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Kritik

Viele verschiedene "konzepte"

Zeitschrift konzepte #35
Hamburg

I – Ein Buch muss das gefrorene Meer sein, für die nutzlosen Schlittschuhe in uns

Nico Bleutges Gefühl für Sprache ist immer wieder überwältigend, ebenso sein Wortschatzzücken, das Verknüpfen von Klangschopf und Tiefenschärfe in jedem Takt. Hat ein Bleutge-Gedicht einmal angefangen, bewegt es sich so selbstverständlich dahin, fließt als genaue Beschreibung durch die Bahnen des Kopfes, der keine Namen für dieses Genaue hat und so von jedem Wort neu erhellt wird. Einige Verse in den drei Gedichten von „jodwasser“ sind eine fast zu zart-gestochene Angelegenheit, aber das sei nur der Vollständigkeit halber gesagt.

und du erkennst den Tag am Stand der Bäume

Die vier Gedichte von Tom Schulz halten sich über Wasser mit Worten, die man als poetischen Versuch sogleich erahnt und hinter denen Sinn singen mag, wenn man nur ganz genau hinhört und sich einen Reim auf die Art machen kann, wie sie klingen. Sie sind ein gut gebauter Sing-Sang, der aber keine Höhepunkt oder Fluchtpunkte hat; Verdichtung ohne Ausbruch also, ohne höhere Lagen, zumindest solche, die ich erreichen kann.

„Trabant“ von Gabriele Frings, anfänglich eine Häufung von Beschreibungen, klangvoll wie konturstark, schöne Balance, gegen Ende willkürlicher und etwas zu gestopft, aber ein interessantes Gedicht. Noch stimmiger allerdings das zweite, die Betrachtung von einem Gemälde, das sich in die Bilderwelt der eigenen Kindheit hineinschiebt.

Es gibt dezente Schönheit, opulente und fragile. Manche Dichtungen bewegen sich zwischen allen dreien. Aus Jürgen Brôcans „der Hauch von dem ich lebe“:

Ungestillt die
Zeit, ihr stirnpressendes Verlangen.
Mein Kopf schwimmt durch die Wiese
gleich einer saumseligen Kogge,
nichts an Bord als Schöpfungsschauder.

Poetische Wendungen, manövrierend an der Grenze, hinter der die Tiefe des Bildes in sich selbst stürzen würde. Das erstaunliche an Brôcans Worten ist für mich, dass sie nicht korrumpiert erscheinen, seine Sprache nicht unglaubwürdig wird, in der Art wie sie Erkenntnis und Eindruck erzeugt und aufzeichnet, sondern, im Gegenteil, mit all ihren ruhenden, sinnlichen Aspekten, eine Wahrheit im eigenen Rahmen werden. Die Details formen die Kraft, und diese Kraft ist geschwungen und nicht hart.

II – Gemeinhin, aber Wirklichkeit

Gedichte von Hellmuth Opitz lese ich sehr gern, weil er fast jedes Mal eine anschauliche und direkte Sprache findet, um mit Lyrik Erfahrungen – keine Beobachtungen – abzubilden, nachzubauen. Und erst beim zweiten oder dritten Lesen bemerke ich dann, wie lebensnotwendig Erkenntnisse aus Opitz-Gedichten sind, weil darin Wirklichkeit gut aufgehoben, gut angebracht ist, und bewahrt wird. Momente von Bedeutung, unwillkürlich, gewöhnlich, der Erinnerung entnommen, bleiben in Opitz sprachlicher Ausformung: Momente von Bedeutung.

Die schönste Eigenschaft von Ludwig Steinherrs Gedichten ist ihre Ehrlichkeit, wie sie dann und wann eine poetische Verdichtung ermöglicht. Jedes seiner vier Gedichte ist wegen seiner Wurzeln aus Wirklichkeit lesenswert.

Thomas Langs Gedicht „licht blick dicht“ beginnt:

in einem Wagen voll schlafender Frauen
gibt es so schöne Frauen anzuschauen

und breitet die Atmosphäre weiter aus, schwelgend, aber auch fein. Und genau im selben Maß wie das Gedicht problematisch ist, ist es auch reizvoll, sinnlich, aufregend, aufrichtig, zärtlich und, ja – schön.

Karin Fellners Böhmerwalddurchtränkungen, die manchmal Walddurchsäuselungen sind, einem innerhalb ihrer Blockform Sätze wie Äste ins Gesicht schlagen, Wege einschlagen, die nirgendwo hinführen, dann wieder kräftig den Wald in die Lungen der Bilder treiben – es gelingt dem Leser nur selten, den Wald wirklich zu sehen: er wird ausgeschöpft und über die Hände der Augen gegossen, die nichts greifen können, nur eine Schicht von Nässe bleibt zurück.

In die Sinnlichkeit oder den psychologischen Kosmos von Ulrike Draesners Nibelungenlied-Bearbeitung kann ich nicht wirklich hineinfinden. Die roten Fäden fragmentieren sich zu wiederholten Anwandlungen, die gereichten Bedeutsamkeiten bleiben schwarzer Nebel. Es gibt schöne Stellen, aber mir kann weder die Sprache, noch die Rede von etwas darin, wirklich eine Vorstellung geben, mit der ich mich aus den Worten in den Eindruck schälen könnte.

III – Klischeekalt oder lebenswarm?

Nirgendwo hinkommend und doch irgendwie verortet – bei den neun Gedichten des Zyklus „grenzzeitland“ von Axel Görlach bin ich mir unsicher, was ich von ihnen halten soll. Sie sind angelegt als Ruinen, als Seismographen, die letzte Ausschläge im Verlassenen aufzeichnen. Ihre Bilderwelt ist stark, aber ist es nicht nur ein Spiel mit einfachen Schemen und einer von Anfang nicht aufgestellten Konkretion, das in diesen Ruinen und Bilderwelten gespielt wird?

Jörn Birkholz Erzählung „Eschenbach“ kann man in einem Satz zusammenfassen: Heuchelei und Loser sind immer noch passable Motive für Geschichten aus dem Büro.

Wer hat sich nicht schon mal eine Einführung in die Relativitätstheorie gewünscht? In Pippa Goldschmidts gleichnamigem Text werden die klammen Erklärungsstufen sogar durch Sex und kleine Beispiel-Geschichten à la „Bob steht am Bahnsteig, Alice sitzt im Zug“ aufgewertet. Mit all diesen Reizen entkommt der Text dennoch nicht seiner Klischeeanlage und will das vielleicht auch gar nicht.

Was als Familiengeschichte oder zumindest –anekdote beginnt, wird grotesk, aber nicht wirklich grotesk, wird komisch, aber nicht wirklich komisch. Robert Baloghs Erzählung über seinen Urgroßvater, dessen Mantel aus dem ersten Weltkrieg und die nächtlichen Fresseskapaden des Großvatergeistes, fehlt es nicht an interessanten Gestaltungsansätzen, aber doch an Gestaltung und irgendeiner Art von Erzählbogen.

Erec Schumachers Text endet mit

Ich will eine Botschaft

und versucht permanent die richtige Belichtung für seine Bilder zu finden. Manchmal sprüht Tirade, manchmal wird verdichtet und gesucht; die „Irakische Botschaft“ des Titels verschwindet hinter vielen kleinen sinnlichen Aufgeboten. Insgesamt ein Text, dessen Dringlichkeit man wie winzige Spritzer heißen Öls auf dem lesenden Auge spüren kann, ohne ganz hinter oder in den Blickwinkel der erzählenden Stimme zu kommen.

IV – Schwimmen ohne wie Eis zu klacken

Arbeitslosigkeit ist ein nicht selten aufgeworfenes Wort, aber ein wenig behandeltes Sujet. Meistens taucht es in literarischen Texten nur kurz als Adjektiv auf, als sei damit schon alles gesagt. Karsten Redmanns „Ein neuer Tag, kein neues Leben“ ist jetzt nicht die beste und stimmigste Auseinandersetzung mit dem Thema, versucht aber eben auch nicht zu viel unterzubringen und beschäftigt sich hauptsächlich mit der verschwundenen Perspektive, der Entfernung zur gesellschaftsbelebten Welt und dem Entwurf von Dasein als Streben-nach-etwas.

José F. A. Olivers etwas zerfranster Essay über Heimat, den Tod des Vaters, Garcia Lorca und andalusische Gedanken ist an keiner Stelle langweilig, bewegt sich genauso wie man es von einem Essay, einem Versuch, erwartet. Anmerken ließe sich nur, dass ein wenig mehr Struktur dem Text dennoch gut getan hätte.

Die Analyse von Lutz Seilers Roman „Kruso“, die Achim Sauerland unakademisch-schön und schlüssig gelungen ist, hat mich überzeugt, in allen Punkten. Und vielleicht werde ich das Buch sogar doch noch zu Ende lesen.

Reinhart Mlineritschs fotographische Arbeiten, die die ganze Zeit den Band begleiten, gewinnen noch einmal durch das Gespräch mit ihm und auf der Suche nach schwarzem Eis und Ruinen schlägt man noch einmal alle Bilder auf.

Am Ende des Bandes folgen noch kurze Rezensionen zu Büchern von Matthias Kehle, Alex Capus, Zora del Buono und Michael Krüger.

 

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Konzepte #35
Übersetzung:
Zoe Beck und Julia Schiff
Bundesverband Junger Autoren
2016 · 167 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
ISSN 0179-0676

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