der bislang einzigen Rezension zu diesem beachtlichen Debüt.

Ralph Pordzik hat schon einiges veröffentlicht, bevor letztes Jahr sein erster Gedichtband erschien, der aus 46 Gedichten besteht. Für jedes Lebensjahr eines. Denn Pordzik, der in Würzburg eine Professur für englische Literatur und Kulturwissenschaften innehat, ist 1966 geboren. Und den Gedichten merkt man an, dass sie lange gereift sind.

Reich an Ideen, Gedanken, Entdeckungen, sind sie gleichzeitig äußerst reduziert und karg. Unspezifische Genauigkeit, wie Hilde Domin es genannt hat, bei der jedes Wort sitzt.

Klare, lediglich skizzierte Bilder, flüchtig hingeworfene Striche. Jeder Satz ein Schnitt.

 

 

         Zweischneidig, im Dickicht entschuldigen

         Zeitungsreste raschelnd ihre Druckfehler.

 

         Ein einfacher Satz wäre jetzt vollkommen.

         Die Toten vertröstet auf ein nächstes Mal.

 

         Die abwesenden Schüler könnten ihn in ihre

         Poesiealben kopieren, die standhaften Witwen

 

         sich an ihm wärmen. Ich habe ihn in meinem

         Notizheft stehen, doch er passt nicht

 

         in das ganze Bild. Erster und letzter Lauf sind

         oft bloß Anfang und Ende des guten Gefühls.

         (KARTOGRAPHIE)

 

Pordzik malt nicht das ganze Bild, er konzentriert sich auf die Einzelheiten, auf die Zahnlücke von Grecos Mönch zum Beispiel, in der das Geheimnis sorgfältig verborgen ist. Um sich noch einmal nachzeichnen zu lassen in GRECOS FUROR.

Es gilt sehr sorgfältig jedes Wort zu lesen in diesem schmalen blauen Band, denn  zwischen ihnen liegen Zusammenhänge, Schmerzen, Welten.

 

         HOCHALPIN

 

         Die Unschärfe des Montblanc

         auf einer alten Fotografie

         spiegelt seine Unbestimmtheit

         als Gegenstand dieser Welt.

 

         Ruhig liegt der eingebildete Gigant im Schnee.

         Es ist noch Zeit vom Vortag übrig,

         und an seinem Fuße sammelt sich Höhe

         wie Worte sich sammeln zum Vers.

 

         Kurz flammt am Morgen seine Röte auf,

         zittert sich als kalter Strahl über die Rücken

         andächtig geduckter Nachbarn...

        

         ¡K steigt herab, und immer tiefer hinab,

         so überraschend und dann gleich

         nicht mehr anders vorstellbar.

 

Dieses Gedicht zeigt beispielhaft die karge reiche Poesie und den klaren Blick von Ralph Pordzik. Gerhard Falkner hat geschrieben: „Der Kritiker hasst den Dichter. Weil er wohl seine schwierigen, nicht aber seine einfachen Sätze versteht.“

Und, möchte ich hinzufügen, weil Dichtungen nicht dazu da sind, verstanden zu werden, sondern begriffen werden muss. Dann hat der Dichter sein Publikum nicht nur eingeladen, sondern erreicht.

Und damit könnte ich es bewenden lassen, wäre da nicht dieses „Trotzdem“, das in Pordziks Gedichten wohnt, das Trotzdem von dem Hilde Domin in „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ geschrieben hat. Das Trotzdem eines Sisyphos, der ein Bild für das Scheitern und für das „Dennoch“ ist. Für den trotzdem lohnenden Widerstand.

 

In ANSPRACHE, einem Günter Eich gewidmeten Gedicht schreibt Pordzik:

 

         Während die Generationen

         schweigend die Plätze tauschen,

         ein kurzes Wort im Vorübergehen

         an die Anwesenden.

 

Viel mehr kann man nicht tun. Außer vielleicht erkennen, dass es viel ist. Trotz allem. Pordzik betreibt in seinem Gedichtband eine glasklare Gegenwartsanalyse, die Platz für das Trotzdem lässt.

 

 

         „Das Bild ist immer unvollständig. Mal zeigt sich

         eine Feder, mal ein Gewitter unter tiefen Ästen.“ (VERABREDUNG MIT MEINEM          PUBLKILUM)

 

         „Irgendwo geht es zur Sprache.

         Wir ziehen in ein erobertes Land,

         das Wagnis lenkt uns unerbittlich hin.“ (IM TURM)

 

So endet der Gedichtband, das heißt so beginnt er von neuem. „Erster und letzter Laut sind oft bloß Anfang und Ende des guten Gefühls.“ Und trotzdem: gibt es ein schöneres Scheitern als das an der Sprache?

Ralph Pordzik
Verabredung mit meinem Publikum
Les Dernier Jours
2012 · 7,90 Euro
ISBN:
978 1 4717 2249 3

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