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Kritik

Den Rachen hinauf in kosmische Zustände

Hamburg

Die auf Lauwärme abgekühlte Gesellschaft ist uns die Antwort darauf schuldig geblieben, was Semantik, also Sprache letztlich überhaupt ist; und in diesem Zustand eines dauernden viskösen Unbehagens haben wir uns eingerichtet, sind heimisch darin geworden. Angesichts dieses Wartens dürfen wir getrost erbrechen.

Das Feld ist die Sprache – das bespielte, das abgegrenzte, das magnetische, das von Furchen durchzogene, der Punkt, auf dem du stehst. Das Feld ist die Sprache, ein riesiges Netz, und alles fällt hindurch, nichts ist groß genug, um aufgefangen zu werden, kein Element, keine Theorie, keine Aussage, kein Moment.

So ließe sich, mehr schlicht und schlecht als recht, das Debüt von Raphaela Edelbauer ankündigen. Denn hier ist die Sprache die Protagonistin und gleichsam eine Kraft, die ungeheure Bündelungen zulässt, aber nur um frei und unbestimmt wieder aus ihnen hervorzubrechen. Sprache ist sinnstiftend, aber dieser Sinn muss in Irrsinn enden, denn Sprache bestimmt und prägt, läuft aber doch auf nichts hinaus. Man merkt es schon – der Rezensent schwadroniert, aber dies geschieht nur, weil er noch unter dem Bann des Buches steht.

In dem wird auf  großartige Weise eben dieses Schwadronieren betrieben, das sich schon in den ersten Sätzen aufschwingt, zum freien Radikal wird, aus einfachen Satzbrettern in Windeseile riesige, scientophile Verschläge zimmert, gerüstet gegen jegliche Theorie des Universums, die ohne Sprache auszukommen versucht.

Dieses Buch kann einem aufs Schönste den Kopf verdrehen – und hört auch nicht auf zu schrauben, bis man mindestens ein dutzend 360° Ansichten hinter sich hat und man sich nicht mehr sicher ist, ob man selbst sich noch dreht oder ob es die Welt ist, die ins Taumeln geraten ist – vielleicht schon immer getaumelt hat; man hielt das für eine nette, verlässliche Rotation. Weit gefehlt! Alle kreist um eine Leere, in die alles fällt und deren Anziehung bereits vorher verräterische Schatten wirft.

„Eine Poetik“ ist der Untertitel von Entdecker – 6 Kapitel plus vorgestellte Gebrauchsanweisung der Inhalt. In jedem Kapitel wird die Sprache mit einer anderen Kategorie wissenschaftlicher Darstellung und Dimension zusammengeführt: theoretische Physik, Anatomie, Kartographie, Mineralogie, Virologie und Aggregatzustand. Dies geschieht mit einer Virtuosität, bei der ich mich getraue zu sagen, dass sie ebenso haltlos wirkt wie sie schlüssig operiert. Sich in die Bezüge eingrabend, mit aller  Heftigkeit Sprache an das jeweilige Thema anschließend, betreibt dieses Buch in jedem dieser Abschnitte ein geradezu wahnwitziges Unterfangen, ein Expansion der Sprache auf alle Begrifflichkeiten des naturwissenschaftlichen Feldes, ein Einverleiben derselben. Die Sprache unterjocht sie, streckt sie, adaptiert sie, brilliert in ihnen.

Es bedarf manchmal eines ganzen Buches oder sogar Werkes, um einen Gedanken auszudrücken. „Sprache ist alles“ ist der Gedanke, der im Zentrum dieses Buch steht und mit aller Entschiedenheit umgesetzt wird. Weder als trockene Theorie, noch als simple Geschichte, sondern in hybrider Form, bei der sich die Sprache als Wucherung zeigt, die immer größere Teile der Schilderung befällt und sie zu einer Angelegenheit der Sprache macht, auf Sprache hinauslaufen lässt.

Man kann sich in diesem Buch vor der Sprache fürchten (den sie befällt den Körper, verändert die Wahrnehmung und das sind nur zwei von zahlreichen Nebeneffekten) und dennoch ist es auch eines dieser Bücher, dass einem so sehr die Möglichkeit sprachlicher Mimikry, sprachlicher Neuformierung, sprachlicher Kreation aufzeigen kann, sodass man sich wider der Vernunft in die Sprache vernarrt, wie in eine personne fatale.

Hier hat sich jemand aufgemacht, die Sprache wieder zu einer grassierenden, gravierenden Erfahrung zu machen. Und das nicht durch einfache Provokationen, sondern durch eine Mischung aus Intellektuellem, Existenziellem und einem großen Schuss unterhaltsamer Phantastik. Entdecker ist jene Art von Buch, die Kafka meinte, als er in einem Brief schrieb:

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, […] ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.”

Das glaube ich auch (und: ja, ich meine das ernst, ich zitiere Kafka nicht einfach so). Entdecker ist sicher kein komplett neuer Wurf, aber auf einer bestimmten Ebene ist das Buch durchaus revolutionär. Es nimmt seinen Ansatz, mit Sprache die Welt aus den Angeln zu heben, genauso Ernst wie Don Quijote den Kampf mit den Windmühlen; aber die zersetzende Wirkung, die die Sprache in diesem Werk dann tatsächlich entfaltet, lässt die Phantasmen darin wie glaubhafte Ambivalenzen innerhalb unseres Daseins wirken. Wenn man mit Sprache dorthin gelangen kann, wo 1+1 gleich 3 ergibt (z.B. weil die kosmische Verbindung zweier Dinge immer eine neue Instanz innerhalb der Verbindung erzeugt, die dazu addiert werden muss) und aus der Abstraktion der Schemata, die wir auf die Welt legen, lebendige Umwälzungen macht – was heißt hier „wenn“! Man kann. Raphaela Edelbauer hat es getan. Ganz gleich welcher Autor für tot erklärt wurde - die Autorin lebt. Und die Sprache auch und solange sie noch lebt ist sie ebenso (sogar im gleichen Maß) gefährlich wie sie schön ist.

Laufen Sie eine Runde um den Block, setzen Sie sich und ignorieren Sie ihren schweren Atem, legen Sie einen Finger unter Ihre Zunge und Sie spüren, wie darunter stumm der Text tobt, der seit Ihrer Geburt aus Ihrem Mund zu entkommen versucht.

Raphaela Edelbauer
Entdecker
Illustrationen von Simon Goritschnig
Klever Verlag
2017 · 176 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-903110-13-7

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