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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Diese melancholische Milch

Immer auf Augenhöhe des, und, so dürfen wir vermuten, schön gegen den Zeitgeist geschrieben, sind die Gedichte von René Hamann sprachlich absolut in der Gegenwart. Kein abgedroschenes oder verbrauchtes Bild, keine angekäste, romantisierende Metapher hat sich in die Texte geschlichen. Gleichzeitig sind die Gedichte weit entfernt von Alltagslyrik oder profanen Befindlichkeitszeugnissen. Sie erschließen sich erst nach und nach: Auf den ersten Blick gallige, glänzend auf der Rasierklinge zwischen Melancholie und dandyhafter Verachtung inszenierte Vivisektionen urbaner Oberflächen - dann wieder mitleidlos und gekonnt archivierte (deprimierende) Kindheitsumgebungen, aufgespießt wie vom Schmetterlingforscher, der bunte Dinger und graue Motten auf Nadeln befestigt...schneidend, mokant, dann wieder eher: Wütend, und dass sich die Lyrik von René Hamann trotz einer unmittelbaren Kraft und kalt einleuchtenden Bildhaftigkeit erst nach und nach entfaltet, liegt wohl auch an einer gewissen Scheu des Autors, dem Gefühl allzuviel Raum zu geben...das aber, mal zurückhaltender, mal deutlicher in den Texten nachzittert, meist jedoch gebremst und der kühlen und genauen Beobachtung unterworfen ist.

Die Gedichte beziehen ihre Spannung aus großer Empfindsamkeit einerseits und der unbarmherzigen Ausleuchtung und Ernüchterung andererseits. Bestenfalls - etwa bei „EINE FRAU IST EINE FRAU“ -  ist ein einziges Gedicht ein ganzer, wunderbar kurzer  "französischer film"

EINE FRAU IST EINE FRAU

ich bin nicht aus stein, sagte die kusine
und schlüpfte in den badeanzug, was
so gewitzt aussah und reif, das versprechen
hellbauen, chlorhaltigen wassers

als ihre postkarte kam, wusste ich,
dass ich mich richtig entschieden hatte

da schwamm sie, ein festes ziehen
durch blocklose bahnen, sauber und kalt
und am rand das lächeln des
nächstbesten handtuchhalters. ich

bin noch in jeden französischen film gerannt
aber nie stand ihr name im abspann.

Auch in anderen Texten wird die melancholische Empfindsamkeit einer Art kühlem Realitätsschock unterzogen-deutlich kommt diese Spannung in dem kurzen, programmatischen Text „KNICK DIE STIMME"  zum Ausdruck:

„ich bin ein monster“  hebt der erste Vers an. Es geht weiter:

„...ein monster, alles zerfressen, ich bin
gedehnte form, besorgter winkel, sehnsucht
und hartes fleisch. eine briefmarke, ein
gewickelter umschlag, situativ und verpackt
ein flatterwesen, ein kolibri, fledermaus
und speicherplatz, die hand auf der klinke
die sonne des magischen realismus
die innere botanik

wie gestern nacht, als wer anrief
um meinen namen zu hören“

...in den beiden Schlußversen knickt die Bilderkaskade plötzlich ernüchtert ab - im Wechsel zwischen „ich“ und „als wer anrief“ verlieren die Ausdrucksmöglichkeiten des "ich" plötzlich ihre ganze schöne, irisierende Dynamik - und reduzieren sich auf die bloße Namensnennung am Telefon. Immerhin - es ruft noch jemand an, um den Namen zu hören. In anderen Gedichten kommt es schlimmer. ...

„...schnitt ins innere: sanierungsmaßnahmen

im schlafzimmer, keine kriegserklärung
erfolgt, nichts steht in flammen
die hand aus der wiege verweist

nach draußen, aber die sonne geht
heute nicht auf: ins dunkle ende der individuation
fällt nur licht aus den leuchtreklamen“

Im Turbokapitalismus wird aus Nähe schnell Befall, aus Individuation manipulierte Lichtsuche, aus Erinnerung vorausgeahnte Enttäuschung. Die Texte fangen Kälte ein, leuchten sie aus,
verbieten sich Illusionen, und tröstliche Selbsttäuschung oder Selbstverhexung, lediglich manche Liebesgedichte (der Abschnitt heißt "DIE FAVORITINNEN") sind versöhnlicher. Ihre Kunst und Sprachgewalt sind bestechend. Am stärksten haben mich die Gedichte berührt, in denen ich Getroffenes, Aufgewühltes sehr nahe an Desillusionierung und glasklarer Reduktion gespürt habe: In den Gedichten der „NEUEN FLAKONS“ etwa, dem vielleicht politischsten der sechs Kapitel des Buches. dort vor allem in  „DAS ENDE DER ARBEIT“ - oder aber, später, in der „NEUEN BUCKOWER ELEGIEN“, die hier zum Abschluß, und als vielleicht beste Empfehlung für diesen schmalen, starken, sehr lesenwerten Gedichtband, wiedergegeben wird:

NEUE BUCKOWER ELEGIE

unter bäumen sprachlos zu sein
war kein trost. silberpappeln waren es
oder birken, keine ahnung

von botanik, die bäume standen still.
eine kluft zum atmen, die dämonen waren noch da
und ich trennte den engel auf, eine blutspur
zog sich um den see herum, das sterben
in den bäumen, die scharmützel, die bootsattrappen

im lokalfunk herrschte feuchtkaltes wetter
das ein bisschen auf die stimmung drückte.
die kehlen schwarz, die sätze klischiert

übereilter abmarsch, abgebrochene zelte
die ästhetische revolution war nicht länger haltbar

das distanzschwein winkte uns hämisch nach
in mesotrophie trennte ich den engel auf
in lungennähe, wo ich immer hinwollte
lagen die wolken im himmel wie flugzeugträger

René Hamann
berge und täler, davor männer und frauen
gutleut
2009 · 64 Seiten · 11,00 Euro
ISBN:
978-3-936826463

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