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Kritik

Europa – eine Idee, ein Schlachtfeld, ein Raum, eine Hoffnung, eine Zerrissenheit

Ein wichtiges Heft zur europäischen Befindlichkeit und Lage
Hamburg

Wir erleben jetzt und in nächster Zukunft den Entscheidungskampf zwischen einem geeinten, brüderlichen Europa und einem Europa eigensinniger Nationen.

Dies schrieb (so auch zitiert im Vorwort dieser Ausgabe der Zeitschrift Akzente) Stefan Zweig im Jahre 1913, kurz bevor eigensinnige Nationen Europa in Schutt und Asche legten und 20 Jahre darauf der europäischen, kosmopolitischen Idee fast den Garaus machten. Doch die europäische Idee kehrte zurück – eine Zeit lang, allerdings schnell korrumpiert durch wirtschaftliche Interessen, Lobbyismus  und damit einhergehende ungleiche Verteilungen des Wohlstandes. Heute scheint Stefan Zweigs Entscheidungskampf erneut anzustehen.

Es ist eine interessante und wichtige Frage, wie sich Europa heute denken lässt, was darunter verstanden werden kann. Die Akzente haben einige Schriftsteller*innen und ihre Texte versammelt, die diese Gedanken evozieren.

Es beginnt schon mal bitter. Denn das, was Elfriede Jelinek in ihrem kurzen Text „Europas Wehr“ alles zusammenwirft, mag oftmals in intelligenten Analogien enden, entbehrt aber größtenteils einer zielgerichteten Aussage. Die muss ein literarischer Text auch nicht haben, wohl wahr. Doch gerade die Bitternis und die Dringlichkeit, die sie ihrer Bearbeitung des Europa-Mythos (das junge schöne Mädchen wird von Zeus geraubt, heutzutage schlicht bestellt) angedeihen lässt, wollen nicht immer ganz zu der assoziativen Textspannweite passen, so kommt mir das vor. Das Fordernde, ja fast schon Anklagende, das in dem Text mitschwingt – es will vielfältig sein, nicht eindimensional, verzettelt sich aber dementsprechend hier und da.

Mit einem wunderbaren Gespür für Atmosphären beschreibt der bulgarische Schriftsteller Alek Popov (übersetzt von Alexander Sitzmann) die Sehnsüchte zweiter Männer, die an den entgegengesetzten Ufern des Schwarzen Meeres zum Sonnenauf- bzw. Sonnenuntergang am Strand sitzen und in ihren Gedanken eben diesen Sehnsüchten nachhängen. Während sich die Fantasien des Bulgaren in den Weiten der glorreichen Vergangenheit verlieren, einer Zeit als es noch Großbulgarien gab, träumt der Georgier auf der anderen Seite – der sich mit der Abgeschnittenheit seines kleines Landes vom Rest der Welt konfrontiert sieht – davon, ein Kosmopolit zu sein und die europäische Kulturlandschaft zu erkunden. Durch ein scheinbar einfaches Gleichnis gelingt Popov ein Einblick in die teilweise widersinnigen Versuche, an Europa zu denken oder in Nationen zu denken, nach Glorie zu eifern oder nach Weltbürgertum. Beiden Sichtweisen ist die traurige Note gemein, ein gewisses Kopfschütteln stimmt ein, aber auch ein gewisses Nicken. Herausgekommen ist ein Text, der das Denken mit seinem schlichten Narrativ für Wirklichkeiten hinter den Horizont öffnet.

Der Vorteil einer Geschichte ist, dass sie keine Wertungen enthalten muss, sie kann von ihrer Zwiespältigkeit leben. Auch die Wirklichkeit ist ja keine in klaren Grenzen beschiedene Angelegenheit, auch wenn das immer wieder propagiert wird von Leuten, die gerne Grenzen ziehen, um etwas hervorzuheben oder etwas Anderes auszuschließen. Die Literatur kann und muss über Grenzen hinweggehen.

In Dana Grigoceras Lebensgeschichte einer rumänischen Dichterin gibt es so manchen Zwiespalt, so manche Bodenwelle. Im Zentrum steht die Bewunderung für diese Frau, die sich dem kommunistischen Regime geradezu fröhlich widersetzt und mit großer Leidenschaft ihre Lyrik schreibt und ihre Freiheit lebt (und umgekehrt). Auch nach der Wende ist ihre Lebensgeschichte immer wieder mit der Geschichte Rumäniens verknüpft, bis hin zur Flüchtlingskrise, in der sie fragwürdige Positionen bezieht. Das Beispiel ihrer Lebensgeschichte ist auch ein Kapitel Europas und seiner Umbrüche in den letzten 20 Jahren und zeigt gegen Ende hin, dass es schwierige, verworrene Zeiten sind, in denen wir uns befinden; in denen es immer schwerer wird, eine richtige Haltung einzunehmen, Worte zu finden, die man den Umbrüchen in Europa entgegenstellen kann.

Schon lange bevor geflüchtete Personen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern ins Zentrum von Europa strebten, war die Grenze zwischen Ungarn und Österreich ein Übergang, den viele Menschen illegal überquerten – Bewohner*innen der Staaten des Warschauer Paktes, die sich im Westen eine bessere Zukunft erhofften. In György Dragománs Erzählung „Bärenfett“ hat der Sohn das Familiengeschäft seines Vaters übernommen und schleust mit der über Jahrzehnte perfektionierten Technik des Vaters wiederum Leute über diese Grenze. Allerdings haben seine Methoden etwas nahezu Wahnwitziges an sich und bieten Einblick in die verstörende und erniedrigende Wirklichkeit dieses Vorgangs – möglicherweise stellt die Erzählung das Ganze noch nicht mal so überzogen dar. (Übersetzt wurde der Text von Agnes Relle.)

Ein Dichter, den ich sehr schätze und nur jedem ans Herzen legen kann (vor kurzem ist bei Suhrkamp eine Ausgabe seiner gesammelten Gedichte erschienen): Zbigniew Herbert, ein polnischer Lyriker, der in seinen Gedichten u.a. immer wieder die Untiefen seines Jahrhunderts ausgelotet hat. Das in den Akzenten abgedruckte Werk „Aus einer ungeschriebenen Chronik der Träume“ setzt sich mit dem Täter-Opfer-Verhältnis auseinander, wie es historisch oftmals unverarbeitet und ungesühnt bleibt und stellt die Nachwirkungen gegeneinander.

die Glocke der Erinnerung weckt nicht Gespenster oder Albe
die Glocke der Erinnerung wiederholt die große Vergebung

[…]

die Glocke der Erinnerung wiederholt das große Entsetzen
die Glocke der Erinnerung schlägt unverändert Alarm

Babelsprech.org, ein Netzwerk (und eine Veranstaltungsreihe, sowie eine Plattform) für junge deutschsprachige Lyrik, ist mit neun verschiedenen Dichter*innen vertreten.

Den Anfang macht Moritz Gause, mit einem Gedicht, das man wohl zornig nennen darf. Zornig, mit einigen schnellen Brüchen und starken Bildern, Implosionen der Wirklichkeit und Ausbrüchen der Wehmut. Eine Sehnsucht ist darin, bäumend und klamm, der Wind möge wieder über friedlichere Ebenen wehen, statt sich an Wolkenkratzern zu brechen und Plastiktütenmüll zu bauschen.

Ich hab keine Ahnung wohin das nächste Gedicht von Wiebke Zollmann zielt, ich kann mir weder seine Grobheit, noch seine Schlagrichtung erklären. Christoph Szalays graphische Arbeit „der Geist der Verhandlung“ ist ein nettes, kleines Aperçu, ein gelungener, erhobener Mittelfinger in Richtung der obligatorischen Statements. Großartig ist dann das Gedicht von Lea Schneider, in dem man irgendwann die Lähmung der derzeitigen Problemversessen-/vergessenheit mit jedem noch so flüchtigen Gedanken, jedem kleinen Manöver streift.

Das Gedicht von Tobias Roth endet mit den unheilvollen Zeilen:

Ich werde eine Reihe Triumphe erfinden,
Die sich gegenseitig auslöschen, gipfelnd

eine Ankündigung, die mit dem Finger die nicht mehr ganz so stumpfen Kanten der Nationalstaaten abfährt.

Nach wunderbaren Verdichtungen von Ianina Ilitcheva – über Reisen, Sprache und Orte und Fremdkörper – kommt ein Listengedicht von Pablo Haller, das gekonnt und intelligent die Waage hält zwischen Offensichtlichem und Subtilem. Den Schlusspunkt setzt das filigranste Gedicht der Reihe, von Alke Stachler, dem (von meiner Warte aus) nicht ganz beizukommen ist. Aber dennoch injizieren ihre Verse poetische Ereignistropfen, Verdichtungen von Wahrnehmung.

Nicoleta Esinencus Langgedicht „Hotel Europa“ (übersetzt von Georg Aescht), ebenso sehr Anklage wie Denkprozess, setzt sich wiederum mit den Verhältnissen in zwei osteuropäischen Ländern auseinander: dem eher unbekannten Moldau und dem undurchsichtigen Weißrussland, welches ja dadurch Schlagzeilen machte, dass es öfters als „vergessene Diktatur Europas“ (u.a. ZEIT Online, 26.07.2012) bezeichnet wurde. Eingeklemmt zwischen dem lockenden Kapital im Westen und der Abhängigkeit gegenüber Russland im Osten, ist dieses Land in den heutigen angespannten Zeiten wahrlich nicht zu beneiden, seine Bevölkerung allerdings noch weniger, den sie ist einigen Repressionen ausgesetzt und die klinische Atmosphäre in der Hauptstadt Minsk, die Esinencu in ihrem Gedicht beschreibt, trägt das Wasserzeichen einer restriktiven Gesellschaft. Aber was ist die Alternative? Wieso sollten sich die Weißrussen um Europa scheren, wo der Westen doch hauptsächlich in Form einer zerstörerischen Globalisierung in Erscheinung tritt? Esinencu trägt keine Schwarz- und Weißtöne auf, aber ihr Gedicht spielt einige Frage und Antwortspiele durch und schafft es, einen Eindruck von den Geisteshaltungen in diesen beiden Ländern zu vermitteln.

Es gibt keine nationalen Interessen, es gibt menschliche Interessen, und diese sind in Alentejo keine anderen als in Hessen oder auf dem Peleponnes.

Es hat etwas von Luftschlössern, was Robert Menasse und Ulrike Guérot in ihrem Manifest für eine europäische Republik alles fordern, aber diese Luftschlösser sind nicht bloß aus heißer Luft gebaut. Eh man sich versieht, haben die beiden Autor*innen auch schon den Finger auf einige zentrale Widersprüche in der derzeitigen Ordnung von Europa gelegt: ist Europa nicht derzeit ein halbgares Projekt? Eine Währungsunion, die gleichzeitig aus Nationalstaaten besteht, wie soll das funktionieren?

Was wir heute Krise nennen, ist dieser Widerspruch, und was wir diskutieren, sind nur dessen Symptome.

Dagegen wehrt sich der Text mit Nägeln mit Köpfen. Eine gehörige Portion Utopie schwingt, wie gesagt, mit, aber gerade bei den kritischen Stellen ist man immer wieder verblüfft, wie sinnlos sich die derzeitige europapolitische Organisation ausnimmt und wie phänomenal das zu-Ende-Denken ihrer ursprünglichen Idee sein könnte. Träumer braucht es, Idealismus, Kreativität – ein paar weniger Pragmatiker und ein bisschen mehr Besinnung auf die Vision hinter der EU und die Handlungen, die ihre Erfüllung bedingen könnten.

Ein Text der Mut macht. Denn eins ist klar:

Vereinigte Staaten – das ist politisch retro. EU – das ist die Avantgarde!

Bilder, Graphiken – seit der Erfindung des Internets ist ihnen eine besonders hohe Verbreitung zuteil geworden. Eine zu hohe, könnte man sagen, denn mittlerweile geht vielen Bildern während dieses Prozesses die Identität verloren, sie werden ihrer ursprünglichen Kontexte enthoben und in den Strömen des Internets zu Sinnbildern und Symbolen ausgewaschen. Eine ebensolche Aushöhlung erforscht Charles Heller in seinem Text „von reisenden Menschen und Bildern“ (übersetzt von Susanne Hornfeck). Mithilfe eines einfachen Experiments zeigt er, dass das Bild eines Flüchtlingsbootes, das bei verschiedenen Gelegenheiten und Artikeln im Internet auftaucht, nicht mehr an den tatsächlichen Moment seiner Entstehung gekoppelt ist, sondern, in einer Schleife gefangen, immer wieder reproduziert wird und dadurch ein Bild, ein Image in den Köpfen der Leute verfestigt.

Ebenso lesenswert ist der Text des polnischen Dichters und Essayisten Adam Zagajewski (übersetzt von Renate Schmidgall). Zagajewski setzt sich darin mit der Lage in seinem Heimatland Polen auseinander und, davon ausgehend, auch mit der übergreifenden Frage nach den Motiven für Traditionsbewusstsein und Skepsis gegenüber den Erscheinungen einer technisierten und globalisierten Moderne einerseits und den wegweisenden Anstößen für Neuerungen andererseits. Ein Krieg der Ideen (und insofern eigentlich harmlos) an dem schon viele Intellektuelle und Künstler teilgenommen haben. Zagajewski macht klar, wie verheerend es wäre (und ist und war), wenn plötzlich der Staat an diesem Krieg teilnehmen würde – was derzeit einige Nationalstaaten wieder in Erwägung zu ziehen scheinen oder bereits tun.

Es kann einem schon gewaltig imponieren, wie Robert Menasse – diesmal solo – mit einem unverbesserlichen Selbstbewusstsein in seinen essayistischen Texten zu Werke geht. Es geht um den eindimensionalen vs. den universalen Europäer, um eine erneute Bekräftigung der Idee vom Verschwinden der Nationalstaaten und der Notwendigkeit einer übergreifenden europäischen Staatengemeinschaft. Menasse geht sehr bestimmt, kompromisslos und ausführlich vor und knockt mit seinen schlagfertigen Argumenten so manche Chimäre aus und bringt so manchen Seitenhieb unter. Es ist ein großartiger Text und kaum ist man am Ende angekommen, beginnt man gleich noch einmal zu lesen, um die zentralen Argumentationsweisen und Ideen zu durchdenken und zu verinnerlichen.

Auch Chantal Mouffe bringt einen Aspekt der gegenwärtigen Probleme in ihrem (von Andreas Wirthenson übersetzten) Text „für einen europäischen Linkspopulismus“ auf den Punkt:

Die EU besteht gegenwärtig aus Konsumenten, nicht aus Bürgern. Sie wurde hautsächlich um einen gemeinsamen Markt herum konstruiert und hat nie wirklich einen europäischen Gemeinwillen geschaffen. […] Wir müssen der Ansicht entgegentreten, die gegenwärtige Krise seine Krise des europäischen Prinzips als solchem. Es ist eine Krise seiner neoliberalen Inkarnation, und deshalb können die gegenwärtigen Versuche, die Krise durch noch mehr neoliberale Politik zu lösen, keinen Erfolg haben.

Der Titel lässt Schlimmes, Eindimensionales befürchten, aber dahinter verbirgt sich eine sehr gute Auseinandersetzung mit dem Vertrauensverlust in die etablierten Parteien und ihre designierten Lösungen, die längst nicht mehr das Lösende sind, sondern Teil des Problems oder sogar das Problem selbst. Die Alternativlosigkeit, die sich mittlerweile den meisten europäischen Wählern im Spektrum ihrer Parteienlandschaft darbietet – weil sich die rechte und linke Mitte immer weiter angeglichen haben – und das daraus resultierende Erstarken rechter Parteien, die sich scheinheilig als Alternativen präsentieren können, all dies bringt Mouffe in ihrem kurzen Text zu der Überzeugung, dass es vor allem eines braucht: mehr Diversität, mehr Repräsentation. Nur so können neue Modelle für die Zukunft entstehen. 

Lily Brett erzählt ihre Lebensgeschichte. Es ist eine jüdische Geschichte nach 1945 – aber auch eine europäische Geschichte. Eine Geschichte, die auf sehr leise Art und Weise von dem spricht, was Europa auch ist: nicht nur ein Kontinent, ein Kulturraum, sondern eine besondere Erfahrung. Eine Wirklichkeit, die immer ein bisschen über das hinausgeht, was gerade auf der Flamme des Zeitgeistes gebrutzelt wird und in lange Schatten gehüllt vor einem liegt, mit hellen Flächen, die sich manchmal nur ganz wenig von den Schatten abheben, aber deutlich genug.

Ungleich unruhiger, irritierter, lassen mich Dubravka Ugrešićs leicht havarierende Kapitel in ihrem Text „Europa in Sepia“ zurück. Die ganze Schilderung hat wenig Konzept, zumindest wirkt es auf mich so – sie bewegt sich von einem Irlandaufenthalt zu einem Besuch in Bratislava, dann geht es kurz um slawische Geschichte, bevor dann von niederländischen Verhältnissen gesprochen wird. Vielleicht machen gerade diese Überblendungen den Beitrag aus, den Ugrešić zur Betrachtung von Europa liefern wollte. Vielleicht wollte sie das Unstete und Willkürliche an den europäischen Verhältnissen und Begegnungen herauskehren. Das zumindest ist ihr gelungen. (Der Text wurde übersetzt von Mirjana und Klaus Wittmann.)

Was ist der Unterschied zwischen Exot*innen und Migrant*innen? Anna Kim hat sich ihr Leben lang in Europa eher als Exotin gefühlt – als jemand, der den Leuten auffällt und anhand dem sie die Vielseitigkeit der Welt bewundern können, ohne dass sie sie integrieren müssen in ihre eigene Lebenswirklichkeit. Denn Exot*innen tauchen auf, aber nur vereinzelt und bilden in jedem Fall eine Minderheit. Seit der Flüchtlingskrise aber, gibt es keine Exot*innen mehr, es gibt nur noch Migrant*innen. In ihrem Text „Die Gleichen“ geht Kim der Frage nach, warum Gruppen von Menschen so oft das Bedürfnis haben zwischen „uns“ und „denen“ zu unterscheiden. Es ist ein kluger, vielseitiger Text, der manchmal ein bisschen den Faden zu verlieren droht, aber gerade dieser leicht unbestimmte Einschlag macht wiederum eine besondere Ebene möglich, auf der sich der Text mit einer gewissen Eleganz und Ruhe bewegen kann.

Ingo Schulzes Text geht der Fragestellung Europa in einem Bericht nach, der sich im Umfeld eines europäischen Kriegsschauplatzes bewegt. Im Dezember 2015 nimmt er an einer Art Symposium teil, bei der verschiedene Schriftsteller*innen und Intellektuelle aus dem Ausland, aber auch Vertreter*innen aus den verschiedenen Teilen der Ukraine, zusammenkommen, um über den ukrainischen Konflikt zu debattieren. Das Treffen findet in der eher östlich gelegenen Kulturmetropole Charkiw statt und gerät an verschiedenen Punkten fast aus dem Ruder. Deutlich wird: hier droht ein zweites Jugoslawien, denn beiden Seiten geht es mehr um ihre eigenen Opfer und die eigene Machtbasis als darum, den Konflikt zu lösen. Schulze erweist sich als guter Beobachter und lässt andere viel öfter zu Wort kommen als sich selbst. Herausgekommen ist ein Text, der zumindest mir erstmalig einen lebendigen Eindruck von den Verwerfungen vermittelt, die in dem osteuropäischen Land derzeit existieren und immer tiefere Keile treiben.

Najem Walis Bericht über seine Kindheit im Irak, seine Reisen und schließlich seine Emigration nach Europa, sind wunderbar erzählt und das narrative Element des Textes mag ich sehr. Allerdings stößt mir übel auf, wie der Autor, gegen Ende hin, allzu sehr ins Propagieren verfällt. Das ist auch eine Geschmacksfrage und man könnte mir zurecht entgegenhalten, dass Idealismus keine Schande ist und sogar dringend notwendig, gerade wenn es um Europa geht. Ich stimme zu. Dennoch: die Plötzlichkeit und Haltlosigkeit, mit der sich der Text am Ende in ein Bekenntnis verwandelt, sie haben etwas Belehrendes, Enges.

Ein sehr schöner Schlusspunkt sind die Gedichte von Tom Schulz. Etwas Verträumtes haben sie, aber dabei auch etwas gestochen Scharfes. Kleine Bilder werden umkreist und man hat das Gefühl, als würden einem die vom Wind abgetragenen Sandkörner, die einst zu riesigen Gebäuden gehörten, auf offener Handfläche hingehalten. Und zugleich ist alles Element, alles Weite.

Es klingt fast wie eine Schikane, aber ich scheue mich nicht, es so zu formulieren: dieses Heft ist wichtig. Ich wünschte mir, es würde flächendeckend gelesen. Es hat aufklärerischen Charakter, ist aber dank der enthaltenen Geschichten außerdem differenziert und nicht zu parteiisch, es enthält intelligente universale Ansätze und interessante singuläre Aspekte. Kurzum: Es ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, was Europa angeht, aber irgendwo muss man ja anfangen und wenn viele in Sachen Europa mit diesem Heft beginnen würden, dann wäre das schon mal ein Anfang.

 

Beteiligte Autor_innen der Ausgabe: Jo Lendle, Robert Menasse, Alek Popov, Dana Grigorcea, György Dragomán,  Zbigniew Herbert, , Babelsprech, Nicoleta Esinencu, Ulrike Guérot, Charles Heller,  Adam Zagajewski, Chantal Mouffe, Lily Brett, Dubravka Ugreši,  Anna Kim, Ingo Schulze, Najem Wali, Tom Schulz.

Robert Menasse (Hg.) · Jo Lendle (Hg.)
Akzente 3/2016
Hanser Verlage
2016 · 144 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25179-3

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