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„Offen für den Atlas hinter der Dürftigkeit“ ...

... oder zwischen den Bildern der Eindruck von Bedeutung: Zu Ranjit Hoskote, "Feldnotizen des Magiers"
Hamburg

Iss langsam. Lies möglichst viel bei verfügbarem Licht.
Nimm nichts mit dir, es sei denn
die Schablone des Himmels im Fenster,

um die nächste Station der Reise zu malen,
die dich vorbeiführen wird an heimatlichen Pappeln,
an Gestrüpp und Palmen zum unablässigen Meer.

Ranjit Hoskotes Gedichte tragen Titel wie "Autorisierte Fassung", „Ein Meer benennen“, „Das Reich der Lichter“ oder eben "Feldnotizen des Magiers". Anrufungen und Betrachtungen zugleich sind sie, führen als Fackel gern die Fantasie ins Feld, setzen den Märchen- und Sagenschraubstock an, bevor sie sich plötzlich an eine ganz einfache Offenbarung wenden. Diese Epiphanie hebt sich ab vom visionären Touch und der dickaufgetragenen Vielgestalt, wie ein dünnes Abziehbild, ganz gewiss nicht reißfest, aber gut anzubringen, ganz nah am Szenischen der Wirklichkeit dran.

Nicht jedes seiner Gedichte hat so ein Abziehbild – manche scheinen, derweil sie größere Metaphern errichten wollen, nur Malereien zu sein, die sich nicht aufknüpfen lassen, weswegen man kaum an sie anknüpfen kann. Wie geheime Dialoge finden sie statt, Rede, in die nur dir Sprache sich eingeweiht weiß, was für den Leser zu einem leicht entstellten Erlebnis werden kann, weil er sich wie ein Fluchtpunkt fühlt, aber nicht weiß, in was für einem Bild.

damit du das alte Schiff findest, musst du die Salzwüsten
durchsteigen bis dein Haar silbergrau ist
und dir ein Mast aus der Einhornstirn wächst.

Dann werden alle deine Gestern die Schlüssel zu
Türen gewesen sein, die aus ihren Angeln gefallen sind.

Ranjite Hoskotes Poesie steckt das lebendig-werden-Lassen, egal ob von Mythos, Moment, Metapher oder einem einfachen Gegenstand, ein zirkulierendes Beseelen, im Blut. Blut, das schillert oder spiegelt, ganz sicher ist man sich da nie. Es geht oft um Erinnerung und Vorstellung; die Achsen, auf denen sich beide drehen – worin unterscheiden sie sich voneinander? –  diesen Einwurf und den Entwurf zur Entschlüsselung scheint manches seiner Gedichte einzubringen, in den Verwerfungen ihrer wie Gerüchte ausufernden Bilder gebündelt.

Man findet sich unter Kuppeln wieder, die ein einzelnes Spiel mit Ideen gesponnen hat, aber wird das Gefühl nicht los, dass die Gedichte einen etwas zu weit nach oben blicken lassen, die Sprache etwas zu hoch werfen: sie könnte gar nicht landen, muss immer höher gestoßen werden von bunten und atemberaubten Metaphern, denn auf dem Boden würde sie ob des Gewichts ihrer Bedeutungen zerbrechen, weil die Bedeutungen selbst zerbrechlich sind, wie jede Sinnstiftung, die das Gedicht verspricht.

Hat dich dafür der Milchozean hervorgebracht
und in diese ungeduldigen Butterhände gegeben?

Aber es gibt einige Gedichte, denen es gelingt, sich von ihrer aufgeworfenen Sprache nicht überwältigen zu lassen, sondern die Sprache als klare Kontur obenauf stehen zu lassen. Im Gedicht „Pferdehymnus“ leiht Hoskote dem Vermächtnis der Reiterhorden, ihrer Welt, ihrem Drängen, in Form eines Gesangs über Steppen, Gewalt, Landschaft und Macht eine Stimme, und schließt am Ende mit der Einsicht, dass nichts davon geblieben ist, außer der „Musik“ der Hufe, die diese Völker auf all ihren Eroberungsfeldzügen begleitete. Genauso gelingen ihm feinste Momentaufnahmen von Zuständen im Ich. Und in Hoskotes besten Texten bewegt er sich zwischen Gewissheit und Geheimnis, diesen Polen, von denen seine Sprache gleichermaßen angezogen wird.

Und werde ich da sein, ehe es zu spät ist,
ganze Wettersysteme zu erraten,
die in unseren Köpfen die Ozeane bestürmen,
während sie den Planeten in stillen Wellen umkreisen?
Chiffren zu Epen, ich halte diese Besonderheiten,
die eine schreibende Hand verbrennen
und in die Gleichgültigkeit des Auges dringen.

Diese raum(auf)greifenden Sentenzen sind es, die mich beeindruckt und begeistert haben und die an vielen Stellen zu finden sind, manchmal ein ganzes Gedicht lang durchgehalten werden.

Phantastisch in der Bewegung, kommen manche Texte von Hoskote nie an einen Ort. Während sich die Bilder ineinander klinken, wird die Sprachlichkeit irgendwann zur einzigen Form, in der das Gedicht existieren kann. Wie langsam vorbereitete Wunder, die dann doch nicht geschehen, steht vor dem Leser ein Wust und eine Pracht an wunderbar kombinierten Elementen, aber diese Elemente gehören zu keiner Welt, die man kennen kann und in die man schlicht geworfen wird. Wenn diese Ziellosigkeit überwunden wird, geschieht und entfaltet sich auf den Seiten des Bandes eine unerhörte Wahrhaftigkeit, in der die eigene Vorstellung einiges an Umdrehungen zulegt.

Die Augen öffnen sich als letztes, aber sie werden niemals
im Wasser spiegeln. Diese bernsteingefleckten Linsen
sind leihweise mein, stark genug, um die Wände
und Dächer des flirrenden Trugbilds zu durchstoßen,
das wir Welt nennen, und sich in Stein niemals zu verwandeln.

Zu loben bleibt zuletzt auch die Übersetzung von Jürgen Brôcan, denn obgleich ich die Originale nicht kenne, spricht die Lesbarkeit und Komplexität verschiedenster Textpassagen für eine sehr gute, verständige Übertragung.

Ich bin kaum darauf eingegangen, mit wie vielen Bezugspunkten, historischen und aktuellen, persönlichen und nebulösen, dieses Buch aufwarten kann – Gedichte über Kabul und Syrien, Streiflichter auf längst vergangene Epochen, naturwissenschaftlichen Themengebiete (kritische Töne fallen) und natürlich die bereits erwähnten Mythenkomplexe, sind zu nennen. Aber das alles halte ich nicht für das Bezeichnende an Hoskotes Dichtung, es ist nicht die Dimension, die für mich den Ausschlag gibt.

Etwas soll aufscheinen und Bedeutung annehmen, da Wesentliches überall zu finden ist

schreibt der Übersetzer in seinem Nachwort. Daß Hoskotes Band mir tatsächlich einen bleibenden Eindruck davon vermittelt hat, was das heissen kann, spricht für ihn.

 

Ranjit Hoskote
Feldnotizen des Magiers
Übersetzung:
Jürgen Brôcan
Edition Offenes Feld
2015 · 124 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
9783739215419

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