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Kritik

Gedichte lesen und das Sprachvermögen

Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren

In Schulklassen sind sie gefürchtet, im literarischen Studium werden sie gemieden, der Literaturbetrieb nimmt sich ihrer nur noch aus Mitleid an: mit Gedichten muss man Mitleid haben, und mit ihren wenigen Schreibern und Lesern erst recht. Selbst die Erzählung, die in Deutschland gegen den Roman keine Chance hat, hat dem Gedicht schon lange den Rang abgelaufen. Vorbei die Jahre, in denen ein Sammelband mit Politgedichten von Süverkrüpp, Neuss, Degenhardt und Hüsch eine Auflage von mehr als 100.000 Exemplaren erreichte. Oder ein Band von Wolf Biermann mit 80.000 Exemplaren in der Republik verbreitet wurde (die „Drahtharfe“ erreichte diese Auflage 1976). Klar, alles leicht verständliche Politware – aber gereimt war es allemal doch, und damit Gedicht. Und auch wenn Sarah Kirsch nicht gerade zur hermetischen Dichtung gehört, 50.000 Auflage für „Katzenkopfpflaster“ war erheblich. Aber das ist lange her.

Gründe für die Randständigkeit des Gedichts gibt es viele, und noch mehr kann man dafür heranziehen. Zuletzt machte der französische Autor Jacques Roubaud noch den freien Vers für den Bedeutungsverlust der Lyrik verantwortlich und schloss zugleich Formen wie Hiphop, Poetry Slam oder Lautdichtung aus der Lyrik aus. Sie seien entweder kaum ernst zu nehmen oder eben das Tummelfeld verkrachter und unbegabter Lyriker, die hofften, in den Randbereichen der Dichtung und im Rampenlicht der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit und Reputation zu erhalten. Auch eine Möglichkeit, sich selbst wieder in den Mittelpunkt von Aufmerksamkeit zu katapultieren.

Die Klagen über die Marginalität der Lyrik korrespondieren mit dem Vermögen, sich ihrer kompetent annehmen zu können. Dabei geht es nicht einmal um die Fähigkeit, Auftakt-, Vers-, Reim- und Strophenformen erkennen zu können.
Kommt man mit Hebungen und Senkungen zurecht, erkennt man Paar- und Binnenreime und kann man Jambus von Trochäus unterscheiden, ist schon viel gewonnen – was nicht als Scherz gemeint ist. Im Vergleich zum formalen Wissen der alten Meister von Bertolt Brecht über Hans Magnus Enzensberger bis Sarah Kirsch – und Raoul Schrott steht ihnen anscheinend nicht viel nach - ist das vielleicht nicht unbedingt genügend, aber man muss mit dem haushalten, was man hat. Und Dichter schreiben eben nicht nur für diejenigen, die mit einem Lyrikhandbuch im Gepäck oder im Kopf verreisen, in dem man flugs Versmaß und Strophenform nachschlagen kann.

Das eigentliche Ärgernis liegt im Kern der Lyriklektüre, bei der Form und Inhalt gleichermaßen das Ziel sind und in der die Mühe des Verständnisses Teil der Freude, wenn nicht gar der Erkenntnislust ist. In einer Zeit, in der Schmöker nicht dick genug sein können, um erfolgreich zu sein, ist die Mühe für ein nicht einmal eine halbe Seite langes Gedicht oft schon zu viel. Und zwar aus gutem Grund: Denn die intensive Lektüre weniger Zeilen macht oft mehr Mühe als die Lektüre von hundert Seiten Unterhaltungsliteratur. Und auch wenn Lektüre allgemein vielleicht sogar an Umfang gewonnen hat, die intensive, zeitraubende Lektüre verstößt eklatant gegen die herrschende Zeitökonomie, was niemand wundern kann. Zumal am Ende noch nicht einmal so etwas wie ein halbwegs garantierter Gewinn steht.

Sich in solchen Zeiten mit dem Vermögen zu beschäftigen, das dazu dienen kann, ein Gedicht zu lesen, ja vielleicht gar zu genießen und zu verstehen, kann nur das Werk eines leidenschaftlichen Lyrikers sein, als den wir Raoul Schrott durchaus ansehen dürfen. Für seinen Co-Autor Arthur Jacosb ist es allerdings weniger die Lyrik als die Literatur überhaupt, die sein Interesse geweckt hat.

Und das führt denn auch schnell in den Kern der Erkenntnis, die dieses Buch auf vielen Seiten und in aller Gemütsruhe vorträgt: Literaturwahrnehmung und -erkenntnis ist eine Spezialform sprachlicher Erkenntnisverfahren. Sie setzt auf denselben Verfahren und Vermögen auf, die Sprache insgesamt verwendet. Sie ist physiologisch Teil der Hirnaktivitäten, die Sprache generieren und Sprache verwenden. Und sie ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit – wie es eben das elaborierte Sprachvermögen des Menschen insgesamt ist. Ein wenig verkürzt gesagt und deshalb – wie die Autoren wohl sagen würden – unzulässig heißt das, dass, wer sprechen und schreiben kann, auch Literatur verstehen kann, und am Ende auch Lyrik. Ein Ergebnis, dem man zustimmen kann, das aber vor der Mühe nicht schützt, die das dennoch macht.

Das Denkmuster der beiden Autoren, die sich am Ende auf wohlbekannte literaturwissenschaftliche Akteure wie Wolfgang Iser berufen, wird durch das fragile Verhältnis von Wort, Bedeutung und Referenz gebildet. Auch wenn über Referenzen außerhalb der Pragmatik wenig zu sagen ist, im Gesamtsystem sind sie ein unhintergehbarer Bestandteil des sprachlichen Systems. Das aber muss immer wieder aufs Neue Bedeutung zuweisen und damit generieren, weshalb der menschliche Intellekt mit gutem Recht als Bedeutung und Sinn generierende Institution beschrieben werden kann. Keine Frage also, dass ein literarisches Readymade wie: „Hämelerwald // Peine / Ilsede / Edemissen“ nicht nur als Hinweis auf eine Autobahnauffahrt gelesen werden kann, sondern auch als sprachlich verdichtete Beschreibung einer Verlusterfahrung. Man liest halt rein, was reinzulesen ist.

Allerdings ist Lyrik wie Literatur und Sprache für das Autorenduo nicht nur kognitiv zu lesen, sondern liegt auch auf einer anderen Ebene, die eben der Musik verwandt ist. Sprache hat abstrakte und kognitive Anteile, aber sie klingt eben auch, und gerade eben literarische Sprache funktioniert zu großen Teilen auch auf der Klangebene, wofür die Autoren genügend Beispiele vorführen können.

Auf dieser Ebene wird nachvollziehbar, weshalb etwa für einen Kurt Schwitters der Kunstcharakter der Literatur nicht im Sinn lag, sondern in der Struktur, und damit eben auf einer Ebene, die nach Klängen und ihrer Abfolge geordnet ist. So etwa Hugo Balls „Gadjero beri bimba“: „gadji beri bimba  glandridi laula Ionni cadori“ usw. Das klingt, vielleicht sogar schön, aber Bedeutung? Selbst das, wenn man will.

Besonders hervorzuheben ist freilich, dass das Autorenduo sich bei der Frage, wie Lyrik zu lesen und vielleicht sogar zu verstehen sei, sich von einem empathischen Lyriksinn lösen. Nicht das Unsagbare und Unerklärliche walte in der Lyrik und ihrer Erkenntnis, sondern ein Erkenntnisverfahren, das der Sprache insgesamt zueigen ist. Es gehe, soweit literarische Verfahren und Erkenntnisweisen in den Blick genommen würden, nicht um das Andere der Wahrnehmung oder gar der Analyse, sondern um allgemeine menschliche Modellbildungen, in denen Erkenntnis immer aufs Neue gebildet und Welt wahrgenommen werde. Das Literarische wird damit zu einem besonders komplexen Fall einer allgemeinen Wahrnehmung – was zwar im Einzelfall nicht wirklich hilft, aber die Verfahren, mit denen Lyrik aufgenommen und verarbeitet werden kann, doch ein bisschen erdet. Wofür zu danken ist.

Nochmal gewendet: Nichts gegen das Vermögen von Lyrikern, sprachlich verdichtete Bilder von Welt zu generieren – Schrotts kleine Hinleitung zu Goethes „Wanderers Nachtlied“ ist eine bewundernswerte und intelligente Übung – sie bleibt damit Teil menschlicher und damit sprachlicher Modulationsvermögens und nicht die Fähigkeit von Aliens mit menschlichem Antlitz. Den Rest wird man wohl üben müssen.

Raoul Schrott · Arthur Jacobs
Gehirn und Gedicht
Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren
Hanser
2011 · 528 Seiten · 29,90 Euro
ISBN:
978-3-446236561

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