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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Löffel unter den Augenlidern

Hamburg

Der um feinste Nuancen veränderte Tonfall in einer alltäglichen Frage, ein fremder Geruch auf der Haut des Ehemannes – den Figuren in Robert Prossers drittem Buch und erstem Roman entgeht nichts. Isoliert von Welt und Zivilisation umkreisen und belauern die Protagonisten sich gegenseitig, wie auch der junge Tiroler Autor seine Figuren sacht belauert, um ihnen, wie ein hochempfindlicher Seismograph, jene Zwischentöne und inneren Bilder, die sich für gewöhnlich nicht im Bereich des Hör- und Sagbaren ansiedeln, abzulauschen und in eine fiebriggenaue poetische Prosa zu überführen.

Eine Gruppe von Milizionären, Männer und Frauen, ziehen sich nach den Gefechten um Berg-Karabach, kriegs- und zivilisationsmüde in ein abgelegenes Tal an der aserisch-aserbaidschanischen Grenze zurück. Dort, in den Wäldern des armenischen Kaukasus errichtet die Gemeinschaft eine Siedlung, in der fortan eigene Regeln und Riten gelten. Eine archaische, magische Welt, in der rotfellige Wölfe, Einsamkeit, Eintönigkeit und die auch durch den exzessivsten Rausch nicht zu bändigenden schmerzhaften Erinnerungen und Alpbilder des Krieges die hartnäckigsten Bedrohungen sind. Selbst gebrannter Alkohol, der hier nicht in Litern, sondern in Gramm gemessen wird, vom Medizinmann Avo fabrizierte Talismane und unerlaubte Affären sollen hiervon Abhilfe schaffen.

Den wirkmächtigsten Schutzzauber aber schreiben die Männer den Tätowierungen zu. Dem zentralen Motiv in Prossers Roman.

Unter ehemaligen Soldaten, wie auch unter Lagerinsassen dienen die Tätowierungen als Ausweis. Als auf die Haut gestochene Ikonographien, die nur den Eingeweihten zu lesen und zu deuten beschieden sind.

Er klammert sich an die Tätowierungen und die dazugehörigen Geheimnisse: Alles hier hat mir Schmerz zu tun. Man wächst ins Symbolhafte, trägt Talisman-Tatoos als Schutz gegen Tuberkulose oder Stalinfratzen über dem Herzen, weil kein Soldat oder Polizist auf ein solches schießen wird, glaubt man. Ikonen, Werwölfe und Teufel marschieren auf, weil man zwischen den Welten wechselt, ein Biest sein will und deshalb diese Figuren und Schädel und Schriften auf der Haut trägt.

Der entgleisten unberechenbaren Welt wird trotzig die eigene Wirklichkeitsbeschwörung in Form von unter die Haut gestochenen Symbolen entgegengehalten, an der man sich, wie an Fetischobjekten festhält, um sich überhaupt noch an irgendetwas festhalten zu können.

Die Zahl der Männer, die man erlegt hat, wird als Strichliste auf den Handinnenflächen festgehalten. Rang, Vergehen, Beruf, sexuelle Vorlieben, all dies wird über die Hautbilder kommuniziert. Achtung erwirbt sich, wer nicht einmal davor zurückschreckt sich einen Löffel unter die Augenlider schieben und ein Lass mich schlafen darauf stechen zu lassen.

Die Überführung der Wunden und Schmerzen in Bilder, sie ist es, die den Geschundenen und Schindenden ihre Würde erhält. Ebenso wie Robert Prossers versucht die Verletzungen und Verletzlichkeit dieser einerseits so skrupellos brachialen Männer, die in Wut und Suff ihrer Neugeborenen aus dem Fenster in den Neuschnee werfen und andererseits zu den zärtlichsten Freundschafts- und Liebesbekundungen in der Lage sind, in einer poetisierten Bildwelt zum Ausdruck zu bringen, die diesen ihre Würde wieder gibt. Und das gänzlich ohne jedes Pathos. Was wohl auch an der auffallenden Präzision der verwendeten Bilder liegt. Jedes einzelne Wort sitzt, kein falscher Ton wird angeschlagen.

Unter dir, zwischen deinen Händen, liegt das Gesicht Sirans. Klammerst dich an den Anblick der schattenfleckigen Fährten, die im Flammenflackern darüber ziehen. Um deine Eltern nicht zu wecken, bewegt ihr euch langsam, vorsichtig, wie Regen vom Dach tropft, nur vereinzelt entkommt ein verhaltener Schrei dem Umkreis der Kerzen. Diese Nächte, sagst du ihr, ähneln Fichtenzweigen, die man knapp vorm Abrutschen in eine Schlucht gerade noch erwischt, die mit dunkelgrünen Nadeln aber leicht der Hand entgleiten.

Die Ereignisse, die Erinnerungen eines namenlosen Dus, das seinen Wehrdienst in der DDR geleistet und im sinnlosen Kriegsgemetzel der beiden Länder Aserbaidschan und Armenien um die Region Berg-Karabach Anfang der 90er Jahre mitgekämpft hat, werden einerseits zumeist nur schemenhaft skizziert, als Andeutungen, die der Leser zu Ende spinnen muss. Nebensächliches und Details wiederum werden mit überpoetischer Genauigkeit ausgemalt und vergrößert.

So wird das schier unvorstellbar Grausame, das berichtet wird, erträglich.

Auch hat man es bei diesem Buch mit einem jener seltenen Glücksfälle zu tun, in dem gelingt, was die so heikle Du-Perspektive im besten Fall vermag: eine Intimität und Nähe zur Figur, die einem in ihrem Sog selbst zum Protagonisten der Romanwelt werden lässt.

So wird der Leser Teil jener merkwürdigen Gemeinschaft, angesiedelt in einem surrealen Nirgendwo, einem Grenzland zwischen Geistern, Wölfen und Lebenden; Erinnerung und Gegenwart. Einer Welt, in der Grenzschmuggel und das abendliche Kartenspiel die wenigen willkommenen Ablenkungen sind und in der vor allem der Winter am unbarmherzigsten zuschlägt. Was kann man machen in diesem Wintereinbruch, der einer ewigen Gegenwart gleicht oder dem Augenweiß eines desinteressierten Gottes. Man sitzt mit seiner Frau Siran, der Tochter Naira und der Ziege in der klaustrophobisch kleinen Hütte und hofft inständig, dass der Walkman die alte Kassette noch einmal abspielt. Man versucht so vehement, das, was man nicht vergessen kann, im Alkohol zu ertränken, bis die Vergangenheit als Geist aus der Flasche umso erbarmungsloser wieder aufersteht und zuschlägt.

Robert Prosser hat mit Geister und Tattoos einen bemerkenswerten Roman geschrieben. Über einen Konfliktherd, über Menschen aus einem Teil der Welt, der im deutschsprachigen Raum literarisch noch kaum erschlossen ist. Zugleich hat er aber auch eine zeit- und ortlose Geschichte darüber geschrieben, was Menschen zu Tieren und was sie wiederum zu Menschen macht.

Robert Prosser
Geister und Tattoos
Klever
2013 · 180 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-902665-65-2

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