Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Die Welt am Nachbartisch

Robert Serbans präzise lyrische Beobachtungen

Man kann die Themen durchaus klassisch nennen, denen sich der Rumäne Robert Serban in seinen Gedichten zuwendet: „Die Poesie“, „Die Liebe“, „Das Leben“ oder „Die Freundschaft“ lauten einige der Kapitelüberschriften in Serbans Gedichtband „Heimkino, bei mir“, welche die Texte zugleich lose gruppieren. Tatsächlich setzen Serbans Gedichte weniger auf Effekthascherei oder sprachliche und thematische Innovation. Gleichwohl platziert der Dichter an geeigneter Stelle hie und da eine Pointe oder eine löst eine unerwartete Wendung aus. Insgesamt aber schreibt Serban eher unaufgeregte, dafür wohlbedachte Zeilen. Vielleicht weiß der Dichter selber, dass er gerade in seinen kurzen Gedichten am besten ist – dort, wo er knapp und präzise formuliert und damit auch der Gefahr einer gewissen Beliebigkeit entgeht.

Robert Serban, 1970 geboren, ist kein Vielschreiber. Das mag mit seinen vielseitigen Aktivitäten zusammenhängen, betätigt er sich doch auch als Journalist, Kolumnist, Herausgeber mit eigenem Verlag (Editura Brumar), als Fernsehmoderator und Kritiker. Trotzdem hat er seit 1994 ein paar Gedichtbände publiziert. Für einen Dichter, der aus einem doch eher kleinen Literaturland stammt, ist Serban zudem in erfreulich viele Sprachen übersetzt.

Der hier besprochene Band trägt im rumänischen Original den Titel „Cinema la mine-acas?“ und erschien mit einer Hör-CD, worauf der Autor selbst seine Gedichte liest. Der Band hat in Serbans Heimat mehrere Preise erhalten, darunter von der Zeitschrift „Observator cultural“ für den „besten Gedichtband 2006“. Serbans Gedichte bestechen vor allem durch präzise Beobachtungen, die den Kern vieler Gedichte ausmachen, woraus dann unter Umständen eine milde Moral oder eine leise Pointe erwachsen können. Das lyrische Ich sitzt in einem Café oder an einem anderen öffentlichen Ort, es beobachtet die Menschen – und mitunter auch sich selbst („Selbstporträt“) – und registriert sehr genau, was in seiner Nachbarschaft vor sich geht. Die Gedichte nehmen ihren Anfang oft in alltäglichen Begebenheiten, sie werden von einer wahrgenommenen Geste oder einem mitgehörten Wort ausgelöst. Das lyrische Ich am Nebentisch des Lebens ergänzt dann diese Beobachtungen um eine sinnliche Note oder einen philosophischen Gedanken, wie etwa im Gedicht „Momentaufnahme“: „ich blicke in die Zeitschrift in der die Dame hastig blättert // einige Male / bin ich versucht ihr zu sagen / warte, warte ein wenig / aber nicht wenn das Papier sich mit bunten Bildern füllt / sondern wenn ihre Lippen und die Zunge den Finger befeuchten / mit dem sie umblättert.“

Manche Gedichte befassen sich mit dem Schreibprozess, wie etwa das gelungene „Um schreiben zu können“, das den Band eröffnet und unter anderem die Einflussangst thematisiert, welcher der Schreibende sich ausgesetzt sieht: „um besser schreiben zu können / lege ich den Bogen Papier / auf ein Buch // der Name des Autors / kommt dann und wann / zum Vorschein / wie ein Ertrinkender / und versucht mich an der Hand zu nehmen // ich schreibe schnell-schnell und mit Nachdruck / und die Wörter füllen / den dünnen Bogen / wie Erschollen / ein frisches Grab.“ Die Gedichte mit Liebesthematik wiederum zeigen eine gewisse erotische Freizügigkeit, während das Kapitel „Kampf“ sein Thema gleichermaßen konkret wie auch metaphorisch behandelt: Erinnerungen an den Militärdienst stehen hier neben Gedichten über den Krieg, aber auch das Leben selbst wird bisweilen wie ein Kampfschauplatz dargestellt.

Lokalkolorit gibt es in Serban Gedichten kaum: Man sieht und hört diesen Texten ihre rumänische Herkunft nicht an. Die Texte könnten ebenso gut von ganz woanders stammen. Und tatsächlich gestand Serban in einem Interview, die meisten Gedichte des Bandes seien in einer österreichischen Kleinstadt entstanden. Mancher mag von einem rumänischen Autor etwas mehr landespezifische Elemente erwarten, doch könnte gerade auch das im besten Sinne „Ortlose“ an Serbans Gedichten ihre Rezeption im Ausland begünstigen.

Hellmut Seiler hat Robert Serbans Gedichte ins Deutsche übertragen. Auch wenn sich ab und zu eine Unsicherheit in die Syntax geschlichen hat („der Geruch in der Gasmaske / die wir aufsetzen mussten und kilometerweit damit rannten [...]“), so lesen sich die deutschen Versionen doch insgesamt flüssig und leicht. Manchmal zeigt sich freilich auch in diesem Band, wie schwer sich Lyrik überhaupt übersetzen lässt: Im Gedicht „Ich verstecke mich“ zieht sich das lyrische Ich in eine große Kirchenglocke zurück und beobachtet den Glockenklöppel. Das Rumänische verwendet für „Klöppel“ ein Wort, das auch und zuallerst „Sprache“ bzw. „Zunge“ bedeutet. In der deutschen Übertragung geht hier also eine ganze Dimension verloren – was natürlich nicht dem Übersetzer angelastet werden kann, denn dieser war hier geradezu gezwungen, eine Wahl zu treffen. Vielleicht ist Serbans Gedicht denn auch ein spätes Echo auf einen berühmten Sechszeiler Mihai Eminescus (1850-1889). Auch Eminescu hatte in „Se bate miezul noptii în clopotul de-arama“ (Es schlägt Mitternacht in der kupfernen Glocke) den Gleichklang von Glockenklöppel und Sprache ausgelotet. So könnte man Serbans Zeilen auch als Ausdruck einer erlösenden Sprachfindung lesen: „[...] Dämpfe steigen aus mir auf und schlagen sich / auf dem bronzenen Klöppel nieder / befeuchten ihn und bedecken ihn mit Salz / und er beginnt sich langsam zu bewegen / wie ein Toter den der Regen zum Leben erweckt.“

Robert Serban
Heimkino, bei mir
Übersetzung:
Hellmut Seiler
Nachwort: Traian Pop Traian
POP
2009 · 82 Seiten · 14,50 Euro
ISBN:
978-3-937139708

Fixpoetry 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge