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Kritik

Die Größe des Landes

Hamburg

Diese Anthologie ist ein echter Brocken. Ein Wälzer. Ein Backstein in Hellgrün. Neben ihr wirken das „Museum der modernen Poesie“ oder der „Atlas der neuen Poesie“ fast schon ein wenig schmalbrüstig. Sie sticht im Umfang und enzyklopädischen Anspruch alles Vergleichbare aus. Roger Perret hat auf 640 Seiten ein Kompendium der Schweizer Dichtung ab 1900 zusammengestellt, das allein schon der schieren Fülle wegen wirklich beeindruckt: rund zweihundertfünfzig Dichter und Dichterinnen in den Landessprachen und Dialekten (einschließlich des Rätoromanischen, Friaulischen, Walserdeutschen) sind vertreten, meistenteils zweisprachig, außerdem haben formal übergreifende Formen wie lyrische Prosa und visuelle Poesie (in farbigen Reproduktionen) glücklicherweise Aufnahme gefunden. Wer immer in der Schweiz geboren ist oder starb, dort gewohnt, studiert, gearbeitet und geschrieben hat, darf sich eines Eintrags sicher sein, und sei es mit einem einzigen Gedicht. Ein Nachwort und ein ausführlicher Anhang, insgesamt über siebzig Seiten, ergänzen die Lyrik selbst und machen das Buch zu einem kleinen Nachschlagewerk, bei dem man nur wenige Stimmen, etwa Daniele Pantano, vermißt.

„Es gibt keine Einheit mehr“: diese Zeile von Blaise Cendrars eröffnet die Anthologie, und sie könnte als programmatisches Motto darüber stehen. Nicht chronologisch angeordnet, sondern zu Sinn- und Kontrastabschnitten sind die Gedichte gebündelt. Die Einheit liegt im Disparaten, aus dem sich hier und dort Korrespondenzen und Zusammenhänge herausschälen — Gustave Roud steht zum Beispiel mit vollem Recht neben Philippe Jaccottet—, aber auch Gegenströmungen entwickeln und aufeinanderprallen — weshalb Meret Oppenheim trotz großer Unterschiede auf Albin Zollinger folgen kann. Dieses Prinzip ist reizvoll, hält es doch die Neugier wach und lädt zu weiterem Blättern ein. Es wäre vermessen, wollte man die verschiedenen Richtungen, Strömungen, Auslotungen, Gangarten der hier versammelten Schweizer Dichtung sämtlich im handlichen Gefäß einer Rezension unterbringen. Auch wenn konkrete Poesie und Sprachexperimente insgesamt vielleicht ein wenig zu stark gewichtet sind, betont die Anordnung der Anthologie auf beindruckende Weise die literarische Vielfalt der Schweiz und weist zugleich stets über die Landesgrenzen hinaus.

Was soll man zitieren: ein kurzes, einzeiliges Gedicht oder ein Langgedicht in Gänze? ein Mundartgedicht oder eine Übersetzung? einen Text aus der Irrenanstalt oder aus der Stille des Schreibtischs, wenn beides gleich luzide ist? Selbst ein paar Namen nur durch Erwähnung herauszuheben, bedeutet zwangsläufig, gegen andere Namen unfair zu sein. Deshalb statt eines summarischen Schlußworts oder eines hilflos aus der Fülle ausgewählten Beispiels ein paar Sätze, die dem Rezensenten beim Durchblättern aufgefallen oder besonders eindrücklich im Gedächtnis geblieben sind. „Der Alltag ist der grösste Comic-Strip“ (Urban Gwerder), „Vielleicht wird einmal alles vergessen, was schön war“ (Martin Merz), „Steine im Bach: kahle Priesterköpfe in andächtigem Gebet“ (Anna Maria Bacher), „Wie geschwollen vom ewigen Wachsein“ (Georges Haldas), „Die Kübelpalmen träumen von Oasen“ (Gerhard Meier), „Dinge, die aufwühlen und verletzen, jene die Gänge aushöhlen, die zwitschernden und leuchtenden Dinge, die wirklichen Dinge, die Dinge“ (Alberto Nessi), „Das Gedicht ohne Druckerschwärze dieses Atmen im Weiss müsste es geben“ (Svenja Herrmann), „selbst der trübste Himmel weckt Sehnen in dir nach Schiffen und Meer“ (Pietro Montorfani). Die Größe eines Landes wird nicht durch die Landesgrenzen definiert, sondern durch die Reichweite der Imagination seiner Dichter. Die nationale Begrenzung ist nur ein Hilfskonstrukt, wenn es darum geht, bekannte und weniger bekannte Namen zu bewahren und für die Entdeckung zu präsentieren — auf den Migros-Kulturprozent, der diesen Band ermöglicht hat, muß man anderwärts allerdings wohl ziemlich neidisch schielen.

Roger Perret (Hg.)
Moderne Poesie in der Schweiz
Eine Anthologie von Roger Perret
40 Abbildungen, teilweise vierfarbig
Limmat Verlag
2013 · 640 Seiten · 48,00 Euro
ISBN:
978-3-85791-726-4

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