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Kritik

Die Verdienste eines Schwulen um das Empire.

Robert Deutsch erzählt in einer surrealistischen graphic novel vom Leben und Leiden Aln Turings, der 1942 England rettete.
Hamburg

Zehn Jahre vorher hat er England vor den Nazis gerettet, er und ein Häuflein anderer Menschen. In Bletchley Park saßen sie zusammen und haben fieberhaft versucht, den Code der Deutschen, mit dem ihre U-Boote untereinander und mit dem Hauptquartier kommunizierten, zu knacken. Hunderte von Schiffen versenkten die Deutschen während des Kriegs, und es war zu befürchten, dass sie England vom lebenswichtigen Nachschub aus den Kolonien abschnitten. Sie benutzten "Enigma", eine sehr komplizierte Codierungsmaschine: "Die Verschlüsselung findet durch ein recht kompliziertes System statt: In jeder Walze sind nicht die sich gegenüberliegenden Ein- und Ausgangskontakte miteinander galvanisch verbunden, sondern sie sind nach einem bestimmten System gegeneinander verschränkt. Die Steckanordnung auf dem Steckbrett wird variiert, bei jedem Tastendruck werden die Walzen nach einem bestimmten System um eine Stelle weitergedreht. Aus einem Satz von fünf werden jeweils drei ausgewählt und in jeweils neu festgelegter Reihenfolge eingesetzt. Auch die Anfangseinstellung der Walzen wird immer neu festgelegt, an jeder einzelnen Walze wird ein Einstellring justiert. Die Deutschen wechselten alle acht Stunden die verschiedenen Einstellungen." Sehr lange arbeiteten eine Frau und sechs Männer in Baracke 8 zusammen, um die Enigma zu entschlüsseln. Und mit einer "intelligenten kryptoanalytischen Angriffsmethode - der Turing-Welchmann-Bombe" gelang es ihnen dann auch.

Das alles erzählt 1952 einer, der dabei war, einer der führenden Köpfe: Alan Turing. Kurz zuvor war bei ihm zu Hause und in der Universität eingebrochen worden, er ahnte, dass der Täter ein Freund seines damaligen Liebhabers Arnold Murray war, und er ging zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Dabei verriet er, dass er eine Affäre mit Arnold hatte: "Wir haben dreimal miteinander geschlafen." Das aber war damals strafbar, nach dem Paragraph 11 Criminal Law Amendment Act von 1885, wie der Polizist ausführte: "Wir können nicht zulassen, dass solche Verhaltensweisen die Moral unserer Gesellschaft untergraben. Eine solch perverse Entgleisung wird nicht akzeptiert." Und er verweist auf 1942, "als wir unsere Gebiete gegen die Nazis verteidigen und die Moral aufrechterhalten mussten." Da reichte es Turing: "Ich habe sehr viel für das Empire getan!" Und verrät Dinge, die niemand wissen durfte.

Eine neue graphic novel, das Debütalbum des Illustratoren und Kommunikationsdesigners Robert Deutsch erzählt von seinem Fall, denn zu einem solchen wird der Retter der Nation. Nicht mehr der Einbruch zählt oder sein Einsatz für England, sondern dass er gegen ein Gesetz von 1885 verstoßen hat, das Homosexualität verbietet. Sein wahres Pech aber ist, dass er naiv ist. Schon vorher hat er einer Reporterin der Times Staatsgeheimnisse verraten, seine Arbeit an intelligenten Maschinen und Kryptoanalysen. Da er überwacht und abgehört wird, werden seine Ausführungen unterbrochen: "Sowas. Seltsam", sagt er noch, bevor er die Reporterin hinausbegleitet. Einen Tag später ist sie tot, bei einem "Autounfall" ums Leben gekommen. Man sieht aber in der graphic novel, dass der Geheimdienst sie rammt und von der Straße in einen Abgrund schiebt - es war Mord. "Unfassbar", meint Turing, der es in der Zeitung liest und weiter blättert.

Sehr grob und flach hat Deutsch seine Zeichnungen gestaltet, wie einen schlechteren Kindercomic fast, manchmal wie ein Wimmelbuch, mit offenen Häusern und verzerrten Gestalten. Dabei ist seine Konstruktion sehr fein, seine surrealen Einsprengsel geben dem Band einen sehr düsteren Charakter - von Anfang an, das von Turings Ende, seinem Selbstmord erzählt, wo schon Schneewittchen aus dem berühmten Disneyfilm von 1937 zu sehen ist: Auch sie aß einen vergifteten Apfel und starb. Turing war so faszinert von dieser Geschichte, dass er die berühmten Zeilen der Stiefmutter immer wieder sang: "Dip the apple in the brew / Let the sleeping death seep through." Und so fühlte er sich auch wie Schneewittchen: War von den Eltern verstoßen worden, zu Pflegeeltern und in Internate abgeschoben, lebte ein geheimes Leben, in Bletchley-Park und als Homosexueller.

Deutsch zeigt in groben Bildern Turings Liebesleben und vor allem die körperlichen Entstellungen, die er durchlitt, als er sich nach dem verlorenen Prozess gegen ihn einer Hormontherapie unterziehen musste, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Immer wieder weicht Deutsch auch vom linearen Erzählen ab, zeigt in psychedelischen Farben und Formen Turings inneres Chaos, seine Tagträume von intelligenten Maschinen, die sich dann verselbständigen, oder seine Zwiegespräche mit der abwesenden Mutter, wo sich die Farben langsam beruhigen, bis sie zu gelbschwarzen Gefängniskluftstreifen werden, die man in Turings Augen sieht und als Muster an den Praxiswänden seines Psychiaters.

Deutschs Anspielungen auf die Märchenzwerge, die das ganze Buch durchziehen, und seine surrealistischen Traum- und Phantasiesequenzen, seine lehrbuchartigen Illustrationen, mit denen er die technischen und theoretischen Details erklärt, machen aus dem vordergründig so grob gezeichneten Buch eine hochspannende Erzählung auf mehreren Ebenen, eine Mischung aus verschiedenen Genres, Spionage, Geheimdienst, Schwulenerzählung, politische und soziale Aufklärung. Von den Männern, die damals nach diesem antiquierten Gesetz verurteilt wurde, ist nur einer rehabilitiert worden: Alan Turing. Wegen seiner Verdienste um das Empire. Genützt hat es ihm nichts. Mit nur 42 Jahren brachte er sich um.

Robert Deutsch
Turing
avant-verlag
2017 · 192 Seiten · 29,95 Euro
ISBN:
978-3-945034-55-2

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