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Kritik

Haß, produktiv

Hamburg

Warum Karl Kraus lesen? Oder, noch unmittelbarer in Bezug aufs Verwerten: wozu? Schuberth hat ein exzellentes Buch geschrieben, das diese Antwort unmittelbar nicht beantwortet. „Wie ließe sich […] Kraus” irgendeinem – am vielleicht sympathischsten „einem zeitgenössischen linken” – „Denken dienstbar machen? – Antwort: Gar nicht!”

Dies allerdings, weil ein Denken sich nicht etwas dienstbar macht, schon gar nicht ein – anderes? – Denken, vielmehr, so Schuberth nicht pathosfrei, aber treffend: „Wörter und Sätze aus der Sklaverei von Phrase, Floskel und Jargon befreit.” Damit vielleicht das Denken; und damit vielleicht auch Menschen – die Menschen – die Menschheit..? Und schon wäre es Floskel.

Denken ist Verstörung durch seine Freiheit und die Unentrinnbarkeit derselben, sich, wo eine These zugelassen wurde, eine Floskel unterlief, nicht mehr leicht in dem zu entgehen, was eine kleine Konzession schien. Darum Kraus’ fast manisches Klagen von Satzzeichen, als man ihn falsch zitierte – manisch jedenfalls aus Sicht der Beklagten, die wiederum er zitiert:

„Er berichtigt – aber was berichtigt er? Er berichtigt (wir bringen die Berichtigung absichtlich nicht im Wortlaut, weil wir K. das Recht nicht nehmen wollen, sich durch einen Prozeß gegen uns noch mehr zu blamieren) ein Satzzeichen! Ja, ja: eine Interpunktion, ein Komma, nichts mehr.”

Böser, nochmals von den Beklagten, wiederum in Kraus’ Fackel:

„Karl Kraus, der – wie unsere Leser wissen – zu einem Kampf gegen die faschistische Barbarei keine Zeit hat, weil er mit Aufgebot all seiner Kraft Preßprozesse um Satzzeichen führt”…

Das (leider bei Schuberth nicht zu finden) sagt soviel über Kraus, wie 20 Seiten mancher Studie, allerdings: jene Schuberths ausgenommen sei, der jedenfalls treffsicher sich am Arsenal Kraus’ abarbeitet, manchmal kitschig, manchmal zwänglerisch, aber, und das überbietet vieles in der Sekundärliteratur um Längen, zuweilen wie Kraus, vor allem, wo er diesem Unrecht nachweist, bei Heine etwa von der Kraus-Lektüre auch einmal rechtens abrät. Wegen des Hasses darin? Nein, wegen der Unproduktivität desselben in manchen Invektiven Kraus’. Schuberth mit Kraus: „Haß muß produktiv machen. Sonst ist es gleich gescheiter, zu lieben.”

Eine empfehlenswerte Lektüre kurzum, liebevoll manchmal, böse auf produktive Weise nicht minder. Was noch fehlte? Ein Aufsatz zu „Bumsti” – bei Kraus und in der Gegenwart, da der österreichische Populist Strache diesen Namen unter jenen hat, die womöglich wissen, wer und was er ist.

Richard Schuberth
Karl Kraus | 30 und drei Anstiftungen
Nachwort von Thomas Rothschild
Klever Verlag
2016 · 250 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-903110-11-3

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